Der Drache
Noch lange, nachdem er das kleine, liebliche Tal mit dem Urdsee, den drei Nornen und dem Weltenbaum Lärad, verlassen hatte und jetzt im Begriff war, den nächsten Hügel zu erklimmen, dachte er über das Gespräch mit Lärad nach.
Eigentlich war er jetzt genauso schlau wie vorher. Denn das, was Lärad in wahrlich wunderschöne Verse gefaßt hatte, war ihm irgendwie auch früher schon bekannt gewesen. Nur ein Punkt war ihm noch nicht ganz so klar, wie es den Anschein hatte:
Er war doch ausgesandt worden, um das Böse zu vernichten. Nur hatte Lärad ein paarmal indirekt gesagt, das Böse wäre unausrottbar! – Irgendwo lag da doch wieder so ein Widerspruch. Und so sehr er sein Gehirn auch marterte, er kam nicht hinter dieses Geheimnis. Eelie und Wolf fragen, stand nicht zur Debatte – denn er wollte sich nicht schon wieder als kleiner dummer Junge dahinstellen. Vielleicht kam er auch so und von ganz alleine dahinter, was diese Wortspielereien bedeuteten.
Zuerst mußte er sich darauf konzentrieren, daß jederzeit ein Angriff der Festung erfolgen konnte. Welcher Art diese Angriffe sein würden, wußte er auch nicht, und er mußte sich eingestehen, daß er eigentlich, so lange er auch schon unterwegs war, nichts wußte von alledem, was ihn erwartete und er dann tun konnte.
Er mußte demnächst einen oder mehrere Kämpfe bestehen, das war schon mal klar – wobei ihm jetzt schon übel wurde bei dem Gedanken. Kämpfen für das Gute! – Auch hier lag doch wieder ein riesengroßer Widerspruch, auch wenn Göll gesagt hatte, daß Kämpfen und Kämpfen zweierlei wären.
Nein, das Geheimnis lag irgendwo verborgen, und in allen Gesprächen, die er bis jetzt geführt hatte, war es auch irgendwie angeklungen, nur er konnte sich nicht darüber klar werden, wo, wie und wann.
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Während er so in seinen Gedanken vertieft weiterlief, ohne sich um den Weg zu kümmern, änderte sich langsam aber sicher die Umgebung. Die Landschaft war zwar noch grün in den schönsten Frühlingsfarben, aber kahle Berge traten jetzt plötzlich am Rand des Weges auf, und Sven wußte nicht, ob er sie schon vorher erkannt hatte oder ob sie auf einmal da waren. Erschreckt blieb er stehen und schaute zu einem Berg hinauf, der steil am Weg emporragte.
Plötzlich schrie Wolf auf: “Sven – Vorsicht – Steinlawinen”! und machte einen gewaltigen Satz in Richtung eines Fels-Vorsprunges.
Sven folgte ihm gedankenschnell. Keine Sekunde zu spät, denn schon polterten die ersten Steine herunter und bedeckten die Stelle, an der sie soeben noch gestanden hatten, mit Geröll.
“Puh, das war knapp!” keuchte Wolf und blickte Sven angstvoll an. “Hast du das nicht bemerkt? Du schautest doch nach oben!”
“Nein”, gab Sven kleinlaut zu.
“Sven, ich habe ein ungutes Gefühl.”
“Wieso? – Nur, weil da ein paar Steine heruntergefallen sind?”
“Dieser Steinschlag kam nicht von ungefähr!”
“Du meinst … Zirkonia …”
“Genau das”, unterbrach Wolf ihn und musterte Sven nachdenklich. “Du Sven …?”
“Ja?”
“Ich … ich habe Angst.”
Sven seufzte lächelnd, klopfte Wolf auf die Schultern und schaute ihn beruhigend an. “Ich bin ja bei dir, Wolf.” Dann blickte er gedankenverloren in die Ferne, als suche er dort irgendwas. “Aber um ehrlich zu sein”, meinte er dann, “ich habe auch Angst.”
Lange war es still, nur von Ferne hörte man das Rauschen von Wasser. Sven setzte sich seufzend wieder in Bewegung, um gleich wieder erschreckt stehen zu bleiben. Hatte er sich getäuscht, oder wurde das Rauschen des Wassers lauter? – Er lauschte. – Tatsächlich, jetzt klang es schon wie ein Wasserfall.
Wolf schaute Sven an. “Hörst du das gleiche wie ich?”
“Ich glaube … ja”, erwiderte Sven stockend. “Denkst du auch das gleiche?”
“Ja.”
Das Rauschen wurde lauter und immer lauter. Einer plötzlichen inneren Eingebung folgend faßte Sven Ratatosk fester und rannte auf die Felsen zu.
“Wolf, schnell, das Wasser kommt!”
Der letzte Satz ging schon fast im Getöse des heranbrausenden Wassers unter, aber Wolf verstand. Sie erreichten die Felsbrocken und kletterten, so schnell sie konnten, hinauf. Dann sahen sie auch schon die Flutwelle kommen – höher, als sie erwartet hatten.
“Wolf, es reicht nicht! Wir müssen höher!”
Ratatosk verkroch sich zum wiederholten Mal in Svens Schulterbeutel, sodaß Sven beide Hände frei hatte zum Klettern. Abwechselnd sich selber und Wolf hochziehend erreichten sie mit letzter Kraft das Plateau. Sven hielt sich beide Ohren zu, als die Wasserlawine vorbeidonnerte. Steine und Geröll wurden mitgerissen, und mehr als einmal hatte Sven Angst, daß aufschlagende Wellen das Plateau überschwemmen und sie mitreißen könnten. Aber langsam sank der Wasserspiegel wieder und die Lawine zog vorüber.
Doch eine neue Gefahr tat sich auf. Schnelle Flügelschläge und das Gekreische von unzähligen Vogelkehlen war zu hören. Das Gekrächze und Geschrei verwandelte sich langsam in Sprache. Sven starrte entsetzt zum Himmel, als er die Stimmen hörte:
“Da ist er ja, der niedliche Knabe.”
“Ja wodenn, wodenn? Sag doch.”
“Da unten, auf dem Felsplateau.”
“Ah, ich sehe ihn. Mit seinem Freund, dem Wolf.”
“Wollen wir ihn anknabbern, den süßen Kleinen?”
“Ja kommt. Das wird ein Festessen!”
Wie Pfeile fielen die unheimlichen Vögel vom Himmel, um sich auf die drei Freunde zu stürzen. Sven sprang vom Felsen in die Tiefe, ohne sich weitere Gedanken zu machen. Wolf folgte ihm auf den Fuß. In dem letzten Rest des Wassers tauchend schwammen sie um ihr Leben, um am gegenüberliegenden Ufer im Gebüsch Schutz zu suchen.
Ihr mutiger Sprung hatte Erfolg. Die mordlustigen Vögel flogen suchend über dem Felsen und dem Wasser umher. Wütend, weil sie sich ihrer Nahrung beraubt sahen, schnatterten sie um die Wette:
“Ja, wo sind sie denn?”
“Gerade noch waren sie da.”
“Oh, dieser süße Knabe wäre so lecker gewesen.”
“Meckere nicht so rum. Such lieber!”
“Ja, wo sollen wir denn suchen?”
“Ich glaube, du hast recht. Sie sind weg.”
“Oh, was tut mir das leid um den leckeren, niedlichen Buben!”
“Suchen wir dahinten weiter, hinter dem Felsen.”
Schimpfend entfernten sich die Vögel. Aufatmend krochen Sven, Wolf und Ratatosk unter ihrem Versteck hervor.
“Das war alles Zirkonias Werk”, murmelte Sven, am ganzen Körper bibbernd.
Auch Wolf schüttelte sich. “Ich möchte allzu gerne wissen, was sie uns als nächste Überraschung serviert.”
“Ich weiß nicht, Wolf. Aber ich glaube, das waren bisher nur Vorboten.”
“Wie meinst du das?”
“Sven hat recht”, meldete sich plötzlich Eelie wieder zu Wort.
“Du kommst auch immer, wenn die Gefahr vorüber ist”, sagte Sven erbost und setzte sich, die Arme vor Kälte zitternd um den Körper geschlungen, ins Gras.
“Entschuldige Sven, aber ist es nicht besser, wenn ich dich in dem Augenblick der Gefahr allein lasse, statt dir dreinzureden, oder dir zu sagen, was du zu tun hast? – Ein Mensch macht im Moment der Gefahr sowieso meist das Richtige!”
“Ja, ist gut”, murmelte Sven, ohne auch wirklich mit dem einverstanden gewesen zu sein, was Eelie gesagt hatte.
“Was ist jetzt mit den Vorboten? – Kann irgendeiner der Herrschaften mir vielleicht erklären, was es damit auf sich hat?” Wolf wurde langsam ungeduldig.
Sven schaute ihn entgeistert an. “Ich meinte bloß, daß es noch schlimmer werden könnte.”
“Verstehe ich jetzt wirklich nicht ganz.”
“Also”, erklärte Eelie. “Zirkonia will uns nur Angst machen. Die wirkliche und große Gefahr kommt noch erst. Das hat Sven gemeint.”
“Ahaa”, machte Wolf. “Sollte es vielleicht damit beginnen, die große Gefahr meine ich, daß es jetzt kälter wird?”
Sven starrte seinen tierischen Freund entsetzt an. “Was sagst du da?”
“Das es kälter wird!”
Tatsächlich, jetzt merkte er es auch. Aber nicht, daß es gemächlich an Kälte zunahm, so wie man es beim Übergang vom Herbst zum Winter kannte. – Nein, es wurde schlagartig kalt. Entsetzt stellte Sven fest, daß seine Kleidung schon hart wurde.
“Schnell Wolf, wir müssen weiter. Wir haben nasse Kleidung und es friert. Wir müssen laufen, schnell!”
Wolf schaute Sven entgeistert nach, dann stand er auf und schüttelte sich noch mal. Dabei fielen Eisstücke aus seinem Fell. Instinktiv richtete er seine Schnauze nach oben und jaulte, was seine Wolfslunge hergab.
Sven drehte sich um. “Wolf, komm! – Oder willst du da erfrieren?”
Nein, das wollte er nicht. Mit mächtigen Sprüngen setzte er Sven nach.
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Es fing an zu schneien. Ausgerechnet jetzt hatte Sven seinen dicken Fellumhang nicht dabei. Er zitterte am ganzen Körper. Die Landschaft deckte sich langsam mit der eisigen, kalten Pracht zu. Zu allem Überfluß fing es auch noch an zu stürmen, und Sven hatte Hunger. Der eisige Wind kroch durch seine dünne Jacke, obwohl er sie bis obenhin geschlossen hatte.
Immer stärker wurde das Schneetreiben, das Eis, der eisige Wind, der allein durch Zirkonias Macht gekommen war, um ihn daran zu hindern, den heiligen Gral zu erreichen.
Seine Finger begannen zu prickeln und der Wind wurde stärker. Wie spitze Nadeln stachen die Schnee- und Eiskristalle in sein Gesicht, sodaß das Atmen immer schwerer wurde. Seine Kräfte fingen an zu erlahmen. Aber er marschierte weiter. Sein Wille war so stark, sein Kampfgeist so gegenwärtig, daß er Zirkonia zeigen wollte, wessen Macht größer war.
Wolf und Ratatosk ging es nicht anders. Obwohl Wolf ein dickes Fell hatte, bibberte auch er am ganzen Körper und seine Zunge hing lechzend heraus. Sven fing an zu stöhnen, als eine kräftige, eisige Sturmböe ihn fast zum Stillstand zwang. Jegliches Gefühl war aus seinen Händen gewichen, auch sein Gesicht spürte er nicht mehr. Die Eisluft gab ihm das Gefühl, seine Lungen seien schon ein Eisklumpen. Sollte Zirkonia doch gewinnen?
Dann sah er die Höhle.
“Da!” krächzte er mit aller Kraft und wankte in Richtung des Felsens. Am Eingang der Höhle ließ er sich fallen. Schwer atmend blieb er liegen, bis ihm eine feuchte Schnauze ins Gesicht stieß.
“Sven … weiter”, ächzte Wolf, “hier kannst du nicht liegen bleiben.”
Mühsam raffte Sven sich hoch und kroch auf allen Vieren ins Innere der Höhle, die sich als ziemlich geräumig erwies. Dort blieb er noch eine Weile schnaufend liegen, um dann von Eelie aufgefordert zu werden, ein Feuer zu machen. Widerwillig setzte er sich auf und staunte nicht schlecht, als er sah, daß ein Stoß Reisig vor ihm lag.
“Wo kommt das her?”
“Ich glaube, es lag in den Ecken verstreut”, entgegnete Eelie. “Wolf hat es gerade zusammengekehrt.”
Zitternd fingerte Sven den Feuerstein aus seinem Beutel, aber erst nach mehreren Versuchen züngelte eine kleine Flamme aus dem trockenen Holz. Fröstelnd legte sich Wolf neben das kleine Feuer. Auch Sven streckte zögernd seine steifen Finger aus.
“Sven – die Höhle ist noch größer!” rief Eelie plötzlich.
Sven drehte sich um, und im hellen Schein des Feuers erkannte er einen Durchgang, direkt hinter sich.
“Warte, ich komme gleich”, versprach er und öffnete seine Jacke, um die wohltuende Glut seinen kalten Körper erwärmen zu lassen. Doch ein furchterregendes Knurren ließ sie ihm erschreckt wieder schließen. Langsam drehte er sich um. Der Schrei blieb ihm in der Kehle stecken.
Vor ihm standen in einiger Entfernung zwei tiefschwarze hundeähnliche Bestien mit einem gedrungenen Körper, kurzen kräftigen Beinen und einem geringelten Schwanz. Das grausigste an diesen beiden Kreaturen der Hölle aber waren ihre jeweils zwei Köpfe. Sie befanden sich zähnefletschend nebeneinander auf dem dicken Hals und sahen aus wie Boxergesichter, die man mit einem Vorschlaghammer noch platter geschlagen hatte. Ihre Augen funkelten blutgierig und mordlüsternd in Svens Richtung, dann schritt der eine langsam auf ihn zu.
Sven spürte einen feinen Windhauch neben sich – Eelie war an ihm vorbeigehuscht – dann hörte er seine leise Stimme:
“Sven – fasse den Knauf von Hrotti an, aber ziehe ihn nicht aus dem Gürtel – er meldet sich von selbst!”
Sven tat, wie ihm geheißen und setzte langsam einen Schritt zurück in die Richtung des Höhleneinganges. Plötzlich hörte er von hinten ein lautes Poltern; er wagte es aber nicht, sich umzudrehen.
“Was war das?” zischte er Wolf zu.
“Das war ein riesiger Felsbrocken. Die Höhle ist zu!” gab Wolf angstvoll mit erstickter Stimme zurück.
Sven stöhnte. “Verdammt, dann sitzen wir in der Falle. – Wolf, es ist aus!”
“Nein Sven, es ist nicht aus. Solange wir noch leben …”
Der Rest des Satzes ging in ein Gekreische unter, als eine der Bestien zum Sprung ansetzte. Im gleichen Moment spürte Sven ein Zucken in der Hand, mit der er das Schwert Hrotti umfaßt hatte.
Er zog es aus dem Gürtel und ohne, daß er etwas dazutun konnte, beschrieb Hrotti einen Halbkreis in der Luft, dem ein erbärmliches Heulen und das Fallen von zwei Gegenständen folgte.
Sven hatte während des Schwertstreiches beide Augen geschlossen. Als er sie jetzt wieder öffnete, sah er eine der scheußlichen Kreaturen, nunmehr mit nur einem Kopf und einer riesigen Wunde, aus der das Blut herausschoß, am Boden liegen. Der andere Kopf war bis ans andere Ende der Höhle gerollt, und die andere Bestie war gerade im Begriff, diesen jetzt körperlosen Kopf zu verspeisen.
Aber die Bestie war noch nicht am Ende. Obwohl das Blut in Strömen aus der geschlagenen Wunde pulste, raffte es sich auf, als stünde es unter einem inneren Zwang und sprang Sven ein zweites Mal an.
Aber diesmal war Wolf schneller. Mit einem gewaltigen Sprung warf er sich dem Scheusal entgegen und brachte es alleine durch die Wucht des Aufpralls dermaßen zu Fall, daß es bis zum anderen Ende der Höhle rollte.
Wolf setzte hinterher und biß sich in dem Nacken der Bestie fest. Ein Jaulen ertönte, als das Höllentier sich mit aller Macht zur Wehr setzte. Aber es hatte schon zuviel Blut verloren und seine Bewegungen wurden langsamer. Dann streckte es seine Beine von sich und verschwand.
Sven stand wie versteinert. Die Kreatur war verschwunden, hatte sich in Luft aufgelöst. Nur ein Häufchen Asche war übrig geblieben.
Aber lange Zeit zum Wundern blieb ihm nicht, denn plötzlich erklang aus der anderen Ecke der Höhle wieder ein hohes Kreischen. Die andere Bestie hatte seine grausige Mahlzeit beendet und fletschte Sven mit beiden Köpfen an.
Das blutige Schwert noch in der Hand, überlegte Sven nicht lange. Er sprang einen Schritt zurück und hielt Hrotti mit beiden Händen abwehrbereit vor sich.
Die Bestie sprang, Sven stach zu. Aber der Höllenhund hatte mit Svens Verteidigung gerechnet und seinen Sprung so ausgeführt, daß er über Sven hinwegflog. Im Flug rollte er seinen spiralförmigen Schwanz aus und peitschte Sven damit durchs Gesicht.
Sven schrie auf und fiel zurück, ein brennender Schmerz durchzuckte sein Gesicht, als hätte jemand glühende Kohle hineingeworfen. Dann hörte er ein wütendes Knurren. Wolf war hinzugesprungen und hinderte die Kreatur daran, Sven erneut anzuspringen.
Sven raffte sich wieder auf. “Wolf, zurück!” schrie er, so laut er konnte und stürmte vorwärts, Hrotti wie eine Sichel vor sich herschlagend. Die Bestie sprang – und jaulte seinen Todesschrei zugleich, als das Zauberschwert seinen Leib durchtrennte.
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Der Spuk war vorbei. Zitternd stand Sven da, das Schwert fiel ihm klirrend aus der Hand.
“Sven … wir haben … gewonnen”, stöhnte Wolf.
Sven ließ sich zu Boden fallen und robbte langsam und kraftlos zum Feuer. Dort blieb er erst eine ganze Weile liegen und wärmte sich, denn er fror jämmerlich.
“Nein Wolf, das glaube ich nicht”, kam es zögernd aus ihm heraus.
“Wieso nicht?” wunderte sich Wolf und kroch näher.
“Eelie, bitte erkläre du es ihm. – Ich kann nicht mehr.”
“Schau mal zum Eingang, Wolf”, sagte Eelie ganz ruhig, “er ist versperrt.”
“Verdammt!” entfuhr es Wolf. “Daran hatte ich nicht mehr gedacht. Wir sitzen in der Falle.”
“Richtig!”
Wolf schwieg eine Weile, dann stellte er plötzlich seine Ohren als Zeichen des Erkennens auf und blickte Sven an. “Und der Durchgang dort hinten?”
“Wer weiß, wo der hinführt”, entgegnete Eelie an Svens Stelle. “Aber du hast recht”, fuhr er dann fort, “wir müssen es versuchen. Sonst war…”
“… die ganze Reise umsonst! – Wolltest du doch sagen”, unterbrach Sven ihn. “Und das will ich nicht. – Ich habe getötet und damit das Böse angewandt. Ich weiß also, daß etwas Böses in mir steckt. Aber ich werde nicht zulassen, daß das Böse in mir mächtig wird. Zirkonia hat meine Seele noch nicht. – Wir werden sehen, wo wir hinkommen, wenn wir dort durchmarschieren. Und dann werde ich die Reise fortsetzen. Im Sinne des Guten!”
Erstaunt hatten die Freunde Svens Worten gelauscht. Dann spürte Sven wieder einen Windhauch und hörte Eelie’s freudige Stimme direkt vor sich:
“Oh Sven, wäre ich ein Mensch wie du, ich würde dich für diese Worte umarmen!”

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Sie durchquerten Gänge und Stollen, die manchmal so niedrig waren, daß sie hindurch kriechen mußten, und manchmal so eng wurden, daß Sven meinte, zu dick zu sein, um sich quer hindurch zu quetschen. Dann kamen sie mal in eine kleine Höhle, wo verschiedene Gänge in verschiedene Richtungen führten. Doch Wolf hatte bisher immer den, im wahrsten Sinne des Wortes, richtigen Riecher gehabt und sie immer wieder in den richtigen Gang geführt. So dachten sie es zumindest; denn wissen konnten sie auch dieses nicht. Aber sie verließen sich auf ihr Glück, auch wenn dieses ihnen manchmal einen Streich spielte und sie sich in einem Gang begeben hatten, der abrupt endete; als Sackgasse. Dann hieß es, wieder zurück und den nächsten Gang testen.
Über Durst brauchten sie nicht zu klagen, denn Feuchtigkeit war genug vorhanden, auch wenn das Wasser manchmal abscheulich stank, sodaß Sven sich öfter übergeben mußte.
Oft mußten sie auch erschreckt zurückweichen, wenn der heiße Wasserstrahl eines Geysirs sich vor ihnen auftat oder sogar flüssiges Gestein ihnen den Weg versperrte. Schon so manche Verbrennungen hatte Sven sich dabei geholt. Aber sie marschierten weiter – es blieb ihnen ja auch nichts anderes übrig, wollten sie nicht elendig in diesen Gängen verenden.
Dann hörten sie das Brüllen.
Sven blieb erschreckt stehen. “Was war das?” fragte er mit zitternder Stimme.
“Ich weiß nicht”, entgegnete Eelie genauso verwirrt. “Aber ich schau mal nach. Es kam aus dem Gang da vorne.”
Sven, Wolf und Ratatosk warteten. Die Zeit verrann, aber Eelie kehrte nicht zurück. Mit bangem Gesicht schauten Sven und Wolf sich an. Beide wußten, daß sie das gleiche dachten.
Schon wieder erklang ein schauerliches Brüllen. Als sie schon dachten, es wäre aus und Eelie wäre etwas zugestoßen, spürten sie plötzlich einen zarten Windhauch.
“Eelie, oh Eelie, da bist du ja wieder!” rief Sven erleichtert aus. “Warum hat es denn so lange gedauert?”
“Pst”, zischte der Lichtalbe erregt, “halt dein lautes Mundwerk, sonst sind wir schon verloren, bevor wir noch etwas unternehmen können!”
Sven wurde bleich im Gesicht. “Wieso … was ist denn?” stammelte er nervös.
“Nach dem Gang da vorne kommt eine große Höhle”, erklärte Eelie. “Eine Höhle, wie du sie noch nie gesehen hast.”
“So groß?” staunte Sven.
“Ja.”
“Weiter”, drängte Wolf. “Was war in der Höhle?”
Eelie seufzte. “Ich habe dort ein Wesen gesehen, welches ich noch nie in meinem Elfenleben gesehen habe.” Er machte eine Pause und Sven merkte am Windhauch, daß Eelie aufgeregt hin- und herschwebte. Dann erzählte er zögernd weiter. “Es war tiefschwarz, hatte einen schuppigen Körper, einen langen Schwanz und einen langen Hals, auf dem ein scheußlicher Kopf saß. Zwei rotglühende Augenpaare starrten in die pechschwarze Finsternis der Höhle und sahen deshalb noch schrecklicher aus. Das Maul hatte es weit geöffnet und verströmte einen Gestank, der an die Unterwelt denken ließ. Und dann …”
“… Eelie … leise!” unterbrach Sven ihn. Der Lichtalbe war während seiner Schilderung immer lauter geworden. Sven sah angstvoll in die Richtung, wo er Eelie vermutete. “Wenn das wahr ist, Eelie, dann …” er ließ den Satz unvollendet.
Wolf schaute ihn an. “Du meinst, Zirkonia hat einen … Drachen geschickt?”
Sven schluckte und nickte stumm.
“Heilige Götter”, murmelte Wolf. “Da bin ich aber mal gespannt, wie wir an dem vorbei kommen!”
“Wir müssen! – Sonst gibt es keinen Ausgang”, meinte Eelie.
“Können wir uns nicht an ihm vorbei schleichen?” fragte Wolf vorsichtig.
“Ich glaube nicht. Ich vermute sogar, daß er uns erwartet.”
“Klar erwartet er uns!” brummte Sven niedergeschlagen. “Er ist ja schließlich von Zirkonia aus der Unterwelt Hel geholt worden, um uns zu vernichten!”
“Dann werden wir kämpfen müssen!” bestimmte Eelie.
“Kämpfen, kämpfen!” schimpfte Sven. “Ich höre immer nur kämpfen. Gibt es denn keine andere Möglichkeit des Sieges?” Zornig stieß er mit dem Fuß gegen einen Stein, der polternd in einen Gang verschwand. Als Antwort darauf ertönte wieder ein grausiges Brüllen. Sven erschrak. “Ich glaube”, schluckte er dann, “es gibt keine andere.”
Betretendes Schweigen breitete sich aus. Wolf faßte sich als erster:
“Besser, während eines Kampfes zu sterben, als vor Angst vor der Gefahr in dieser teuflischen Höhle zu verhungern!”
Damit betrat er auf leisen Pfoten den Gang. Svens Herz klopfte ihm bis zum Hals, als er seinen tierischen Freund im Gang verschwinden sah. Dann faßte auch er sich:
“Wolf, nicht so schnell.”
Schritt für Schritt, und ohne das geringste Geräusch zu machen, tasteten sie sich in dem engen und stockfinsteren Gang vorwärts. Der Gestank, von dem Eelie erzählt hatte, wurde stärker. Sven suchte in seinem Schulterbeutel herum, erschrak darüber, als er Ratatosk ertastete, und fand dann, was er suchte.
“Da ist es ja, mein Taschentuch”, flüsterte er leise. “So kann mans besser aushalten.”
“Ruhe!” zischte Wolf und legte sich auf den Bauch, als sie am Ende des Ganges angekommen waren.
Rotes Licht schimmerte in den Gang hinein. “Das kommt von den Augen.” hörte Sven Eelie in sein Ohr flüstern.
Und dann sah er es, trotz der rabenschwarzen Finsternis. Ihm blieb fast das Herz stehen, und es gelang ihm nicht mehr, einen Schreckensschrei zu unterdrücken.
Eine gigantische Scheußlichkeit saß in der Mitte der Höhle auf sechs Beinen und starrte sie mit funkelnden roten Augen an. Dann öffnete es sein kantiges Maul, auf dem die Nüstern so groß wie die Höcker von Dromedaren saßen, und ließ seine lange gespaltene Zunge durch die Höhle peitschen. Die Höhle hallte wider von einem krächzenden, grauenvollen Schrei, sodaß Sven meinte, sein Trommelfell würde zerplatzen. Steine polterten von der Höhlendecke herunter. Sven und Wolf duckten sich hinter einem großen Felsen.
“Da ist der Ausgang”, raunte Wolf.
Sven blickte vorsichtig in die angegebene Richtung. “Da kommen wir nie und nimmer hin!” fluchte er leise. “Das dämliche Ding läßt uns bestimmt nicht durch!”
“Mußt du ausgerechnet jetzt Witze machen?” fauchte Wolf. “Dieses von dir genannte dämliche Ding ist ein Dämon, Sven. Der verspeist uns!”
“Sag ich ja!”
Wolf starrte ihn ungläubig an. “Deine Kaltblütigkeit möchte ich haben!”
“Das sieht nur so aus, Wolf.”
Ein erneutes Brüllen ertönte, worauf sich wieder Steinbrocken von der Höhlendecke lösten und herunter polterten.
“Der frißt uns bestimmt nicht, wir werden eher erschlagen!” fluchte Sven und flüchtete wieder in eine Deckung.
“Sven, er kommt!” warnte Eelie plötzlich.
Die Höhle erzitterte bei jedem Schritt, den der schwarze Drache in ihre Richtung tat.
“Alle Götter der Welt”, flehte Sven inbrünstig, “steht uns bei.” Dann holte er tief Luft und stand wagemutig auf.
“Halt, du Ungetüm der Hölle. Ich befehle es dir!” hallte seine feste Stimme durch die Höhle. Die Bestie blieb stehen. “Zirkonia, ich frage dich: warum bekämpfst du mich jetzt, wo du mich doch schon lange vorher hättest töten können?”
Keine Antwort. Der Drache schwenkte unruhig mit dem Kopf, als wäre er nur eine Marionette in einem grausamen Spiel.
“Warum gibst du mir keine Antwort, Zirkonia?”
Statt einer Erwiderung öffnete die Kreatur vor ihm das Maul. Sven warf sich zu Boden. Gerade noch rechtzeitig, denn die lange Zunge zischte eine Handbreit über seinen Kopf hinweg. Sven zitterte am ganzen Körper, dennoch klangen seine Worte hart und unbarmherzig:
“Na gut, Zirkonia, du willst den Kampf. Du sollst ihn haben!” Blitzschnell stand er auf, riß das Schwert Hrotti aus dem Gürtel und hielt es hin- und herschwenkend in die Höhe. “Komm, du Ausgeburt der Hölle. — K ä m p f e !”
Der Drache legte den Kopf schief und kam einen Schritt näher. Sven wich zurück. Dann drehte sich das Ungeheuer plötzlich mit einer Geschwindigkeit, die man seiner Größe nicht zugetraut hätte, um seine eigene Achse und peitschte mit seinem gewaltigen Schwanz durch die Luft. Sven gelang es nicht mehr, auszuweichen, wurde von der Schwanzspitze erfaßt und meterweit durch die Luft geschleudert. Schwer kam er auf den Höhlenboden auf und meinte, sämtliche Knochen gebrochen zu haben. Dabei hörte er ein triumphierendes Brüllen. Er wollte wieder aufstehen, aber der Schmerz zwang ihn wieder zu Boden.
“Wolf, wir müssen Sven helfen! Der Drache greift ihn wieder an!”
Sven achtete nicht auf diese Worte, sondern verfolgte in höchster Aufregung das Geschehen in der Mitte der Höhle, wo jetzt in diesem Augenblick eine Gestalt erschienen war. Zuerst glaubte er, es wäre ein Geist oder eine andere Lichterscheinung, aber dann sah er, daß das nicht stimmte.
Es war ein kleiner Knabe – ein wunderschöner, goldhaariger Knabe in einem fließendem, silbernen Gewand, zartgliedrig und so blaß, daß seine Hände und Füße im roten Schein der Drachenaugen beinahe durchsichtig wirkten.
“Ein Elf!” entfuhr es ihm. Er hatte noch nie einen wirklichen Elfen gesehen, aber er kannte ihn aus Wolfs und Großmutters Erzählungen so gut, daß er sofort wußte, wen er vor sich hatte. Dieses Wesen konnte nichts anderes sein, als Eelie, der Lichtalbe!
Auch der Drache hatte den Alben erblickt und war stehengeblieben. Dann stieß er ein gräßliches Brüllen aus, spannte seine mächtigen Hinterläufe und durchsprang mit einem Satz mehr als die Hälfte der Höhle, sodaß Sven schreckhaft noch weiter zurückkroch. In den Flammenaugen des Monsters blitzte es triumphierend.
Eelie wich mit einem hellen Schrei zurück, hob die Hände und bewegte sie schnell hin und her. Die Luft zwischen ihm und dem Ungetüm begann zu vibrieren und zu flimmern. Kleine bläuliche Blitze zuckten aus Eelies Hände und trafen die Bestie. Dann schien es plötzlich, als wäre die Kreatur von Millionen winziger, blitzender Sterne eingehüllt.
“Sven”, brüllte Wolf unvermittelt, “hilf ihm, damit er seine ganze Energie nicht verausgabt!”
Sven sprang trotz der Schmerzen auf, hielt das Schwert über den Kopf, rannte auf den Dämon zu und schlug ihn mit einem Schlag über die Hälfte des Schwanzes ab. Das Ungeheuer schrie vor Schmerzen, bäumte sich auf und schlug blind mit den gewaltigen Vordertatzen in die Luft. Sven wurde zum zweitenmal getroffen und stürzte zu Boden. Die Luft flimmerte immer noch von Eelies Zauberkraft. Das Untier brüllte, stampfte mit den Füßen auf, sodaß der Boden zitterte und immer mehr Geröll von der Höhlendecke polterte. Eelie wurde getroffen und stürzte. Das Flimmern und Blitzen erlosch. Der Drache fuhr herum und stieß seinen fauligen Atem in Svens Richtung. Sven würgte und wich zurück. Das Ungetüm setzte nach, bäumte sich vor Sven in die Luft, aber Eelie war schneller. Noch einmal hob er die Hände und vollführte die magische Geste. Noch einmal blitzte es auf und ein Nebel aus flirrendem Sternenstaub fiel auf die Bestie. Aber Sven sah, daß das Glitzern und Funken nicht mehr so hell war wie vorher. Und wenn der Drache sich auch wie unter einem schmerzhaften Hieb duckte, so war die Wirkung doch bei weitem schwächer als beim ersten Mal.
Noch stand das Ungeheuer auf zwei Hinterläufen, dann tat es einen Schritt vorwärts, kam über Sven zu stehen und fiel herunter. Gedankenschnell riss Sven das Schwert Hrotti in die Höhe, sprang mit einem gewaltigen Satz hoch und drückte damit dem Scheusal das Schwert bis an den Knauf in den schuppigen Leib. Der Drache bäumte sich wieder auf, begann von innen her in einem bläulichen Schein zu erstrahlen, blieb noch sekundenlang hoch aufgerichtet stehen, neigte sich dann langsam wie ein gefällter Baum auf die Seite und fiel zu Boden. Das höllische Feuer in seinen Augen erlosch.
Dann begann der schwarze Körper zu fließen, die Form des Drachen verschwand, der Leib verwandelte sich in eine tiefschwarze, stinkende und flüssige Brühe: dem Wasser des Burggrabens der Festung Zirkonia.
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Plötzlich erklang ein schäbiges Lachen, welches von der Höhlendecke reflektiert wurde und dann von allen Seiten zu kommen schien – lauter und immer lauter. Steine polterten wieder herunter, Sven suchte Deckung.
“Hahahaha – du hast meinen Drachen getötet, Sven. Aber meinst du, damit hättest du gewonnen? – hahahaha”.
Sven sprang auf. “Zirkonia, wo bist du? Zeige dich!”
Die Luft vor ihm begann zu schimmern und zu verschwimmen. Undeutlich formte sich daraus ein übergroßes, dämonisches Gesicht, welches die ganze Höhle rot und grün ausleuchtete. Sven erschauerte. Das Böse, der Teufel selber war erschienen. Ein satanisches Lachen klang durch die Höhle.
“Hier bin ich, Sven Menschenkind. Ich will dich holen in mein Reich!”
“Ich gehe nicht mit dir!” sagte Sven und wunderte sich darüber, daß er den Mut fand, mit solch fester Stimme dem Bösen zu trotzen.
“Du willst nicht mit?” fragte der Dämon verwundert, und Sven sah, daß die Lichterscheinung vor ihm zu flimmern begann. “Dann schau dich um, Sven. Du bist alleine. Alle hast du getötet. Du gehörst jetzt mir. Du bist der Sohn des Bösen!”
Sven sah sich erschreckt um und stieß einen Schrei aus. Hinter ihm am Boden lag Eelie, zusammengekauert und ohne das geringste Anzeichen von Leben.
“Eelie, nein!” schrie Sven und schüttelte ihn. Selbst jetzt noch strahlte der Lichtalbenknabe soviel Schönheit, Güte und Frieden aus, daß Sven meinte, er müsse sich doch gleich bewegen. Doch Eelie rührte sich nicht. Der Lichtalbe war tot.
“Nein-nein-nein”, schluchzte Sven. “Eelie, steh auf. Wir haben gewonnen. – Bitte – steh auf, es ist alles gut … oh Eelie …”. Er vergrub sein Gesicht in das Gewand des Elfen und weinte bitterlich.
“Das ist dein Werk, Sven. Gratuliere.”
“Du hast es getan, du Satan. Du hast Eelie ermordet!” schrie Sven.
“Sven, du bist schon wieder dabei, voreilig zu urteilen!” wies ihm die Lichterscheinung zurecht. “Du weißt anscheinend nicht, daß ein Lichtalbe sich nur einmal sichtbar machen kann und damit sich selbst zum Tode verurteilt.”
Sven senkte den Blick. So war das also: Eelie hatte es gewußt und hatte sein Leben freiwillig verwirkt, um Svens Leben zu retten und damit den Fortbestand der großen Suche nach dem Gral zu sichern. Eelie war für ihn gestorben.
Aber was hatte die Suche denn jetzt noch für einen Sinn? – Eelie und Wolf waren tot, Zirkonia hatte ihn in der Hand. Langsam stand er auf. “Zirkonia, du hast gewonnen”, sagte er mit leiser Stimme.
“Nein … hat sie nicht … aaah”, ertönte es plötzlich aus einer Ecke.
Sven stürmte vorwärts zu einem Geröllhaufen, aus dem er es weiss schimmern sah. “Wolf!” schrie er und räumte hastig die dicksten Brocken weg. “Wolf, du lebst!” Glücklich umarmte Sven ihn.
Langsam kam das weisse Tier auf die Beine. “Zirkonia hat noch nicht gewonnen!” Dann trat er hinter dem Felsen hervor, sodaß Zirkonia ihn sehen konnte.
Die Lichterscheinung begann zu flackern. “Ingolf!” kreischte sie, “wieso lebst du noch ?!” Das Licht wurde blasser.
“Solange ich und Eikthyrnir noch leben, Zirkonia, gehört Sven sich selber, und sonst keinem. – Und jetzt: verschwinde!”
“Eikthyrnir?” schrie Zirkonia angstvoll. “Wo ist er?”
“Dort”, sagte Wolf ganz ruhig, “schau zum Ausgang!”
Das Leuchten wurde schwächer, als Zirkonia die Erscheinung erblickte, die soeben am Höhlenausgang aufgetaucht war. Es war ein stattlicher, weißer Hirsch, der Zirkonia ruhig anschaute. Zirkonia erblasste und das Leuchten wurde unter dem Blick des Hirsches immer schwächer und schwächer, bis es schließlich ganz erlosch. Sven stand wie versteinert.
“Komm mit zum Ausgang, Sven”, sagte Wolf und stieß ihn mit der Schnauze an.
Aber Sven drehte sich um und ging noch mal zu dem Leichnam des kleinen Lichtalben. Dort kniete er sich nieder, nahm eine Hand des Elfenknaben in beide Hände und drückte sie an seine Brust. Dicke Tränen rannen über sein Gesicht.
“Danke Eelie”, schluchzte er leise. “Aber es hätte nicht sein brauchen. Du hättest dein Leben nicht hergeben müssen, nur damit ich gewinne. Was mache ich jetzt ohne dich? – Du hast mir soviel gegeben, soviel gelehrt und …”, er schluckte ein paarmal, “… ich habe dich immer ausgeschimpft, weil ich dachte, du wolltest mich als kleinen Jungen hinstellen. Ich war dumm und egoistisch. – Ich war es nicht wert, dein Freund zu sein. Aber du warst einer meiner besten und treuesten. – Warum merke ich es erst jetzt, wo du tot bist!” Schluchzend verbarg er sein Gesicht in den Armen. “Oh Eelie, bitte entschuldige mich für das, was ich dir angetan habe. — BITTE”.
Dann stand er auf und wischte sich schniefend die Tränen fort. “Und danke für alles, Eelie. Es war schön, dich zum Freund gehabt zu haben!”
Wolf kam an seine Seite. “Komm Sven, es wird Zeit.”
“Aber wir können ihn doch nicht so liegen lassen!”
“Er wird sich auflösen, wenn keiner mehr da ist. – Komm jetzt!”
Sven schaute ihn mit verweinten Augen an. “Ja Wolf. Vielleicht hast du recht.”
“Außerdem wartet dort unser neuer Begleiter auf uns.”
“Wer ist das?” fragte Sven erstaunt.
“Das ist der Hirsch Eikthyrnir. Er ist ein göttliches Tier und wird uns sicher über den Gjöll zum heiligen Schrein bringen.”
“Gjöll?”
“Ja. Der Gjöll ist der Grenzfluß zur Hel, der Unterwelt, an dessen Ausgang wir uns befinden.”
“Wir sind in der Unterwelt?” fragte Sven erstaunt.
“Ja. Ich habe es auch nicht gewußt. – Aber jetzt komm. Ich mag hier nicht mehr sein!”
Sven ging langsam auf das weiße Tier zu, welches sich willig von ihm besteigen ließ.
“Es ist nicht mehr weit zum heiligen Schrein”, sagte Wolf. “Ruhe dich bis dahin aus; denn wenn wir da sind, wirst du deinen gesamten Verstand gebrauchen müssen!” Dann schritt er voraus.
Sven folgte ihm auf dem Rücken des Hirsches, sich ein paarmal umschauend mit der Gewissheit, daß er hier seinen wirklich besten Freund zurück ließ.