DER GRAL – Kapitel 17

Das Ende der Reise

“Hilfeeee … Aaaah”

Mit einem Ruck richtete Sven sich auf. Er war schweißüberströmt und von seinem eigenen Angstschrei aufgewacht. Verwirrt schaute er um sich. Hatte er geträumt? Er war doch gerade eben von einem Regenbogen in die Tiefe gefallen! – Aber jetzt saß er in einem Boot, in dem das Wasser fast bis zum Rand reichte. Um ihn herum brodelte die See, haushohe Wellen türmten sich um ihn herum auf, jeden Moment konnte er verschlungen werden.

Was war passiert? Ganz vage erinnerte er sich daran, daß er sich von Klaus Störtebeker getrennt und mit dem Boot ganz alleine auf die See begeben hatte. Und jetzt saß er noch immer in dem Boot. Aber dazwischen war doch noch etwas anderes gewesen!

Hatte er alles das geträumt: Von den Graualben und seinem kleinen Freund Birig, von der Festung Zirkonia und seinem tierischen Freund Wolf, von Eelie, den Nornen und dem göttlichen Baum Lärad, von dem fürchterlichen Drachen und dem Tode Eelies, von Rebony, dem Regenbogenprinzen und dem Gral?

Der Gral!

Fieberhaft öffnete Sven seinen Schulterbeutel und zuckte erschreckt zurück, denn er ertastete etwas Weiches, Pelziges. Dann ertönte auch schon ein lautes “Tschuk-tschuk” und ein braunes Etwas flitzte aus dem Beutel.

“Ratatosk!” rief Sven erfreut aus. Dann wurde er wieder nachdenklich: Denn wenn das kleine Eichhörnchen da war, dann mußte doch auch die andere Geschichte stimmen! Und doch kein Traum sein!

Ungläubig schüttelte Sven den Kopf. Was war denn jetzt wirklich passiert?

“Ratatosk, wo ist der Gral?” Verzweifelt durchsuchte Sven seinen Beutel, fand nichts und tastete das voll Wasser stehende Boot mehrmals ab. Ohne Erfolg. Gedanken zuckten wie Blitze durch seinen Kopf. Wenn alles wahr wäre und kein Traum, dann mußte der Gral da sein, oder …? – Wenn aber alles nur ein Traum gewesen war, dann dürfte eigentlich Ratatosk nicht hier sein!

Es gab nur eine vernünftige Erklärung für dieses Rätsel: Der Gral war ins Wasser gefallen!

Verzweifelt begrub Sven sein Gesicht in den Armen. Es war alles umsonst gewesen. Alles, wofür er gekämpft hatte!

Lange Zeit zum Trauern hatte Sven allerdings nicht, denn die See wurde unruhiger. Das Boot schlingerte gefährlich auf den Wellenbergen. Wenn er nicht schnellstens damit anfing, das Wasser aus dem Boot zu schöpfen, würde er untergehen.

Als wenn es eine Antwort darauf sein sollte, heulte der Sturm plötzlich auf. Eine große Welle erfasste den Rand des Bootes. Sven hatte gerade noch Zeit, Ratatosk an seine Brust zu drücken und seinen Schulterbeutel zu schnappen, als das Boot kenterte. Eine Welle schlug über seinen Kopf zusammen und er sank in die Tiefe.

Sven kämpfte um sein Leben. Mit der einen Hand Ratatosk umklammernd, mit der anderen paddelnd, arbeitete er sich langsam an die Oberfläche. Es kam ihm zugute, daß er ein guter Schwimmer und Taucher war. Aber es half nicht viel. Kaum war er an der Oberfläche und schnappte wie ein Fisch nach Luft, war schon die nächste Welle heran und drückte ihn wieder in die Tiefe. Sven merkte, wie seine Kräfte ihn langsam verließen. Er kämpfte verbissen, aber er spürte, daß es sein letzter Kampf war. Die eisige Hand des nassen Todes breitete sich nach ihm aus und er verlor abermals die Besinnung.

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Als er erwachte, lag er in einer Hängematte und spürte eine weiche Decke auf seinem Körper. Langsam öffnete er die Augen und sah verschwommen ein bärtiges Gesicht an seiner Seite. Er rieb sich mit der einen Hand über die Augen, mit der anderen über den Bauch, fühlte dabei, daß er nackt war und räusperte sich.

“Wo … wo bin ich?” kam es krächzend aus ihm heraus.

“An Bord des >SEEWOLF<, mein Junge.” hörte er eine Stimme, die ihm sehr bekannt und vertraut vorkam.

Nochmal versuchte er, die Augen zu öffnen, und ein Jubelschrei entwich seiner Kehle. “Klaus! – Klaus Störtebeker!”

“Ja, ich bin es, Sven. Du bist in Sicherheit. Sei jetzt aber ganz ruhig. Du mußt dich schonen.”

“Aber …”

“Psst”, unterbrach Störtebeker ihn. “Schlaf noch eine Weile, damit du wieder zu Kräften kommst. Ich habe auf dem Tisch hier etwas zu essen und zu trinken hingestellt, falls du hungrig und durstig sein solltest. Und jetzt schlafe, ich komme später wieder.” Damit stand er auf und verließ den Raum.

Sven lag noch eine Weile mit weit geöffneten Augen da, dann überkam ihm das beruhigende Gefühl der Müdigkeit und er schlief ein.

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Jemand rüttelte ihn. Langsam und verschlafen öffnete Sven zuerst das linke, dann das rechte Auge und starrte in das grimmige Gesicht von Klaus Störtebeker.

“Jetzt wird’s auch Zeit. Oder wieviel Tage willst du noch schlafen?”

“Wie? – Äh! – Was ist los?” stammelte Sven schlaftrunken.

“Du hast jetzt zwei Tage und Nächte geschlafen. Jetzt ist genug!” Störtebeker lachte laut. “Du bist mir vielleicht eine Schlafmütze!”

Wie von einer Tarantel gestochen setzte Sven sich auf. “Wie lange?”

“Zwei Tage und zwei Nächte”, wiederholte Störtebeker lachend.

Sven sank entmutigt zurück. “Dann ist alles vorbei. Es ist sowieso alles vorbei. Zirkonia hat gewonnen.”

“Wieso ist alles vorbei? Und wieso hat Zirkonia gewonnen?”

“Wo ist Ratatosk?” schreckte Sven wieder auf, ohne auf Störtebekers Fragen zu achten.

“Rata … wer?” fragte Störtebeker entgeistert.

“Ratatosk, mein Eichhörnchen!”

“Ach sooo”, machte Klaus. “Warte, ich bringe es dir.” Damit stand er auf, verließ den Raum und kam nach einer kurzen Zeit mit dem kleinen Eichhorn auf dem Arm wieder zurück. “Hier ist es. – Wo hast du es her?”

“Erzähle ich dir. Hast du Zeit?”

“Alle Zeit der Welt.”

“Also gut. Dann paß auf.”

Und Sven erzählte dem großen Piratenkapitän alles, was er erlebt hatte, ließ nichts aus, beschönigte auch nichts und gelangte zum Schluß, wo das Boot gekentert war.

Klaus Störtebeker hatte ihn kein einziges Mal unterbrochen. Aber dann schüttelte er ungläubig den Kopf und meinte nachdenklich: “Alles schön und gut. Aber glaubst du nicht, daß es besser wäre, einem alten Freund die Wahrheit zu sagen?”

Sven starrte ihn an. “Du … du glaubst mir nicht?”

Klaus räusperte sich. “Schau mal, Sven. Als wir dich mit dem Boot ausgesetzt haben, waren wir noch auf Helgoland. Die Reparatur des >SEEWOLF< hat einen Tag gedauert. Dann sind wir wieder auf See. Dort haben wir dich gefunden. Zwei Tage hast du geschlafen. Alles in allem macht das vier Tage!”

Mit großen Augen blickte Sven ihn fassungslos an. “Aber das ist doch unmöglich! Das kann doch nicht sein! Ich war doch Wochen unterwegs!”

“Sven, du lagst mit einem Seerausch im Boot. Du hattest von dem gewaltigen Orkan, der die ganze Zeit tobte, bestimmt eine Störung deines Bewußtseins bekommen. Darum …”

“… Hat er nicht – Tschuk-tschuk” wurde Klaus plötzlich von einer hohen Stimme unterbrochen.

Entgeistert blickte Sven das kleine Eichhörnchen an, aus dessen Mund die Worte gekommen waren. “Ratatosk? – Hast du das eben gesagt?”

“Ja!”

Du kannst sprechen?”

“Ja natürlich!” entrüstete sich Ratatosk.

“Warum hast du es mir nie gesagt?” fragte Sven vorwurfsvoll.

“Weil du mich nie gefragt hast. – Außerdem war bisher ja auch alles in bester Ordnung, und ich war mit allem einverstanden. – Tschuk-tschuk.”

“Und jetzt nicht?”

“Mit dir, ja. Aber mit Störtebeker, dem sturen Esel, nicht! Er glaubt dir die Geschichte nicht. Und das lasse ich uns nicht gefallen, nach den vielen Gefahren, denen wir ausgesetzt waren! – Tschuk-tschuk-tschuk.”

Ungläubig hatten Klaus Störtebeker und Sven zugehört. Dann schluckte Klaus ein paarmal und meinte dann mit schuldiger Miene: “Doch. – Jetzt glaube ich ihm!”

“Und wieso nicht vorher, eh?” fragte Ratatosk. “Sven ist doch dein Freund. Und Freunde haben Vertrauen zueinander und setzen dieses nicht mit Mißtrauen aufs Spiel!”

Beschämt senkte Störtebeker den Kopf. “Jetzt muß ich mich tatsächlich von einem Tier belehren lassen. Unglaublich.”

“Das musste ich die ganze Zeit”, meinte Sven. “Aber es ist doch egal, wer einem belehrt. Ob Mensch oder Tier. Auf die Belehrung kommt es an. Und darauf, daß man auch Nutzen daraus zieht und dadurch die Belehrung beherzigt.”

“Gut Sven, ihr habt ja recht. Ich meine, ich habe es ja auch vorher gewußt, daß mit dir etwas passieren würde. Nur konnte ich mir nicht vorstellen, daß alles in so kurzer Zeit abläuft.”

“Die Zeit ist nicht maßgebend”, entgegnete Sven. “Ich habe die Zeit ganz anders gespürt und erlebt als du. Bei dir sind nur Tage vergangen, bei mir Monate, vielleicht sogar Jahre!”

“Richtig”, pflichtete Ratatosk ihm bei. “Es kommt nur darauf an, daß man die Zeit sinnvoll ausfüllt, egal, wie lang sie ist. – Tschuk-tschuk.”

“Dann würde ich sagen, vertrödeln wir keine Zeit und fahren auf dem schnellsten Weg nach Friesland, um die Menschen von der schwarzen Brut zu befreien.”

“Die schwarze Brut ist schon besiegt”, meinte Sven. “Das habe ich schon hinter mir. Aber die Menschen müssen ihre Seele wiederhaben, damit sie geheilt werden.”

“Na also”, meinte Klaus und stand auf. “Worauf warten wir noch?”

“Es geht nicht”, sagte Sven niedergeschlagen. “Ich habe den Gral verloren, als ich vom Regenbogen fiel.”

“Da irrst du dich! – Tschuk-tschuk” Ratatosk hüpfte aufgeregt auf Svens Schoß hin und her.

“Wieso?” fragte Sven ungläubig.

“Weil der Gral in dir drin ist!” rief Ratatosk freudig.

“In mir drin?”

“Ja, in dir! – Tschuk-tschuk. Erinnerst du dich nicht? Als du die Hälfte des Grals vom Regenbogen auf das schwarze Schiff geworfen hast, hattest du doch plötzlich in der Brust ein komisches Gefühl. Oder?”

“Jjjja.” erinnerte sich Sven.

“Siehste – tschuk-tschuk. Und da der Gral nur beim total Guten sein kann, wie Wolf es dir erklärt hat, und in dir das menschliche Böse zurückgekehrt ist, konntest du den Gral auch nicht länger in der Hand halten. Tschuk-tschuk.”

“Und wo ist er jetzt wirklich?” drängte Sven.

“Da du als Retter der Welt auserkoren bist, und du den Gral brauchst, ist er in dich gekehrt.”

“So richtig in mir drin?” staunte Sven und fuhr unwillkürlich mit den Händen über seinen Körper.

“Genau – tschuk-tschuk-tschuk”.

“Das heißt, ich brauche nur zu den Menschen zu gehen und dann …”

“… Richtig”, unterbrach Ratatosk ihn. “Also, auf geht’s!”

“Da hat er recht”, meinte Klaus Störtebeker, der dieses Gespräch staunend verfolgt hatte. “Zieh dich an, Sven. Unser Ziel ist Friesland.”

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Tage später wußte Sven nicht mehr, wie es passiert war. Er wußte nur noch, daß sie im Hafen von Marienhof eingelaufen waren, und er als erstes seinen Freund Enno gesehen hatte. Sie waren freudestrahlend aufeinander zugelaufen und hatten sich erstmal herzlich umarmt. Kein Wort mehr war von Enno über die schwarze Brut gefallen. Er war wie ausgewechselt gewesen. Auch die anderen Menschen hatten, sobald er sich ihnen genähert hatte, freundliche Gesichter gemacht.

Seine Eltern hatten ihn freudestrahlend in die Arme genommen und ihn immer wieder gefragt, wo er denn gewesen sei. Und Sven erzählte und erzählte. Immer wieder. Nur sein Vater wandte sich wieder ab und meinte: “Sven, träume nicht soviel von den alten Geschichten von Großmutter. Kümmere dich lieber um wirkliche Dinge!” Und dann hatte Sven wieder lachen müssen. Ja, auch sein Vater war wieder der alte.

Nur Enno und Klaus waren die einzigsten, die ihm seine Abenteuer glaubten. Und sie waren auch die einzigen, bei denen Ratatosk sprach, außer mit Sven natürlich.

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Während das Leben der Menschen wieder ihren gewohnten Gang verlief, spürte Sven tief in seinem Inneren, daß ihn etwas verließ.

“Das ist der heilige Gral, der seine Kraft jetzt langsam einbüßt”, erklärte Ratatosk, als sie mal alleine am Deich lagen und Sven sich den Körper von den wärmenden Sonnenstrahlen beschienen ließ. “Aber weißt du auch, daß es nicht der Gral alleine war, der die Menschen geheilt hat?”

Sven schüttelte den Kopf. “Nein. – Aber wer soll es denn sonst gewesen sein?”

“Es war dein starker Glaube”, erklärte Ratatosk. “Dein richtiger Wille, der dir gesagt hat, daß du es machen mußt. Das du Gefahren auf dich nehmen mußt, um andere zu retten.”

“Und das, was die Menschen geheilt hat?”

“Das Sven, war die Liebe. Deine aufrechte Liebe zu den Menschen hat sie geheilt. Denn die Liebe ist ein Gegenspieler des Hasses, diesen Sohn des Bösen. Die Liebe, ein Kind des Guten, ist es, was uns am Leben hält!”

Lange dachte Sven über das Gespräch nach.

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Und so kam es, daß er eines Nachts einen wunderschönen Traum hatte. Einen Traum, wo ihm Birig, sein kleiner Graualbenfreund, als Geist erschien. Sven freute sich, daß Birig sein Versprechen eingehalten hatte und nun als guter Geist zu ihm kam. Sie sprachen über ihre Erlebnisse und darüber, daß die Menschen immer in einem Kampf mit sich selber sind.

“Unser Gott Ing hat gesagt”, meinte Sven zu Birig, “daß man nicht unnütz töten soll. Man sollte nur töten, um zu überleben. Und dann werden im Glauben an die Götter Kriege ausgefochten. Das ist doch nicht richtig! – Oder?”

“Nein Sven”, entgegnete Birig. “Aber denke daran, daß die Götter von Menschen gemacht wurden. Es liegt nur an der Entscheidung der Menschen, ob sie das Böse zu mächtig werden lassen.”

“Ja, ich weiß”, bestätigte Sven. “Hlin, die Priesterin des Grals, hat es mir erklärt. Und der Bischof vom Marienhof hat auch mal davon gesprochen. Er hat mal erzählt, daß das Böse schon mal zu mächtig wurde. Und da ist ein Mann gekommen und hat von der Liebe gesprochen. Aber da haben ihn die Leute an ein Kreuz genagelt.”

“Richtig Sven. Denn nicht immer geht es so glimpflich aus, wie bei Lif auf Midgard und wie bei dir. Die Retter der Welt müssen schon etwas göttliches an sich haben.”

“Aber ich habe doch auch die Welt errettet. Trotzdem bin ich nur ein Mensch!”

“Du hast schon recht, Sven. Aber man kann erstaunliches leisten, wenn man an sich glaubt.”

“Aber wenn ich gleichzeitig an mich glaube, dann bin ich ja auch ein Gott! – Und das kann doch wohl nicht sein, oder?”

Birig schwieg eine Weile. “Nein Sven”, sagte er dann leise, “das bist du nicht. Denn wenn es Götter gibt, dann sind es nur die Wünsche, Sehnsüchte und Ängste der Menschen. Also im Guten wie im Schlechten.”

“Und wer ist jetzt der einzigste und richtige Gott?”

“Der Sven”, antwortete Birig, “setzt sich zusammen aus der Gesamtheit des Guten und der Liebe der Menschen. Alle anderen sind nur Vorbilder und vom Menschen erhobene heilige Ideale. Es kommt auf jeden Menschen selber und seine Einstellung dazu an, ob er sie zum Gott erhebt!”

“Ich werde darüber nachdenken müssen”, sagte Sven, der jetzt zu müde war, um im Traum noch so lange wach sein zu müssen. “Ich werde am Strand darüber nachdenken, wenn ich alleine bin. Ich glaube, es lohnt sich!”

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Denn wie hatte seine Großmutter immer gesagt:

“Sven, die letzte Entscheidung liegt bei dir!”

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ENDE (?)

DER GRAL – Kapitel 16

Der Regenbogenprinz

Während sie mühsam den tiefverschneiten Wald durchquerten, erzählte Sven Wolf und Eikthyrnir alles, was er erlebt hatte, seitdem er die Lichtung betreten hatte. Wolf und Eikthyrnir lauschten gespannt und unterbrachen ihn kein einziges Mal. Nur als Sven zum Schluß seiner Erzählung kam und vom plötzlichen Wandel des zauberhaften Frühlingswaldes in einen Winterwald berichtete, fragte Wolf, wie es wohl möglich gewesen war, daß die Jahreszeit sich so schnell verändern konnte. Aber so lange sie auch darüber nachdachten, sie fanden keine Erklärung dafür und taten es als eines der unzähligen Wunder ab, die sie bei ihrer bisherigen Wanderung schon erlebt hatten.

Der Wald wurde lichter und bald traten sie auf eine weite schneebedeckte Ebene hinaus, die von vielem Geröll restlos bedeckt war.

“Weißt du, was ich denke?” fragte Wolf unvermittelt. “Ich glaube nicht daran, daß Zirkonia uns jetzt in Ruhe lassen wird!”

Sven lächelte ihn an. “Doch, ich glaube schon. Zirkonia ist bestimmt nicht so schlecht, wie sie manchmal tut.”

Wolf sah ihn entsetzt an. Das waren ja plötzlich ganz andere Worte, als noch vor einigen Stunden; denn da hatte Sven Zirkonia die Vernichtung angedroht. Und wäre Eelie nicht gewesen, hätte die Festung sie alle umgebracht. Kopfschüttelnd lief er neben Sven weiter, bis ihm schlagartig ein fürchterlicher Gedanke kam:

Sven war jetzt der Besitzer und Träger des heiligen Grals. Und der Gral hatte die Eigenschaft, daß er nicht die geringste Spur des Bösen neben sich duldete. Das hieß auch, daß nur derjenige ihn berühren konnte, der absolut gut und rein war. Weiter würde das bedeuten, daß Sven, weil er ja den Gral berühren und tragen konnte, auch absolut gut und rein sein …

Verdutzt blieb Wolf stehen und schaute Sven sorgenvoll nach. Der Junge war in Gefahr. Denn wenn Zirkonia ihn jetzt angreifen würde, dann … ! – Sven würde sich nicht verteidigen, da ihm das Böse ja fremd wäre! – Ein katastrophaler Gedanke!

Als wenn es eine Bestätigung seiner Gedanken sein sollte, hörte er in diesem Moment leise Geräusche. Oder bildete er sich nur ein, auch Schatten am Rand der kleinen Hügel zu erkennen, auf die sie sich schnurstracks zubewegten? Er hielt Augen und Ohren weit geöffnet; er witterte die Gefahr. Auch seine feine Wolfsnase erkannte jetzt einen fremdartigen Geruch. – Da, schon wieder! Hinter dem nächsten Hügel. Also doch keine Einbildung!

“Sven, warte bitte.” Wolf blieb stehen und setzte sich.

“Was ist denn, Wolf? Bist du schon müde?”

“Nein, aber mir ist so komisch zumute.” Er mußte jetzt versuchen, es Sven vorsichtig zu erklären, daß sich etwas Böses in ihrer Nähe aufhielt. “Und ich sehe überall Schatten!”

“Das ist ja ganz klar”, erklärte Sven. “Hier ist ja auch alles weiß, und das blendet manchmal so stark, daß man Schatten sieht. Vielleicht, weil man es sich wünscht.”

“Das ist es nicht”, verteidigte sich Wolf. “Meine feine Wolfsnase sagt mir, daß dort vorne Gefahr lauert!”

“Aber Wolf”, lächelte Sven wissend, “warum sollte uns Gefahr drohen? Wir tun doch niemandem etwas!”

“Wolf hat Recht”, meldete sich Eikthyrnir plötzlich zu Wort. “Da vorne zwischen und hinter den Hügeln sitzen mir völlig unbekannte Wesen. Ich spüre auch, daß sie böse sind. Sie werden uns angreifen!”

“Habt ihr denn beide den Verstand verloren?” fragte Sven leise. “Wer sollte uns angreifen? Uns, die…”

Der Rest des Satzes ging in ein lautes Heulen des Windes unter, der den Schnee aufwirbelte und sie nichts mehr um sich herum erkennen ließ. Als das Heulen etwas abflaute und die Sicht dadurch besser wurde, sah Sven Wolf vor sich stehen. Auch Eikthyrnir stand mit gesenktem Geweih neben ihm und es sah so aus, als ob beide ihn vor irgend etwas beschützen wollten.

Dann erkannte Sven auch den Grund für das merkwürdige Gebarden seiner Freunde. Denn aus dem Schnee tauchten plötzlich wunderliche Gestalten auf. Sie sahen aus wie Zweibeiner, die auf vier Füßen liefen, denn die vorderen Füße berührten knapp den Boden und hatten die Form geballter Fäuste. Braunes Fell bedeckte ihren ganzen Körper einschließlich des langen buschigen und geringelten Schwanzes, den diese Wesen wie ein Eichhörnchen auf ihren Rücken gelegt hatten. Die Gesichter hatten Ähnlichkeit mit denen von Katzen. Langsam kamen die seltsamen Geschöpfe zähnefletschend und einen merkwürdigen, sirenenartigen Laut ausstoßend näher.

“Hei”, rief Sven lachend, “das sind aber lustige Gesellen.”

Er wollte an Wolf vorbeilaufen, um die Tiere zu begrüßen, aber der fasste ihn blitzschnell am Hosenbein, sodaß Sven bäuchlings in den Schnee fiel.

“Was soll das denn?” prustete Sven, aber ohne, daß ein Ton der Entrüstung in seinen Worten lag.

“Du bleibst hinter uns!!!” befahl Wolf und knurrte ihn an.

Die Wesen kamen näher. Sven erkannte, was Wolf und Eikthyrnir vorhatten. “Wolf, Eikthyrnir, tut ihnen nichts!” rief er flehend. “Vielleicht können sie uns verstehen und …”

“… Verstehen?” unterbrach Wolf ihn. “Die wollen uns töten!”

“Ach, hört auf mit dem Quatsch”, meinte Sven besänftigend, und zu den Wesen gewandt: “Ich begrüße euch, ihr fremden Wesen und biete euch …”

Seine weiteren Worte gingen in ein grölendes Geräusch unter, als die Wesen angriffen. Mit gewaltigen Sprüngen, die denen von Affen glichen, stürzten sie sich auf Eikthyrnir und Wolf. Ein heftiger Kampf entfachte. Eikthyrnir stieß sein Geweih immer wieder in die Horde der Angreifer und tötete dabei mehrere auf einmal. Wolf biß mit wütendem Knurren um sich und manche Kreatur blieb danach mit gebrochenem Genick im weissen Schnee liegen.

Sven brach entsetzt und schluchzend zusammen und verbarg sein Gesicht mit den Händen. Es war einfach zuviel für ihn.

Als Wolf und Eikthyrnir den Kampf siegreich für sich entschieden hatten, kamen sie an Svens Seite, und Wolf stupste Sven freundschaftlich mit der Schnauze an. Aber anstatt seine Freunde auszuschimpfen für das, was sie seiner Meinung nach getan hatten, umfaßte Sven, unfähig jeden bösen Gedankens, Wolfs Hals und umarmte ihn.

“Oh Wolf, warum habt ihr das getan?” fragte er leise.

“Sven, ich glaube, wir sind dir eine Erklärung schuldig und du wirst alles verstehen, wenn du uns genau zuhörst.”

“Ja, ist gut”, sagte Sven leise und wischte sich die Tränen von den Wangen.

“Also”, begann Wolf. “Du hast den Gral in deiner Hand. Du konntest ihn aber nur bekommen, so hast du es uns erzählt, weil du den Spiegel, was ich als dein zweites Ich, dein böses Ich, bezeichne, zerschlagen hast. Ist das richtig?”

“Ja, aber …”

“Langsam, Sven. Höre erst einmal weiter. Die Erklärung liegt also auf der Hand: Der Gral ist das absolut Gute. Du hast das Böse in dir durch den Spiegel zerschlagen. Also bist du jetzt auch das absolut Gute. Du kennst das Böse nicht. Verstehst du, was ich sagen will?”

Sven schaute Wolf entsetzt an. “Was ist das: das Böse?”

Wolf schluckte. “Das habe ich mir gedacht”, murmelte er dann und blickte Eikthyrnir flehend an.

Eikthyrnir verstand. “Weißt du noch, was dein Auftrag war, Sven?”

“Welcher Auftrag? – Laßt die Fragerei jetzt. Ich will nach Hause.”

“Dein Auftrag lautete: Vernichte die schwarze Brut und rette dadurch die Menschheit! – Weißt du das nicht mehr???”

“Ich soll jemand vernichten? – Es hat mir ja keiner was getan!” entrüstete sich Sven.

“Sven ist nur noch ein halber Mensch”, wandte sich Eikthyrnir an Wolf. “Ich weiß nicht, wie ich es ihm erklären soll.”

Wolf versuchte es noch einmal. “Sven, pass mal auf: Du bist das Gute! – Weißt du das?”

“Jjja.” kam zögernd die Antwort.

“Aber die Welt besteht nicht nur aus dem Guten, wie du es bist. Erinnerst du dich noch an das Gespräch mit Hlin?”

Sven dachte angestrengt nach. Ja, da war etwas gewesen. Er hatte einige Fragen beantworten müssen.

“Bei Syn mußtest du auch eine Prüfung bestehen”, sagte Wolf, als ob er die Gedanken von Sven erraten hätte. “Und dort hast du eine ganz tolle Antwort gegeben. Erinnerst du dich?”

“Ja. Ich habe gesagt, daß wir in einer Welt voller Gegensätze leben.”

Wolf jubilierte innerlich. “Gut Sven, du weißt es ja. – Also, wenn du das Gute bist und wir in einer Welt voller Gegensätze leben, dann ist das Gegenteil von dem Guten das …?” Er schaute Sven fragend an.

Sven zögerte etwas. “Das … Böse?” fragte er dann ganz leise.

“Ja Sven, das Böse!” – Verstehst du jetzt, was ich meinte?”

“Ich glaub’ schon”, murmelte Sven leise und schaute betreten zu Boden. “Dann waren diese Wesen vorhin das Böse?”

“Ja Sven”, antwortete Eikthyrnir. “Sie wurden von Zirkonia geschickt, um uns zu vernichten und dich in ihre Gewalt zu bringen!”

Sven seufzte. “Und jetzt werde ich wohl nie mehr in Frieden leben können, weil immer wieder das Böse hinter mir her ist.”

“So ist es.”

“Und es gibt keine Möglichkeit, diesem Bösen aus dem Weg zu gehen?”

“Nein!”

“Und wenn ich all meine Liebe einsetze?”

“Wenn du ein ganz normaler Mensch wärst”, lenkte Wolf ein, “könntest du mit der Liebe etwas ausrichten.”

“Aber ich bin kein ganz normaler Mensch, sondern nur ein halber. Das meintest du doch?!”

“Richtig.”

“Und was soll ich jetzt tun?”

“Liebe die Menschen, wie du dich selber liebst, Sven.”

Sven schaute Wolf und Eikthyrnir flehend an. “Aber das tue ich doch!”

“Dann rette sie!”

Wie soll ich sie retten?”

“Komm mit. – Ich zeige es dir.”

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Langsam folgte Sven seinen Freunden. Das Schneetreiben ließ merklich nach, sodaß er wieder den Weg erkennen konnte. Wie lange sie liefen, wußte er nicht. Es kam ihm wie Tage, Wochen, ja Monate vor, denn die Kälte lähmte seine Kräfte. Die eisige Luft tat ihr übriges und stach wie Eiskristalle in seine Haut. Als er schon meinte, er könnte nicht mehr und müsse sich zuerst etwas ausruhen, hörte das Schneetreiben urplötzlich auf. Die Sonne kam hervor und mit ihr schmolz der Schnee. Sie liefen zwar noch einige Zeit, aber der Übergang von der winterlichen Schneedecke zur frühlingshaften Blumenwiese kam so abrupt, daß Sven erschreckt stehen blieb. Dieses hatte er in der umgekehrten Reihenfolge erlebt, als er den heiligen Schrein verließ. Dann sah er vor sich etwas aus dem Blumenmeer auftauchen. Langsam kam er näher und staunte nicht schlecht, als er eine menschliche Gestalt erkannte. Es war ein kleiner Knabe, dessen Alter Sven auf etwa sieben bis acht Jahre schätzte. Er hatte, genau wie Sven, lange blonde Haare, ein bunt schillerndes Gewand, welches ihm bis zu den Füßen reichte und war so lieblich anzusehen, wie er so mit untergeschlagenen Beinen inmitten der Blumenpracht hockte, daß Sven meinte, zu ihm gehen zu müssen, um ihn einfach zu umarmen; aus Freude darüber, daß es ihn gab. Dennoch blieb er stehen.

“Hallo Sven”, rief der Junge plötzlich.

Sven schrak aus seinen Gedanken auf. “Wer bist du?”

“Ich habe auf dich gewartet, Sven.” kam die Antwort.

“Wer bist du?” verlangte Sven.

“Ich glaube, du brauchst meine Hilfe, wenn du die schwarze Brut besiegen willst.”

“Ich habe gefragt, wer du bist!”

“Ich bin der Regenbogenprinz. Mein Name ist Rebony.”

“Wer?” staunte Sven.

“Du kennst mich nicht?” fragte Rebony. “Dann höre und schaue zum Himmel.”

Sven tat es und staunte über das Schauspiel, das soeben am Himmel erschien. Dazu hörte er eine Stimme, die von dort oben, aus den Wolken, zu ihm herunter hallte. Eine Stimme, die sanft und mild war:

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Wenn Regen und Sonne sich zärtlich berühren,

geh ich meine Farben spazieren führen.

Ich bin eine Brücke aus hellem Licht,

doch Pferde und Kutschen fahren hier nicht.

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Verdutzt rieb Sven sich die Augen. Träumte er, oder hatte der Regenbogen tatsächlich gesprochen? Noch dazu in Versen?

“Er hat gesprochen”, meinte Rebony.

Sven öffnete wieder die Augen und schaute seinem Gegenüber streng ins Gesicht. “Du kannst doch nicht etwa Gedanken lesen?”

Rebony lächelte. “Doch, aber sei mir nicht böse deswegen.”

“Nagut. Und da ich nicht weiß, was böse sein bedeutet, kann ich es auch nicht sein. Aber du sagtest vorhin, daß du auf mich gewartet hast. Woher wußtest du denn, daß ich komme?”

“Jeder weiß das hier im Land!” antwortete Rebony verwundert. “Du bist doch derjenige, der die schwarze Brut besiegen will. Oder?”

“Ja, das werde ich wohl sein. Man hat es mir auch erzählt.”

“Ah, ich verstehe”, meinte Rebony mit einem Blick auf den Gral. “Du bist im Zweifel. Nicht wahr?”

“Ja”, seufzte Sven leise. “Alle sagen, ich soll es tun. Aber ich glaube, ich kann es nicht.”

“Siehste, deshalb bin ich hier. Der richtige Freund zur richtigen Zeit, und du brauchst keine Angst mehr vor der Zukunft haben. – Du möchtest doch eine Zukunft haben?”

“Ja, natürlich!”

“Gut. Dann kannst du mir als deinen Freund auch vertrauen, denn ich bin auch an dem interessiert, was kommt.”

“Verstehe ich nicht.” Sven schüttelte den Kopf.

“Na, ich möchte auch weiterhin die Menschen mit meinem Regenbogen erfreuen!”

“Du machst den Regenbogen?”

“Ja. Und es macht Spaß, wenn die Menschen dann entzückt zum Himmel schauen und glücklich darüber sind.”

Betrübt setzte sich Sven neben Rebony ins Gras, zupfte gedankenverloren einen Grashalm aus und schaute betreten zu Boden.

“Dich bedrückt etwas, mein Freund.” Rebony legte seine kleine Hand auf Svens Schulter. “Denn ich möchte wirklich dein Freund sein und Freunde darf man alles sagen und fragen. Also sage es mir einfach. Ich versuche, dir so gut wie möglich zu helfen.”

Sven druckste etwas herum. “Muß ich es wirklich tun?”

“Was?”

“Die schwarze Brut vernichten?”

“Ja!”

“Und wer schützt mich dann vor dem Bösen? – Ich meine, Zirkonia wird es sich nicht gefallen lassen!”

“Sven, jetzt treten das Gute und das Böse zum letzten entscheidenden Kampf an. Du weigerst dich noch. Aber umso länger du dich weigerst, desto schneller rückt der Sieg des Bösen näher.”

“Aber …” Sven zögerte und schaute Rebony flehend an.

“Was – aber?”

Sven schluckte. “Man sagte mir, wenn das Böse ausgelöscht wird, dann wird auch das Gute vernichtet. Weil ja das Gute in einer Welt mit Gegensätzen ohne dem Bösen nicht existieren kann.”

“Ja und?”

“Damit vernichte ich doch mich selbst. Ich bin doch das Gute!”

Rebony seufzte, zog Sven zu sich heran und umarmte ihn. “Du dummes Menschenkind.” Dann schaute er Sven fest in die Augen, während er ihn mit den Händen an den Schultern festhielt. “Erstens sollst du auch nicht das Böse vernichten, sondern nur die schwarze Brut, und zweitens wird Hagal dich beschützen!”

Sven starrte Rebony entgeistert an. Das Amulett hatte er schon total vergessen. “Hagal?”, murmelte er.

“Ja, Hagal”, bestätigte Rebony. “Weißt du überhaupt, was das für ein Amulett ist?”

Sven schüttelte den Kopf.

“Also gut, ich erkläre es dir”, meinte der Regenbogenprinz und ließ Sven los. “Die Hagal-Rune ist die siebente aus dem Runenlied Odins. Nur die Götter dürfen die Runen ritzen und werfen, raten und raunen. Auch die Walküren, von denen du schon einige kennengelernt hast, dürfen es. Den Menschen ist es untersagt, die Runen zu gebrauchen, weder rituell, magisch oder schriftmäßig. Nur die Priester oder Retter, wie du es bist, dürfen sich auf Geheiß der Götter mit einer Rune in Form eines Amulettes schmücken.”

“Brrr, war das trocken erzählt.” Sven schüttelte sich.

Rebony lachte auf. “Dann höre erst mal, was mein Regenbogen dazu sagt!”

Sven schaute zum Himmel und hörte wieder die bekannte Stimme:

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Ein siebentes weiß ich, wenn hoch der Saal steht über den Leute im Lohe, wie breit sie schon brenne, ich berge ihn noch: den Zauber weiß ich zu zaubern.

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Sven seufzte. “Würdest du mir das vielleicht so erklären, daß ich es auch verstehen kann?”

“Gut”, lächelte Rebony. “Also, Hagal ist die Rune der Allharmonie, der geistigen Erkenntnis, der geistigen Führung. Und du weißt ja, daß du bis hierher geführt wurdest. Hlin hat es dir auch erklärt.”

“Ja, stimmt.” erinnerte sich Sven.

“Weiterhin”, fuhr Rebony fort, “ist die Hagal-Rune die Schutzrune gegen negative Angriffe. Du weißt es, denn Zirkonia hat dich nicht ohne Grund einfach so wieder laufen lassen. Und alle Angriffe von ihr haben du und deine Freunde erfolgreich abgewehrt. – Stimmt’s?”

“Ja”, bestätigte Sven.

“So. Und, um zum Schluß zu kommen, sie verleiht Sicherheit, Ausdauer und Beharrlichkeit, was du alles bewiesen hast. Sie ist die Rune für alles Schöne, Erzeugende und Bewahrende. Und du bist einer der Bewahrer, deshalb trägst du das Amulett.”

Sven starrte Rebony mit großen Augen an. “Das habe ich nicht gewußt.”

“Aber jetzt weißt du es. Und jetzt weißt du auch, was zu tun ist. – Oder?” Rebony schaute Sven fragend an.

“Ja”, seufzte Sven.

“Gut. Bist du auch bereit dazu?”

Sven stand auf. “Ich bin bereit!”

Rebony erhob sich ebenfalls. “Du mußt aber alleine gehen.”

“Wie? – Können Wolf und Eikthyrnir nicht mit?”

“Nein Sven. Sie haben dich bis hierher begleitet. Den letzten Kampf mußt du ganz alleine durch stehen. Keiner kann dir helfen, denn du würdest sie damit in Gefahr bringen. Aber es ist deine Entscheidung. Keiner wird dir widersprechen. Und keiner wird dir böse sein, wenn du es nicht tust. Die letzte Entscheidung Sven, triffst du. Du ganz allein!”

Sven schaute Rebony verblüfft an. Die Entscheidung. Die ganze Zeit war von Entscheidung die Rede gewesen. Jetzt war sie da: die Entscheidung !

Betroffen schaute Sven zu Boden. “Also gut”, meinte er dann und drehte sich um, um sich von seinen Freunden zu verabschieden.

Wolf schaute betrübt zu ihm hoch. “Es war zwar eine gefährliche, aber schöne Zeit mit dir, Sven”, sagte er. “Und ich werde oft an dich denken.”

Sven umarmte Wolf und streichelte ihn sanft über das schneeweisse Fell. “Ich werde dich vermissen, Wolf. Es war wunderschön, dich zum Freund gehabt zu haben. Ich weiß jetzt, was echte Freundschaft bedeutet; du und Eelie haben es mir gezeigt.”

“Wir haben es gerne getan, Sven. Weil auch du ein Freund warst. Aber jetzt geh. Die Menschen rufen. Sie haben einen Freund nötig, der ihnen zeigt, was Liebe ist, daß es falsch ist, zu verzweifeln und daß es immer einen Ausweg gibt. Erkläre ihnen, daß jeder seinen Weg zum Heiligtum finden kann, wenn er nur will. Du hast es ihnen bewiesen. Zeige ihnen, daß man sich nicht falschen Götzen anschließen und sich verkaufen muß, wenn man es nicht schafft. Sage ihnen, daß sie kämpfen sollen, mit den Mitteln des Guten, mit der Liebe, gegen den Hass und das Böse. Du Sven, bist das beste Beispiel. Lebe es ihnen vor. – Und jetzt geh, mein Freund, bevor es zu spät ist und die Menschen alle willenlose Geschöpfe des Bösen oder ihrer selbst geworden sind.”

“Ja Wolf. Ich tue es. Und ich werde dabei an dich denken.”

“Denke auch daran, daß du noch andere Freunde hast: in der Menschenwelt! – Lebe wohl, Sven!” Damit drehte er sich um und lief davon.

Auch Eikthyrnir lief davon, nachdem sich Sven von ihm verabschiedet hatte. Mit Tränen im Gesicht, aber erfreut, daß zumindest Ratatosk bei ihm bleiben würde, wandte sich Sven wieder an Rebony.

“Alles in Ordnung, Sven?” fragte der Regenbogenprinz, als er Svens tränennasse Gesicht sah.

Sven nickte. “Ja, alles in Ordnung. Nur manchmal fällt es so verdammt schwer, von treuen und liebgewordenen Freunden Abschied zu nehmen; wo man außerdem noch weiß, daß man sie nie mehr wiedersehen wird.”

“Ich weiß”, meinte Rebony. “Die Liebe zueinander verbindet uns manchmal so stark, daß keine Macht der Welt uns auseinander reißen kann.”

Sven nickte und schluckte den Kloß, den er schon seit einiger Zeit vermißt hatte, herunter. “Und was muß ich jetzt tun?” fragte er vorsichtig.

“Sage mir, wenn du bereit bist. Dann werde ich für dich einen Regenbogen zum Schiff spannen.”

Sven starrte den Jungen entsetzt an. “Zu welchem Schiff?”

“Zum schwarzen Schiff.” entgegnete Rebony.

“Zum … schwarzen … Schiff”, wiederholte Sven leise und stockend, denn mit einem Mal überkam ihm all die Erinnerung an zuhause, an seine Eltern, an Enno und an die … schwarze Brut. “Wo ist das Schiff?” fragte er den kleinen Prinzen mit fester Stimme.

“Es schwimmt draußen auf See. Kurz vor Helgoland.”

“Gehst du mit?” Sven musterte den Knaben, der vor ihm stand. Und auf einmal hatte er den sehnlichsten Wunsch, Rebony würde mitkommen. Nicht, weil er sich vielleicht nicht traute, die schwarze Brut alleine zu vernichten. Nein, es war etwas anderes, was ihm zu dem Jungen hinzog. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl, eine Art von Liebe, eine Freundschaft. Und – weil er Ähnlichkeit mit Eelie hatte. – Er reichte dem Prinzen die Hand.

Rebony ergriff sie. “Nein Sven, so leid es mir tut. Ich möchte gerne, aber es geht nicht.”

“Können wir uns dann zumindest mal wiedersehen?”

“Das wäre möglich, Sven. Immer dann, wenn du zum Himmel schaust und dort einen Regenbogen erblickst, siehst du mich.”

Sven schaute zu Boden. “Genau wie bei Birig. Nur wird er als mein guter Geist zu mir kommen.” Er seufzte und schaute wieder auf. “Also gut, Rebony. Laß uns beginnen!”

Rebony nickte, drehte sich um und hob langsam seine Hände. Vor ihm auf dem Boden begann es zu schimmern und zu glänzen. Ein breiter Farbstreifen erschien, der größer und größer wurde und in die Höhe wuchs. Und langsam wölbte sich ein riesiger Regenbogen über den Himmel und verschwamm in den Wolken.

“Es ist soweit”, sagte der Prinz und reichte Sven nochmal die Hand. “Laufe auf dem Regenbogen entlang. Er wird dich bis zum schwarzen Schiff bringen. Wenn du dann ganz oben bist, wirfst du die eine Hälfte des Grals hinunter. – Und jetzt, lebe wohl, mein Freund.”

Sven umarmte den Jungen. “Danke Rebony. Ich werde dafür sorgen, daß die Menschen wieder Freude an deinem schönen Regenbogen haben. Lebe wohl.”

.

Dann drehte er sich um und betrat vorsichtig den bunten Bogen. Er wunderte sich, daß er nicht spürte, wie er seine Füße aufsetzte. Und jeder Schritt brachte ihn zehn Schritte weiter, sodaß er bald die höchste Höhe des Regenbogens erreicht hatte. Dort brach dieser abrupt ab.

Sven schaute vorsichtig hinunter. Ihm wurde schwindelig, er setzte sich erst mal. Dann schaute er nochmal. Und dann sah er es: das Schiff der schwarzen Brut. Direkt unter ihm.

Er brach den Gral, wie Rebony es gesagt hatte, vorsichtig in zwei Teile und hob ein Teil hoch in die Luft. Plötzlich hörte er eine drohende Stimme:

“Du wirst es doch nicht tun???”

Sven erschrak, hielt aber den Gral weiter hoch erhoben. “Doch Zirkonia”, ertönte seine feste Stimme über das Heulen des Windes hinweg, der just in diesem Moment aufgezogen war. “Ich werde es tun. Du wirst mich nicht daran hindern können!”

“Du wirst es bitter bereuen, wenn du es tust!”

“Mit Drohungen kommst du bei mir nicht weiter. Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe!”

Damit ließ er die Hälfte des Grals fallen. Ein Kreischen wie von einer wahnsinnigen Person ertönte: “Er tut es, er tut es ….. Aaaaaaaaaaah”.

Dann hörte Sven einen gewaltigen Donner, der immer mehr anschwoll. Er spürte einen heftigen Schmerz im Kopf und in der Brust. Und plötzlich fühlte er sich frei. Sein ganzes Schuldgefühl, was er vorhin noch gehabt hatte, war wie weggeblasen: Er war wieder ein ganzer Mensch geworden!

Dann spürte er, wie alles um ihn herum zitterte, als der Donner immer kräftiger wurde. Der Regenbogen schwankte. Teile bröckelten ab. Sven rutschte auf den Knien zurück – aber es war zu spät: der Regenbogen brach wie ein Kartenhaus zusammen. Sven schrie auf, fand keinen Halt mehr…

Im Fallen sah er in weiter Ferne eine riesige schwarze Festung mit einem gewaltigen Knall auseinander fliegen. Und aus den zusammenstürzenden Mauern der Festung stieg ein kleiner und tiefschwarzer Vogel auf, der Sven Grauen einflößte. Aber dieser Augenblick dauerte nur kurz, denn Sekunden später verlor er die Besinnung und fiel und fiel und fiel …

DER GRAL – Kapitel 15

Der Gral

Der Ausgang der Höhle war mit Geröll übersät. Dicke Brocken lagen überall verstreut, so groß, daß Sven sie nur in aufgerichteter Haltung vom Rücken des Hirsches Eikthyrnir aus überblicken konnte. Kurz darauf erreichten sie den Fluß Gjöll, der Sven wieder in Erstaunen versetzte. Denn genau in der Mitte des Flusses war die Farbe des Wassers zweigeteilt. Hier, wo sie sich gerade befanden, war das Wasser schwarz und dreckig. Auf der gegenüber liegenden Seite aber klar und sauber.

“Ich sagte ja schon”, meinte Wolf, “der Gjöll ist der Grenzfluß zur Unterwelt.”

Sie durchquerten den Fluß und erreichten einen Wald. Einen normalen Mischwald, wie er es von zuhause kannte. Alles andere aber kam Sven immer noch wie ein Wunder vor, obwohl er sich schon an so manches gewöhnt hatte; denn der jetzige Ritt auf einem Hirsch kam ihm schon fast normal vor. Trotzdem spürte er, daß etwas Ungewisses in der Luft lag.

Aber mal abgesehen von dem leichten Gefühl der Unsicherheit, daß sich in ihm breit machte, war dieser Ritt durch den Wald für ihn und seine Freunde wirklich idyllisch. Hatten sich am Anfang des großen Waldes noch andere Baumarten unter die mächtigen Tannen gemischt, so hatten, je tiefer sie vordrangen, letztere immer mehr die Oberhand gewonnen, bis dann schließlich keine anderen Bäume mehr zu sehen waren und sie über einen dicken Teppich aus immergrünen Nadeln vorwärts kamen. Sven zog den würzigen Tannenduft tief in seine Lungen und fühlte, wie die Frische seinen ganzen Körper durchströmte.

Er hatte noch nie so große Bäume und so dunkle Waldlichtungen gesehen. Während der ersten Stunden hatte er ständig den Kopf einziehen müssen, um sich nicht an den herunter hängenden Ästen zu stoßen, oder er hatte sich einen Weg durch wucherndes Dornengestrüpp bahnen müssen. Jetzt aber konnte er frei und ungehindert reiten, denn die niedrigsten Äste wuchsen zwanzig Fuß über seinem Kopf. Der Wald kam ihm vor wie ein riesiger grüner Tempel, mit tausenden von Säulen, die zu einer smaragdgrünen Decke empor stiegen, die geschmückt war mit Fresken aus Licht und Schatten.

Er lachte über die lustigen Possen von Ratatosk, der wild von Baum zu Baum sprang, und verglich die Sprünge ausgiebig mit seiner bisherigen Suche. Dabei stellte er manche Gemeinsamkeiten fest, denn auch er wurde von einem Abenteuer zum anderen gezogen und wußte nicht, ob er das Ende jemals erreichen würde.

.

Plötzlich hörte er eine singende Stimme. Sie schien von überall her zu kommen. Im ersten Moment dachte er, es wäre Eelie, aber dann erkannte er, daß diese Stimme anders war. Sie schwebte zwischen den Bäumen umher und ergab eine wundersame Melodie. Eikthyrnir blieb stehen und Sven lauschte entzückt dem Gesang, aus dem sich langsam singende Worte formten:

“Hallo-Sven-ich habe-auf-dich-gewartet.”

Im ersten Moment war Sven sprachlos, dann fragte er zögernd: “Wer bist du?”

“Ich-bin Syn, die-Wächterin-des heiligen-Schreins.”

“Die Wächterin des heiligen Schreins?” fragte Sven strahlend. “Bin ich denn schon da?”

“Ja Sven.-Aber bevor-du-zum Gral-ziehst, sollten-Wolf-Ratatosk und-Eikthyrnir-entscheiden, ob-sie mitkommen-wollen.”

“Ja natürlich kommen wir mit”, entschied Wolf. “Meinst du, wir lassen Sven jetzt alleine?”

“Diese Antwort-habe-ich erwartet.-Es ist-gut, daß-Sven solch treue-Freunde-hat.”

“Und was muß ich jetzt tun? Kann ich weiter?” fragte Sven ungeduldig.

“Nein-Sven Menschenkind.-Zuerst-hast du-eine-Prüfung-zu bestehen!”

“Eine Prüfung?” Svens Verwunderung steigerte sich ins Unermeßliche.

“Du willst-doch-zum Gral?” fragte Syn vorwurfsvoll.

“Ja natürlich!”

“Weißt-du-auch, daß-man-mit dem Gral-sehr-mächtig werden-und die-Welt-beherrschen-kann?”

“Nnnein!” antwortete Sven irritiert.

“Willst du-das?”

“Ich will keine Macht haben. Und ich will auch nicht über die Menschen herrschen. Wenn ich Macht über die Menschen hätte, dann wären sie ja nicht mehr frei! – Ich verstehe nicht, was diese Frage sollte!” entrüstete sich Sven.

Doch die Stimme ließ sich nicht beirren. “Warum-gibt es-eigentlich-das Böse-und-den-Krieg?”

Ohne zu zögern gab Sven die Antwort. Aber man merkte ihm an, daß ihm diese Fragen aufregten; denn er wollte weiter. “Das Böse muß es geben”, sagte er unwirsch, “weil wir in einer Welt voller Gegensätze leben. Ohne dem Bösen gäbe es auch nicht das Gute, ohne die Dunkelheit gäbe es auch nicht das Licht. Das ist doch wohl klar!”

“So klar-ist-es gar-nicht.”

“Wenn du es besser weißt, dann erkläre du es doch!”

“Sven,-dies-ist eine-Prüfung.-Und ich-darf-kein Wesen-durch-lassen, der die-Frage-nicht beant-wortet-hat.”

“Nagut – Also nochmal”, begann Sven seufzend. “Ich versuche es mal so zu erklären, wie es Eelie mir beigebracht hat: Setzen wir mal voraus, es gäbe kein Böses, sondern nur noch Gutes auf der Welt. Das wäre doch eigentlich sehr schön, weil dann alle in Frieden und Eintracht miteinander leben würden. Nur: Man dürfte sich nicht mehr ernähren, weil die Nahrungsaufnahme ja mit der Tötung von Leben verbunden ist. Aber verhungern dürfte man auch nicht, weil man dann ja den eigenen Körper töten würde. Und Töten ist etwas Böses. Und damit hätten wir dann einen Teufelskreis. Folglich gäbe es ohne Gut und Böse auch kein Leben! – Zufrieden?”

“Ja Sven-sehr!-Und-was ist-mit-der Frage nach-dem-Krieg?”

“Kriege sind dumm und überflüssig”, ereiferte sich Sven. So langsam begann ihm die Sache doch Spaß zu machen. “Außerdem sind Kriege nur, um Land und Menschen zu besitzen. Und wenn ich Menschen besitze, dann sind sie nicht mehr frei. Und das will ich nicht!”

“Sven-du-gibst gute-Ant-worten.-Hoffentlich-sind-es auch deine-eigenen Meinungen-und-nicht-etwas, was-du-nur irgend-wo-ver-nommen-hast!”

“Na hörmal”, platzte es aus Sven heraus. “Du hast mich nach meiner Meinung gefragt, und ich habe sie dir gegeben. Was du jetzt von mir denkst, ist eine schlechte Meinung. Muß ich annehmen, daß du selbst böse bist?”

Syn verstummte einen Augenblick. Sven sah es als Triumph, der sich auch gleich als wahr heraus stellte. “Bisher-hat noch-keiner-es ge-schafft,-mich zu-über-raschen. Und-ich-freue mich-Sven, daß-du kein-Blatt-vor den-Mund-nimmst.-Das zeugt-in die-sem-Moment auch-für-eine gei-stige-und morali-sche-Stärke. Nur-dann ist ein-Sieg-mög-lich. Aber viele-meinen,-um-zu siegen, müsse-man-töten.-Gibt es-denn-keine andere-Möglich-keit?”

“Hm”, machte Sven. Jetzt mußte er erstmal über die Worte nachdenken. Er dachte an das Gespräch mit der Festung Zirkonia und den drei Nornen, mit Eelie und der alten Göll. Und plötzlich wußte er die Antwort. “Ich finde”, begann er, “Gewalt und Haß sind die Waffen des Bösen. Und wenn wir anfangen, uns ihrer zu bedienen, sind wir selbst böse. Dann haben wir verloren, ehe der Kampf wirklich begonnen hat.” Er machte eine Pause und dachte wieder nach. Die Stimme wartete. “Göll sagte einmal”, fuhr Sven dann fort, “man kann Böses nicht mit Bösem bekämpfen. Das wäre genauso, als wollte man Feuer mit Feuer löschen und die Dunkelheit mit der Finsternis vertreiben. Nein, da wird man einen anderen Weg finden müssen, um den Frieden zu erhalten.”

“Weißt du-den-Weg?”

“Ich glaube, ja. Es könnte der Weg der Zuneigung, Freundschaft und Liebe sein.”

Syn jubilierte. “Sven-du hast-die-Prü fung-bestan-den. Du darfst-weiterziehen. Ich-wünsche-dir viel Glück.”

.

Die Stimme verstummte. Kein Singen oder Klingen war mehr zu hören. Es wurde still, nur ein Rascheln wurde leise hörbar. Sven erstarrte, als sich vor ihm das Buschwerk teilte. Dahinter wurde es hell. Sven stieg von Eikthyrnirs Rücken, betrat langsam die Lichtung und blieb mit offenem Mund staunend stehen. Was er sah, erinnerte ihn an das, was seine Großmutter einmal über den Garten der Götter in Asgard erzählt hatte. Die Formenvielfalt der Pflanzen und die Blütenpracht blendete ihn dermaßen, daß seine Augen anfingen zu tränen.

Dieses also war der heilige Schrein, die göttliche Thingstätte und das Heiligtum aller Wesen auf dieser Welt. Sven fiel auf die Knie – ohnmächtig, diese Pracht stehend zu ertragen.

“Lange habe ich warten müssen. Aber endlich bist du da!”

Sven schreckte hoch und erblickte ein junges Mädchen in seinem Alter. Sie hatte ein bildhübsches Ansehen und war so zart und fein, sodaß Sven verlegen zu Boden schaute. Er wußte, auch ohne zu fragen, wen er vor sich hatte: Es war Hlin, die Priesterin des Grals, die Tochter der Götter, die Überbringerin der göttlichen Macht und die Beschützerin der Menschen.

“Hlin!” hauchte er.

“Ja Sven. Es freut mich, daß du mich gleich erkannt hast. Aber stehe bitte auf. Wir sind im gleichen Alter und ich möchte nicht, daß der Retter der Welt vor mir kniet.”

Zögernd stand Sven auf.

“Wie ich sehe, bist du gut erhalten hier angekommen.”

Sven räusperte sich. “Du hast mich ja auch geführt!”

“Nein Sven”, widersprach Hlin. “Nicht ich, sondern die Natur hat dich hierher geführt. Ohne sie wärst du nicht soweit gekommen.”

“Verstehe ich nicht.”

“Schau mal, Sven. Alles, auch du und ich, gehört zur Natur und ist Natur. Nicht nur die Bäume, Pflanzen und Tiere ringsherum. Die Menschen vergessen dies leider allzu oft und spielen sich dann zum Herrscher über die Natur auf. Sie verdrehen und verändern ihre Umgebung, ganz wie sie es wünschen. Sie meinen, alles, was sie tun, sei richtig, und die Natur müsste dementsprechend geformt werden, so wie sie ihre Häuser und Werkzeuge formen. Aber die Natur läßt sich nicht formen, erst recht nicht von ihresgleichen. Sie ist nicht auf den Menschen angewiesen, aber der Mensch auf sie. Der einzige Unterschied zwischen den Menschen und dem Rest der Natur ist der, daß der Mensch einen Verstand besitzt, mit dem er Gut und Böse, welches überall in der Natur vorhanden ist, voneinander unterscheiden kann.”

“Ich verstehe”, meinte Sven. “Die Tiere wissen nicht, daß das Töten etwas Böses ist, weil sie nur töten, um zu überleben.”

“Richtig Sven, genau wie du. Du hast auch getötet. Aber ohne wärst du getötet worden. Du mußtest dich also verteidigen. Aber die meisten Menschen töten aus Lust oder Geldgier. Sie finden Gefallen daran, weil sie dadurch auch ihre Macht über die anderen Lebewesen beweisen können.”

“Aber warum schreiten dann nicht die Götter ein? Sie haben uns ja schließlich erschaffen!”

“Da muß ich dir erneut widersprechen, Sven. Denn nicht die Götter haben den Menschen, sondern die Menschen haben die Götter erschaffen!”

Sven schaute Hlin mit weit aufgerissenen Augen an. So ungeheuerlich war der Satz, den er soeben von der Tochter der Götter gehört hatte, daß er nicht mehr wußte, was er denken, geschweige denn sagen sollte.

Hlin bemerkte Svens Unsicherheit und schaute ihn lächelnd an. “Alles entstammt der Natur, Sven. Die Atome formten sich zu den ersten Bausteinen des Lebens, aus denen das Leben sich selber bildete in Form von ersten kleinen Lebewesen und Pflanzen. Aus diesen entstanden und formten sich in den langen Jahren des Anfangs dieser Welt langsam alle Pflanzen und Tiere bis zu denen, die du jetzt kennst. Sie lebten friedlich und kannten nicht das absolute Gute und das absolute Böse. Doch dann wollte die Natur mehr und sie erschuf den Menschen. Er mit seinem Verstand begriff es zu unterscheiden, wo etwas Gutes und wo etwas Böses war. Aus dem Guten erschuf der Mensch mit seinem Geist die Götter und aus dem Bösen die Herren der Unterwelt, wie Surtur, Teufel, Zirkonia und Ahriman. Und damit erschuf er auch die Religionen.”

“Ja, wenn das so ist, dann kannst du mir sicher auch sagen, wer die richtigen Götter sind. Und warum es wegen der Götter immer wieder Kriege gibt.”

“Weißt du Sven, Verschiedenheit und Einheit – beide Wege lehren alle heiligen Schriften, die seit alters her in Ehren stehen und wohlgemerkt von Menschen erdacht und gemacht wurden. Ein jeder muß für sich das Wahre selber finden. Jeder hat für sich die letzte Entscheidung. Dann kann er es, aber ohne jeglichen Streit, auch anderen verkünden!”

“Hm”, machte Sven, “und jetzt hatte die Natur eingesehen, daß der Mensch und das Böse im Menschen zu mächtig wurde und hat mich ausgesucht, den Gleichklang wieder herzustellen?”

“Richtig.”

“Und warum mußte dann Eelie sterben?”

“Jedes Teil der Natur, Sven, hat seine bestimmte Aufgabe. Der Wind, um die Samen der Pflanzen zu verteilen, die Wärme der Sonne, um das Wasser zu verdunsten, der Regen, um die Pflanzen zu tränken, die Pflanzen selber, um Atemluft und Nahrung zu geben. So auch Eelie. Er war der Einzigste, der mit seiner Kraft den Dämon besiegen konnte.”

“Und darum mußte er geopfert werden?”

“Ein Opfer für tausend Leben! – Ist das zuviel?”

“Ja!”

“Und wenn der Drache dich besiegt hätte, wären die tausend Leben das Opfer gewesen! – Wolltest du das?”

“Nein, natürlich nicht!”

“Dann mußte das Opfer sein. Es gab keine andere Möglichkeit.”

Sven seufzte und schwieg eine Weile. Dabei dachte er wieder an Eelie und seinem Einsatz, der ihm das Leben gekostet hatte. Er dachte an diesen bildschönen Elfenknaben in den zarten Gewändern und malte sich in Gedanken aus, was dieser wohl empfunden hatte, als er die Entscheidung traf, sich sichtbar zu machen; obwohl er doch genau wußte, daß dieses sein Todesurteil war. Eelie hatte damals seine letzte Entscheidung getroffen. Er, Sven, hatte seine noch vor sich. Wie würde diese ausfallen? – Aber eigentlich war sie doch schon gefallen: für Eelie, für sein Opfer, daß er gebracht hatte.

Dann holte er tief Luft. “Und wie kann ich jetzt die Menschen auf den richtigen Weg bringen?”

“Bilde dich selbst Sven, und dann wirke auf andere durch das, was du tust und wer du bist!”

“Gut, aber um mir das alles zu sagen, hätte ich doch nicht den ganzen weiten Weg zurücklegen brauchen!”

“Das ist richtig, Sven.” Hlin drehte sich um und setzte sich auf einen Baumstumpf. “Deswegen nicht. Aber hätte ich dir alles erklärt, dann hättest du gesagt: Schön! – Und hättest alles anschließend wieder vergessen. Jetzt aber, wo du den weiten Weg gemacht hast, hast du alles am eigenen Leibe erfahren. Du weißt, was Gut und Böse sind. Du hast die Freundschaft, das Leid, die Gefahr, die Bedrohung, die Liebe, den Haß, das Töten, die Zuneigung, den Schmerz, die Wunder, das Schöne, das Zauberhafte, das Grauen, die Götter, das Häßliche, die Herrschsucht und deinen Glauben an dich selbst kennengelernt. – Hättest du das alles begriffen, wenn ich es dir nur erklärt hätte?”

“Nein, bestimmt nicht”, meinte Sven und trat vor Hlin. “Aber meine Reise hatte doch eigentlich nur den Zweck, den Gral zu suchen.”

“Wieder richtig, Sven. Der liegt hinter mir.”

Sven schaute an Hlin vorbei und erschrak. Hinter Hlin stand ein riesiger Spiegel und Sven schaute sich geradewegs ins Gesicht. “Was soll das?” fragte er erstaunt. “Ist der Spiegel etwa der Gral?”

“Nein Sven”, lächelte Hlin. “Wenn du dort einen Spiegel siehst, so bedeutet das, daß in dir noch viel Böses steckt. Darum schaust du nur in dein Spiegelbild.”

Jetzt erst bemerkte Sven, daß das Gesicht im Spiegel einen arg grimmigen Eindruck machte. Und so sehr er sich auch bemühte, zu lächeln. Der Ausdruck des Spiegelbildes blieb.

“Der Gral kann nur von dem absolut Guten und Reinen genommen werden”, fuhr Hlin fort, als Sven immer noch staunend sein böses Spiegelbild betrachtete. “Wenn du zum Gral willst, mußt du das Böse in dir vernichten.”

Sven schaute sie ungläubig an. “Und wie?”

“Vernichte dein Spiegelbild!”

Sven überlegte nicht lange. Er zog das Schwert Hrotti aus seinem Gürtel, holte weit aus und ließ ihn mit voller Wucht den Spiegel treffen. Der Spiegel zerbarst mit einem lauten Knall, zugleich verspürte Sven einen heftigen Schmerz im Kopf und in der Brust, der aber schnell nachließ. Und plötzlich sah er den heiligen Schrein mit ganz anderen Augen.

Es strahlte und funkelte rings um ihn her, als würde er von Millionen von Sternen umgeben sein. Die Blätter und Blüten der Bäume und Blumen schienen mit einem Mal aus unzähligen Kristallen zu bestehen, in denen sich das Licht tausendfach brach, der Duft einer blühenden Sommerwiese breitete sich aus. Alles war strahlend schön und vor ihm lag etwas, was ihn unwiderstehlich anzog. Ein blau schimmernder, kristallener Stein mit einer hellblauen Aura umgeben: DER GRAL.

Zögernd streckte er seine Hände aus, berührte fast zärtlich die glatte Oberfläche des heiligen Wundersteines und hob ihn dann vorsichtig in die Höhe. “Mein Gral”, sagte er feierlich, “endlich sind wir beide vereint!”

Hlin trat langsam zu ihm und legte eine Hand auf seine Schulter. “Ja, du hast es geschafft, mein Gebieter. Jetzt ziehe aus und weise das Böse in seine Schranken. Aber ich bitte dich, sei vorsichtig!”

Sven schaute die schöne Priesterin des Grals an. “Sehen wir uns nochmal wieder, Hlin?”

“Wenn das Schicksal es will – ich würde mich sehr freuen, Sven.”

“So werde ich wiederkommen, wenn ich größer bin. Ich verspreche es dir.”

“Befreie zuerst die Menschen von ihrer Geißel. Dann wirst du schon wissen, was zu tun ist.”

Sven trat einen Schritt auf Hlin zu und tat das, was er in seinem jungen Leben noch nie gemacht hatte: er umarmte sie und gab ihr einen zärtlichen Kuss. “Bitte vergiß mich nicht, Hlin!”

“Du mich auch nicht, Sven. Denke daran, worüber wir gesprochen haben und hilf den Menschen und der Natur!”

.

Und plötzlich stand er alleine auf einer tiefverschneiten Lichtung. Nur eines erinnerte ihn noch daran, daß vorhin etwas Außergewöhnliches passiert war: der Gral in seiner Hand.

“Sven, wo bist du?” hörte er auf einmal eine bekannte Stimme rufen. “So gib doch Antwort!”

“Hier bin ich, Wolf. Auf der Lichtung.”

Das Gebüsch vor ihm teilte sich und Wolf, Ratatosk und Eikthyrnir traten auf ihn zu.

“Wir haben dich schon überall gesucht, weil schlagartig wieder alles weiß wurde. Was ist passiert und wo warst du?” fragte Wolf. Dann fiel sein Blick auf den Gral und er wich ehrfurchtsvoll einen Schritt zurück. “Der Gral!” hauchte er. “Woher hast du ihn so plötzlich?”

“Das erzähle ich euch unterwegs”, erwiderte Sven, während er Ratatosk in die Arme nahm. “Laßt uns zuerst weiterziehen, um die Menschen von der schwarzen Brut zu befreien.”

DER GRAL – Kapitel 14

Der Drache

Noch lange, nachdem er das kleine, liebliche Tal mit dem Urdsee, den drei Nornen und dem Weltenbaum Lärad, verlassen hatte und jetzt im Begriff war, den nächsten Hügel zu erklimmen, dachte er über das Gespräch mit Lärad nach.

Eigentlich war er jetzt genauso schlau wie vorher. Denn das, was Lärad in wahrlich wunderschöne Verse gefaßt hatte, war ihm irgendwie auch früher schon bekannt gewesen. Nur ein Punkt war ihm noch nicht ganz so klar, wie es den Anschein hatte:

Er war doch ausgesandt worden, um das Böse zu vernichten. Nur hatte Lärad ein paarmal indirekt gesagt, das Böse wäre unausrottbar! – Irgendwo lag da doch wieder so ein Widerspruch. Und so sehr er sein Gehirn auch marterte, er kam nicht hinter dieses Geheimnis. Eelie und Wolf fragen, stand nicht zur Debatte – denn er wollte sich nicht schon wieder als kleiner dummer Junge dahinstellen. Vielleicht kam er auch so und von ganz alleine dahinter, was diese Wortspielereien bedeuteten.

Zuerst mußte er sich darauf konzentrieren, daß jederzeit ein Angriff der Festung erfolgen konnte. Welcher Art diese Angriffe sein würden, wußte er auch nicht, und er mußte sich eingestehen, daß er eigentlich, so lange er auch schon unterwegs war, nichts wußte von alledem, was ihn erwartete und er dann tun konnte.

Er mußte demnächst einen oder mehrere Kämpfe bestehen, das war schon mal klar – wobei ihm jetzt schon übel wurde bei dem Gedanken. Kämpfen für das Gute! – Auch hier lag doch wieder ein riesengroßer Widerspruch, auch wenn Göll gesagt hatte, daß Kämpfen und Kämpfen zweierlei wären.

Nein, das Geheimnis lag irgendwo verborgen, und in allen Gesprächen, die er bis jetzt geführt hatte, war es auch irgendwie angeklungen, nur er konnte sich nicht darüber klar werden, wo, wie und wann.

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Während er so in seinen Gedanken vertieft weiterlief, ohne sich um den Weg zu kümmern, änderte sich langsam aber sicher die Umgebung. Die Landschaft war zwar noch grün in den schönsten Frühlingsfarben, aber kahle Berge traten jetzt plötzlich am Rand des Weges auf, und Sven wußte nicht, ob er sie schon vorher erkannt hatte oder ob sie auf einmal da waren. Erschreckt blieb er stehen und schaute zu einem Berg hinauf, der steil am Weg emporragte.

Plötzlich schrie Wolf auf: “Sven – Vorsicht – Steinlawinen”! und machte einen gewaltigen Satz in Richtung eines Fels-Vorsprunges.

Sven folgte ihm gedankenschnell. Keine Sekunde zu spät, denn schon polterten die ersten Steine herunter und bedeckten die Stelle, an der sie soeben noch gestanden hatten, mit Geröll.

“Puh, das war knapp!” keuchte Wolf und blickte Sven angstvoll an. “Hast du das nicht bemerkt? Du schautest doch nach oben!”

“Nein”, gab Sven kleinlaut zu.

“Sven, ich habe ein ungutes Gefühl.”

“Wieso? – Nur, weil da ein paar Steine heruntergefallen sind?”

“Dieser Steinschlag kam nicht von ungefähr!”

“Du meinst … Zirkonia …”

“Genau das”, unterbrach Wolf ihn und musterte Sven nachdenklich. “Du Sven …?”

“Ja?”

“Ich … ich habe Angst.”

Sven seufzte lächelnd, klopfte Wolf auf die Schultern und schaute ihn beruhigend an. “Ich bin ja bei dir, Wolf.” Dann blickte er gedankenverloren in die Ferne, als suche er dort irgendwas. “Aber um ehrlich zu sein”, meinte er dann, “ich habe auch Angst.”

Lange war es still, nur von Ferne hörte man das Rauschen von Wasser. Sven setzte sich seufzend wieder in Bewegung, um gleich wieder erschreckt stehen zu bleiben. Hatte er sich getäuscht, oder wurde das Rauschen des Wassers lauter? – Er lauschte. – Tatsächlich, jetzt klang es schon wie ein Wasserfall.

Wolf schaute Sven an. “Hörst du das gleiche wie ich?”

“Ich glaube … ja”, erwiderte Sven stockend. “Denkst du auch das gleiche?”

“Ja.”

Das Rauschen wurde lauter und immer lauter. Einer plötzlichen inneren Eingebung folgend faßte Sven Ratatosk fester und rannte auf die Felsen zu.

“Wolf, schnell, das Wasser kommt!”

Der letzte Satz ging schon fast im Getöse des heranbrausenden Wassers unter, aber Wolf verstand. Sie erreichten die Felsbrocken und kletterten, so schnell sie konnten, hinauf. Dann sahen sie auch schon die Flutwelle kommen – höher, als sie erwartet hatten.

“Wolf, es reicht nicht! Wir müssen höher!”

Ratatosk verkroch sich zum wiederholten Mal in Svens Schulterbeutel, sodaß Sven beide Hände frei hatte zum Klettern. Abwechselnd sich selber und Wolf hochziehend erreichten sie mit letzter Kraft das Plateau. Sven hielt sich beide Ohren zu, als die Wasserlawine vorbeidonnerte. Steine und Geröll wurden mitgerissen, und mehr als einmal hatte Sven Angst, daß aufschlagende Wellen das Plateau überschwemmen und sie mitreißen könnten. Aber langsam sank der Wasserspiegel wieder und die Lawine zog vorüber.

Doch eine neue Gefahr tat sich auf. Schnelle Flügelschläge und das Gekreische von unzähligen Vogelkehlen war zu hören. Das Gekrächze und Geschrei verwandelte sich langsam in Sprache. Sven starrte entsetzt zum Himmel, als er die Stimmen hörte:

“Da ist er ja, der niedliche Knabe.”

“Ja wodenn, wodenn? Sag doch.”

“Da unten, auf dem Felsplateau.”

“Ah, ich sehe ihn. Mit seinem Freund, dem Wolf.”

“Wollen wir ihn anknabbern, den süßen Kleinen?”

“Ja kommt. Das wird ein Festessen!”

Wie Pfeile fielen die unheimlichen Vögel vom Himmel, um sich auf die drei Freunde zu stürzen. Sven sprang vom Felsen in die Tiefe, ohne sich weitere Gedanken zu machen. Wolf folgte ihm auf den Fuß. In dem letzten Rest des Wassers tauchend schwammen sie um ihr Leben, um am gegenüberliegenden Ufer im Gebüsch Schutz zu suchen.

Ihr mutiger Sprung hatte Erfolg. Die mordlustigen Vögel flogen suchend über dem Felsen und dem Wasser umher. Wütend, weil sie sich ihrer Nahrung beraubt sahen, schnatterten sie um die Wette:

“Ja, wo sind sie denn?”

“Gerade noch waren sie da.”

“Oh, dieser süße Knabe wäre so lecker gewesen.”

“Meckere nicht so rum. Such lieber!”

“Ja, wo sollen wir denn suchen?”

“Ich glaube, du hast recht. Sie sind weg.”

“Oh, was tut mir das leid um den leckeren, niedlichen Buben!”

“Suchen wir dahinten weiter, hinter dem Felsen.”

Schimpfend entfernten sich die Vögel. Aufatmend krochen Sven, Wolf und Ratatosk unter ihrem Versteck hervor.

“Das war alles Zirkonias Werk”, murmelte Sven, am ganzen Körper bibbernd.

Auch Wolf schüttelte sich. “Ich möchte allzu gerne wissen, was sie uns als nächste Überraschung serviert.”

“Ich weiß nicht, Wolf. Aber ich glaube, das waren bisher nur Vorboten.”

“Wie meinst du das?”

“Sven hat recht”, meldete sich plötzlich Eelie wieder zu Wort.

“Du kommst auch immer, wenn die Gefahr vorüber ist”, sagte Sven erbost und setzte sich, die Arme vor Kälte zitternd um den Körper geschlungen, ins Gras.

“Entschuldige Sven, aber ist es nicht besser, wenn ich dich in dem Augenblick der Gefahr allein lasse, statt dir dreinzureden, oder dir zu sagen, was du zu tun hast? – Ein Mensch macht im Moment der Gefahr sowieso meist das Richtige!”

“Ja, ist gut”, murmelte Sven, ohne auch wirklich mit dem einverstanden gewesen zu sein, was Eelie gesagt hatte.

“Was ist jetzt mit den Vorboten? – Kann irgendeiner der Herrschaften mir vielleicht erklären, was es damit auf sich hat?” Wolf wurde langsam ungeduldig.

Sven schaute ihn entgeistert an. “Ich meinte bloß, daß es noch schlimmer werden könnte.”

“Verstehe ich jetzt wirklich nicht ganz.”

“Also”, erklärte Eelie. “Zirkonia will uns nur Angst machen. Die wirkliche und große Gefahr kommt noch erst. Das hat Sven gemeint.”

“Ahaa”, machte Wolf. “Sollte es vielleicht damit beginnen, die große Gefahr meine ich, daß es jetzt kälter wird?”

Sven starrte seinen tierischen Freund entsetzt an. “Was sagst du da?”

“Das es kälter wird!”

Tatsächlich, jetzt merkte er es auch. Aber nicht, daß es gemächlich an Kälte zunahm, so wie man es beim Übergang vom Herbst zum Winter kannte. – Nein, es wurde schlagartig kalt. Entsetzt stellte Sven fest, daß seine Kleidung schon hart wurde.

“Schnell Wolf, wir müssen weiter. Wir haben nasse Kleidung und es friert. Wir müssen laufen, schnell!”

Wolf schaute Sven entgeistert nach, dann stand er auf und schüttelte sich noch mal. Dabei fielen Eisstücke aus seinem Fell. Instinktiv richtete er seine Schnauze nach oben und jaulte, was seine Wolfslunge hergab.

Sven drehte sich um. “Wolf, komm! – Oder willst du da erfrieren?”

Nein, das wollte er nicht. Mit mächtigen Sprüngen setzte er Sven nach.


*********************

Es fing an zu schneien. Ausgerechnet jetzt hatte Sven seinen dicken Fellumhang nicht dabei. Er zitterte am ganzen Körper. Die Landschaft deckte sich langsam mit der eisigen, kalten Pracht zu. Zu allem Überfluß fing es auch noch an zu stürmen, und Sven hatte Hunger. Der eisige Wind kroch durch seine dünne Jacke, obwohl er sie bis obenhin geschlossen hatte.

Immer stärker wurde das Schneetreiben, das Eis, der eisige Wind, der allein durch Zirkonias Macht gekommen war, um ihn daran zu hindern, den heiligen Gral zu erreichen.

Seine Finger begannen zu prickeln und der Wind wurde stärker. Wie spitze Nadeln stachen die Schnee- und Eiskristalle in sein Gesicht, sodaß das Atmen immer schwerer wurde. Seine Kräfte fingen an zu erlahmen. Aber er marschierte weiter. Sein Wille war so stark, sein Kampfgeist so gegenwärtig, daß er Zirkonia zeigen wollte, wessen Macht größer war.

Wolf und Ratatosk ging es nicht anders. Obwohl Wolf ein dickes Fell hatte, bibberte auch er am ganzen Körper und seine Zunge hing lechzend heraus. Sven fing an zu stöhnen, als eine kräftige, eisige Sturmböe ihn fast zum Stillstand zwang. Jegliches Gefühl war aus seinen Händen gewichen, auch sein Gesicht spürte er nicht mehr. Die Eisluft gab ihm das Gefühl, seine Lungen seien schon ein Eisklumpen. Sollte Zirkonia doch gewinnen?

Dann sah er die Höhle.

“Da!” krächzte er mit aller Kraft und wankte in Richtung des Felsens. Am Eingang der Höhle ließ er sich fallen. Schwer atmend blieb er liegen, bis ihm eine feuchte Schnauze ins Gesicht stieß.

“Sven … weiter”, ächzte Wolf, “hier kannst du nicht liegen bleiben.”

Mühsam raffte Sven sich hoch und kroch auf allen Vieren ins Innere der Höhle, die sich als ziemlich geräumig erwies. Dort blieb er noch eine Weile schnaufend liegen, um dann von Eelie aufgefordert zu werden, ein Feuer zu machen. Widerwillig setzte er sich auf und staunte nicht schlecht, als er sah, daß ein Stoß Reisig vor ihm lag.

“Wo kommt das her?”

“Ich glaube, es lag in den Ecken verstreut”, entgegnete Eelie. “Wolf hat es gerade zusammengekehrt.”

Zitternd fingerte Sven den Feuerstein aus seinem Beutel, aber erst nach mehreren Versuchen züngelte eine kleine Flamme aus dem trockenen Holz. Fröstelnd legte sich Wolf neben das kleine Feuer. Auch Sven streckte zögernd seine steifen Finger aus.

“Sven – die Höhle ist noch größer!” rief Eelie plötzlich.

Sven drehte sich um, und im hellen Schein des Feuers erkannte er einen Durchgang, direkt hinter sich.

“Warte, ich komme gleich”, versprach er und öffnete seine Jacke, um die wohltuende Glut seinen kalten Körper erwärmen zu lassen. Doch ein furchterregendes Knurren ließ sie ihm erschreckt wieder schließen. Langsam drehte er sich um. Der Schrei blieb ihm in der Kehle stecken.

Vor ihm standen in einiger Entfernung zwei tiefschwarze hundeähnliche Bestien mit einem gedrungenen Körper, kurzen kräftigen Beinen und einem geringelten Schwanz. Das grausigste an diesen beiden Kreaturen der Hölle aber waren ihre jeweils zwei Köpfe. Sie befanden sich zähnefletschend nebeneinander auf dem dicken Hals und sahen aus wie Boxergesichter, die man mit einem Vorschlaghammer noch platter geschlagen hatte. Ihre Augen funkelten blutgierig und mordlüsternd in Svens Richtung, dann schritt der eine langsam auf ihn zu.

Sven spürte einen feinen Windhauch neben sich – Eelie war an ihm vorbeigehuscht – dann hörte er seine leise Stimme:

“Sven – fasse den Knauf von Hrotti an, aber ziehe ihn nicht aus dem Gürtel – er meldet sich von selbst!”

Sven tat, wie ihm geheißen und setzte langsam einen Schritt zurück in die Richtung des Höhleneinganges. Plötzlich hörte er von hinten ein lautes Poltern; er wagte es aber nicht, sich umzudrehen.

“Was war das?” zischte er Wolf zu.

“Das war ein riesiger Felsbrocken. Die Höhle ist zu!” gab Wolf angstvoll mit erstickter Stimme zurück.

Sven stöhnte. “Verdammt, dann sitzen wir in der Falle. – Wolf, es ist aus!”

“Nein Sven, es ist nicht aus. Solange wir noch leben …”

Der Rest des Satzes ging in ein Gekreische unter, als eine der Bestien zum Sprung ansetzte. Im gleichen Moment spürte Sven ein Zucken in der Hand, mit der er das Schwert Hrotti umfaßt hatte.

Er zog es aus dem Gürtel und ohne, daß er etwas dazutun konnte, beschrieb Hrotti einen Halbkreis in der Luft, dem ein erbärmliches Heulen und das Fallen von zwei Gegenständen folgte.

Sven hatte während des Schwertstreiches beide Augen geschlossen. Als er sie jetzt wieder öffnete, sah er eine der scheußlichen Kreaturen, nunmehr mit nur einem Kopf und einer riesigen Wunde, aus der das Blut herausschoß, am Boden liegen. Der andere Kopf war bis ans andere Ende der Höhle gerollt, und die andere Bestie war gerade im Begriff, diesen jetzt körperlosen Kopf zu verspeisen.

Aber die Bestie war noch nicht am Ende. Obwohl das Blut in Strömen aus der geschlagenen Wunde pulste, raffte es sich auf, als stünde es unter einem inneren Zwang und sprang Sven ein zweites Mal an.

Aber diesmal war Wolf schneller. Mit einem gewaltigen Sprung warf er sich dem Scheusal entgegen und brachte es alleine durch die Wucht des Aufpralls dermaßen zu Fall, daß es bis zum anderen Ende der Höhle rollte.

Wolf setzte hinterher und biß sich in dem Nacken der Bestie fest. Ein Jaulen ertönte, als das Höllentier sich mit aller Macht zur Wehr setzte. Aber es hatte schon zuviel Blut verloren und seine Bewegungen wurden langsamer. Dann streckte es seine Beine von sich und verschwand.

Sven stand wie versteinert. Die Kreatur war verschwunden, hatte sich in Luft aufgelöst. Nur ein Häufchen Asche war übrig geblieben.

Aber lange Zeit zum Wundern blieb ihm nicht, denn plötzlich erklang aus der anderen Ecke der Höhle wieder ein hohes Kreischen. Die andere Bestie hatte seine grausige Mahlzeit beendet und fletschte Sven mit beiden Köpfen an.

Das blutige Schwert noch in der Hand, überlegte Sven nicht lange. Er sprang einen Schritt zurück und hielt Hrotti mit beiden Händen abwehrbereit vor sich.

Die Bestie sprang, Sven stach zu. Aber der Höllenhund hatte mit Svens Verteidigung gerechnet und seinen Sprung so ausgeführt, daß er über Sven hinwegflog. Im Flug rollte er seinen spiralförmigen Schwanz aus und peitschte Sven damit durchs Gesicht.

Sven schrie auf und fiel zurück, ein brennender Schmerz durchzuckte sein Gesicht, als hätte jemand glühende Kohle hineingeworfen. Dann hörte er ein wütendes Knurren. Wolf war hinzugesprungen und hinderte die Kreatur daran, Sven erneut anzuspringen.

Sven raffte sich wieder auf. “Wolf, zurück!” schrie er, so laut er konnte und stürmte vorwärts, Hrotti wie eine Sichel vor sich herschlagend. Die Bestie sprang – und jaulte seinen Todesschrei zugleich, als das Zauberschwert seinen Leib durchtrennte.

.

Der Spuk war vorbei. Zitternd stand Sven da, das Schwert fiel ihm klirrend aus der Hand.

“Sven … wir haben … gewonnen”, stöhnte Wolf.

Sven ließ sich zu Boden fallen und robbte langsam und kraftlos zum Feuer. Dort blieb er erst eine ganze Weile liegen und wärmte sich, denn er fror jämmerlich.

“Nein Wolf, das glaube ich nicht”, kam es zögernd aus ihm heraus.

“Wieso nicht?” wunderte sich Wolf und kroch näher.

“Eelie, bitte erkläre du es ihm. – Ich kann nicht mehr.”

“Schau mal zum Eingang, Wolf”, sagte Eelie ganz ruhig, “er ist versperrt.”

“Verdammt!” entfuhr es Wolf. “Daran hatte ich nicht mehr gedacht. Wir sitzen in der Falle.”

“Richtig!”

Wolf schwieg eine Weile, dann stellte er plötzlich seine Ohren als Zeichen des Erkennens auf und blickte Sven an. “Und der Durchgang dort hinten?”

“Wer weiß, wo der hinführt”, entgegnete Eelie an Svens Stelle. “Aber du hast recht”, fuhr er dann fort, “wir müssen es versuchen. Sonst war…”

“… die ganze Reise umsonst! – Wolltest du doch sagen”, unterbrach Sven ihn. “Und das will ich nicht. – Ich habe getötet und damit das Böse angewandt. Ich weiß also, daß etwas Böses in mir steckt. Aber ich werde nicht zulassen, daß das Böse in mir mächtig wird. Zirkonia hat meine Seele noch nicht. – Wir werden sehen, wo wir hinkommen, wenn wir dort durchmarschieren. Und dann werde ich die Reise fortsetzen. Im Sinne des Guten!”

Erstaunt hatten die Freunde Svens Worten gelauscht. Dann spürte Sven wieder einen Windhauch und hörte Eelie’s freudige Stimme direkt vor sich:

“Oh Sven, wäre ich ein Mensch wie du, ich würde dich für diese Worte umarmen!”



.

Sie durchquerten Gänge und Stollen, die manchmal so niedrig waren, daß sie hindurch kriechen mußten, und manchmal so eng wurden, daß Sven meinte, zu dick zu sein, um sich quer hindurch zu quetschen. Dann kamen sie mal in eine kleine Höhle, wo verschiedene Gänge in verschiedene Richtungen führten. Doch Wolf hatte bisher immer den, im wahrsten Sinne des Wortes, richtigen Riecher gehabt und sie immer wieder in den richtigen Gang geführt. So dachten sie es zumindest; denn wissen konnten sie auch dieses nicht. Aber sie verließen sich auf ihr Glück, auch wenn dieses ihnen manchmal einen Streich spielte und sie sich in einem Gang begeben hatten, der abrupt endete; als Sackgasse. Dann hieß es, wieder zurück und den nächsten Gang testen.

Über Durst brauchten sie nicht zu klagen, denn Feuchtigkeit war genug vorhanden, auch wenn das Wasser manchmal abscheulich stank, sodaß Sven sich öfter übergeben mußte.

Oft mußten sie auch erschreckt zurückweichen, wenn der heiße Wasserstrahl eines Geysirs sich vor ihnen auftat oder sogar flüssiges Gestein ihnen den Weg versperrte. Schon so manche Verbrennungen hatte Sven sich dabei geholt. Aber sie marschierten weiter – es blieb ihnen ja auch nichts anderes übrig, wollten sie nicht elendig in diesen Gängen verenden.

Dann hörten sie das Brüllen.

Sven blieb erschreckt stehen. “Was war das?” fragte er mit zitternder Stimme.

“Ich weiß nicht”, entgegnete Eelie genauso verwirrt. “Aber ich schau mal nach. Es kam aus dem Gang da vorne.”

Sven, Wolf und Ratatosk warteten. Die Zeit verrann, aber Eelie kehrte nicht zurück. Mit bangem Gesicht schauten Sven und Wolf sich an. Beide wußten, daß sie das gleiche dachten.

Schon wieder erklang ein schauerliches Brüllen. Als sie schon dachten, es wäre aus und Eelie wäre etwas zugestoßen, spürten sie plötzlich einen zarten Windhauch.

“Eelie, oh Eelie, da bist du ja wieder!” rief Sven erleichtert aus. “Warum hat es denn so lange gedauert?”

“Pst”, zischte der Lichtalbe erregt, “halt dein lautes Mundwerk, sonst sind wir schon verloren, bevor wir noch etwas unternehmen können!”

Sven wurde bleich im Gesicht. “Wieso … was ist denn?” stammelte er nervös.

“Nach dem Gang da vorne kommt eine große Höhle”, erklärte Eelie. “Eine Höhle, wie du sie noch nie gesehen hast.”

“So groß?” staunte Sven.

“Ja.”

“Weiter”, drängte Wolf. “Was war in der Höhle?”

Eelie seufzte. “Ich habe dort ein Wesen gesehen, welches ich noch nie in meinem Elfenleben gesehen habe.” Er machte eine Pause und Sven merkte am Windhauch, daß Eelie aufgeregt hin- und herschwebte. Dann erzählte er zögernd weiter. “Es war tiefschwarz, hatte einen schuppigen Körper, einen langen Schwanz und einen langen Hals, auf dem ein scheußlicher Kopf saß. Zwei rotglühende Augenpaare starrten in die pechschwarze Finsternis der Höhle und sahen deshalb noch schrecklicher aus. Das Maul hatte es weit geöffnet und verströmte einen Gestank, der an die Unterwelt denken ließ. Und dann …”

“… Eelie … leise!” unterbrach Sven ihn. Der Lichtalbe war während seiner Schilderung immer lauter geworden. Sven sah angstvoll in die Richtung, wo er Eelie vermutete. “Wenn das wahr ist, Eelie, dann …” er ließ den Satz unvollendet.

Wolf schaute ihn an. “Du meinst, Zirkonia hat einen … Drachen geschickt?”

Sven schluckte und nickte stumm.

“Heilige Götter”, murmelte Wolf. “Da bin ich aber mal gespannt, wie wir an dem vorbei kommen!”

“Wir müssen! – Sonst gibt es keinen Ausgang”, meinte Eelie.

“Können wir uns nicht an ihm vorbei schleichen?” fragte Wolf vorsichtig.

“Ich glaube nicht. Ich vermute sogar, daß er uns erwartet.”

“Klar erwartet er uns!” brummte Sven niedergeschlagen. “Er ist ja schließlich von Zirkonia aus der Unterwelt Hel geholt worden, um uns zu vernichten!”

“Dann werden wir kämpfen müssen!” bestimmte Eelie.

“Kämpfen, kämpfen!” schimpfte Sven. “Ich höre immer nur kämpfen. Gibt es denn keine andere Möglichkeit des Sieges?” Zornig stieß er mit dem Fuß gegen einen Stein, der polternd in einen Gang verschwand. Als Antwort darauf ertönte wieder ein grausiges Brüllen. Sven erschrak. “Ich glaube”, schluckte er dann, “es gibt keine andere.”

Betretendes Schweigen breitete sich aus. Wolf faßte sich als erster:

“Besser, während eines Kampfes zu sterben, als vor Angst vor der Gefahr in dieser teuflischen Höhle zu verhungern!”

Damit betrat er auf leisen Pfoten den Gang. Svens Herz klopfte ihm bis zum Hals, als er seinen tierischen Freund im Gang verschwinden sah. Dann faßte auch er sich:

“Wolf, nicht so schnell.”

Schritt für Schritt, und ohne das geringste Geräusch zu machen, tasteten sie sich in dem engen und stockfinsteren Gang vorwärts. Der Gestank, von dem Eelie erzählt hatte, wurde stärker. Sven suchte in seinem Schulterbeutel herum, erschrak darüber, als er Ratatosk ertastete, und fand dann, was er suchte.

“Da ist es ja, mein Taschentuch”, flüsterte er leise. “So kann mans besser aushalten.”

“Ruhe!” zischte Wolf und legte sich auf den Bauch, als sie am Ende des Ganges angekommen waren.

Rotes Licht schimmerte in den Gang hinein. “Das kommt von den Augen.” hörte Sven Eelie in sein Ohr flüstern.

Und dann sah er es, trotz der rabenschwarzen Finsternis. Ihm blieb fast das Herz stehen, und es gelang ihm nicht mehr, einen Schreckensschrei zu unterdrücken.

Eine gigantische Scheußlichkeit saß in der Mitte der Höhle auf sechs Beinen und starrte sie mit funkelnden roten Augen an. Dann öffnete es sein kantiges Maul, auf dem die Nüstern so groß wie die Höcker von Dromedaren saßen, und ließ seine lange gespaltene Zunge durch die Höhle peitschen. Die Höhle hallte wider von einem krächzenden, grauenvollen Schrei, sodaß Sven meinte, sein Trommelfell würde zerplatzen. Steine polterten von der Höhlendecke herunter. Sven und Wolf duckten sich hinter einem großen Felsen.

“Da ist der Ausgang”, raunte Wolf.

Sven blickte vorsichtig in die angegebene Richtung. “Da kommen wir nie und nimmer hin!” fluchte er leise. “Das dämliche Ding läßt uns bestimmt nicht durch!”

“Mußt du ausgerechnet jetzt Witze machen?” fauchte Wolf. “Dieses von dir genannte dämliche Ding ist ein Dämon, Sven. Der verspeist uns!”

“Sag ich ja!”

Wolf starrte ihn ungläubig an. “Deine Kaltblütigkeit möchte ich haben!”

“Das sieht nur so aus, Wolf.”

Ein erneutes Brüllen ertönte, worauf sich wieder Steinbrocken von der Höhlendecke lösten und herunter polterten.

“Der frißt uns bestimmt nicht, wir werden eher erschlagen!” fluchte Sven und flüchtete wieder in eine Deckung.

“Sven, er kommt!” warnte Eelie plötzlich.

Die Höhle erzitterte bei jedem Schritt, den der schwarze Drache in ihre Richtung tat.

“Alle Götter der Welt”, flehte Sven inbrünstig, “steht uns bei.” Dann holte er tief Luft und stand wagemutig auf.

“Halt, du Ungetüm der Hölle. Ich befehle es dir!” hallte seine feste Stimme durch die Höhle. Die Bestie blieb stehen. “Zirkonia, ich frage dich: warum bekämpfst du mich jetzt, wo du mich doch schon lange vorher hättest töten können?”

Keine Antwort. Der Drache schwenkte unruhig mit dem Kopf, als wäre er nur eine Marionette in einem grausamen Spiel.

“Warum gibst du mir keine Antwort, Zirkonia?”

Statt einer Erwiderung öffnete die Kreatur vor ihm das Maul. Sven warf sich zu Boden. Gerade noch rechtzeitig, denn die lange Zunge zischte eine Handbreit über seinen Kopf hinweg. Sven zitterte am ganzen Körper, dennoch klangen seine Worte hart und unbarmherzig:

“Na gut, Zirkonia, du willst den Kampf. Du sollst ihn haben!” Blitzschnell stand er auf, riß das Schwert Hrotti aus dem Gürtel und hielt es hin- und herschwenkend in die Höhe. “Komm, du Ausgeburt der Hölle. — K ä m p f e !”

Der Drache legte den Kopf schief und kam einen Schritt näher. Sven wich zurück. Dann drehte sich das Ungeheuer plötzlich mit einer Geschwindigkeit, die man seiner Größe nicht zugetraut hätte, um seine eigene Achse und peitschte mit seinem gewaltigen Schwanz durch die Luft. Sven gelang es nicht mehr, auszuweichen, wurde von der Schwanzspitze erfaßt und meterweit durch die Luft geschleudert. Schwer kam er auf den Höhlenboden auf und meinte, sämtliche Knochen gebrochen zu haben. Dabei hörte er ein triumphierendes Brüllen. Er wollte wieder aufstehen, aber der Schmerz zwang ihn wieder zu Boden.

“Wolf, wir müssen Sven helfen! Der Drache greift ihn wieder an!”

Sven achtete nicht auf diese Worte, sondern verfolgte in höchster Aufregung das Geschehen in der Mitte der Höhle, wo jetzt in diesem Augenblick eine Gestalt erschienen war. Zuerst glaubte er, es wäre ein Geist oder eine andere Lichterscheinung, aber dann sah er, daß das nicht stimmte.

Es war ein kleiner Knabe – ein wunderschöner, goldhaariger Knabe in einem fließendem, silbernen Gewand, zartgliedrig und so blaß, daß seine Hände und Füße im roten Schein der Drachenaugen beinahe durchsichtig wirkten.

“Ein Elf!” entfuhr es ihm. Er hatte noch nie einen wirklichen Elfen gesehen, aber er kannte ihn aus Wolfs und Großmutters Erzählungen so gut, daß er sofort wußte, wen er vor sich hatte. Dieses Wesen konnte nichts anderes sein, als Eelie, der Lichtalbe!

Auch der Drache hatte den Alben erblickt und war stehengeblieben. Dann stieß er ein gräßliches Brüllen aus, spannte seine mächtigen Hinterläufe und durchsprang mit einem Satz mehr als die Hälfte der Höhle, sodaß Sven schreckhaft noch weiter zurückkroch. In den Flammenaugen des Monsters blitzte es triumphierend.

Eelie wich mit einem hellen Schrei zurück, hob die Hände und bewegte sie schnell hin und her. Die Luft zwischen ihm und dem Ungetüm begann zu vibrieren und zu flimmern. Kleine bläuliche Blitze zuckten aus Eelies Hände und trafen die Bestie. Dann schien es plötzlich, als wäre die Kreatur von Millionen winziger, blitzender Sterne eingehüllt.

“Sven”, brüllte Wolf unvermittelt, “hilf ihm, damit er seine ganze Energie nicht verausgabt!”

Sven sprang trotz der Schmerzen auf, hielt das Schwert über den Kopf, rannte auf den Dämon zu und schlug ihn mit einem Schlag über die Hälfte des Schwanzes ab. Das Ungeheuer schrie vor Schmerzen, bäumte sich auf und schlug blind mit den gewaltigen Vordertatzen in die Luft. Sven wurde zum zweitenmal getroffen und stürzte zu Boden. Die Luft flimmerte immer noch von Eelies Zauberkraft. Das Untier brüllte, stampfte mit den Füßen auf, sodaß der Boden zitterte und immer mehr Geröll von der Höhlendecke polterte. Eelie wurde getroffen und stürzte. Das Flimmern und Blitzen erlosch. Der Drache fuhr herum und stieß seinen fauligen Atem in Svens Richtung. Sven würgte und wich zurück. Das Ungetüm setzte nach, bäumte sich vor Sven in die Luft, aber Eelie war schneller. Noch einmal hob er die Hände und vollführte die magische Geste. Noch einmal blitzte es auf und ein Nebel aus flirrendem Sternenstaub fiel auf die Bestie. Aber Sven sah, daß das Glitzern und Funken nicht mehr so hell war wie vorher. Und wenn der Drache sich auch wie unter einem schmerzhaften Hieb duckte, so war die Wirkung doch bei weitem schwächer als beim ersten Mal.

Noch stand das Ungeheuer auf zwei Hinterläufen, dann tat es einen Schritt vorwärts, kam über Sven zu stehen und fiel herunter. Gedankenschnell riss Sven das Schwert Hrotti in die Höhe, sprang mit einem gewaltigen Satz hoch und drückte damit dem Scheusal das Schwert bis an den Knauf in den schuppigen Leib. Der Drache bäumte sich wieder auf, begann von innen her in einem bläulichen Schein zu erstrahlen, blieb noch sekundenlang hoch aufgerichtet stehen, neigte sich dann langsam wie ein gefällter Baum auf die Seite und fiel zu Boden. Das höllische Feuer in seinen Augen erlosch.

Dann begann der schwarze Körper zu fließen, die Form des Drachen verschwand, der Leib verwandelte sich in eine tiefschwarze, stinkende und flüssige Brühe: dem Wasser des Burggrabens der Festung Zirkonia.


********************

Plötzlich erklang ein schäbiges Lachen, welches von der Höhlendecke reflektiert wurde und dann von allen Seiten zu kommen schien – lauter und immer lauter. Steine polterten wieder herunter, Sven suchte Deckung.

“Hahahaha – du hast meinen Drachen getötet, Sven. Aber meinst du, damit hättest du gewonnen? – hahahaha”.

Sven sprang auf. “Zirkonia, wo bist du? Zeige dich!”

Die Luft vor ihm begann zu schimmern und zu verschwimmen. Undeutlich formte sich daraus ein übergroßes, dämonisches Gesicht, welches die ganze Höhle rot und grün ausleuchtete. Sven erschauerte. Das Böse, der Teufel selber war erschienen. Ein satanisches Lachen klang durch die Höhle.

“Hier bin ich, Sven Menschenkind. Ich will dich holen in mein Reich!”

“Ich gehe nicht mit dir!” sagte Sven und wunderte sich darüber, daß er den Mut fand, mit solch fester Stimme dem Bösen zu trotzen.

“Du willst nicht mit?” fragte der Dämon verwundert, und Sven sah, daß die Lichterscheinung vor ihm zu flimmern begann. “Dann schau dich um, Sven. Du bist alleine. Alle hast du getötet. Du gehörst jetzt mir. Du bist der Sohn des Bösen!”

Sven sah sich erschreckt um und stieß einen Schrei aus. Hinter ihm am Boden lag Eelie, zusammengekauert und ohne das geringste Anzeichen von Leben.

“Eelie, nein!” schrie Sven und schüttelte ihn. Selbst jetzt noch strahlte der Lichtalbenknabe soviel Schönheit, Güte und Frieden aus, daß Sven meinte, er müsse sich doch gleich bewegen. Doch Eelie rührte sich nicht. Der Lichtalbe war tot.

“Nein-nein-nein”, schluchzte Sven. “Eelie, steh auf. Wir haben gewonnen. – Bitte – steh auf, es ist alles gut … oh Eelie …”. Er vergrub sein Gesicht in das Gewand des Elfen und weinte bitterlich.

“Das ist dein Werk, Sven. Gratuliere.”

Du hast es getan, du Satan. Du hast Eelie ermordet!” schrie Sven.

“Sven, du bist schon wieder dabei, voreilig zu urteilen!” wies ihm die Lichterscheinung zurecht. “Du weißt anscheinend nicht, daß ein Lichtalbe sich nur einmal sichtbar machen kann und damit sich selbst zum Tode verurteilt.”

Sven senkte den Blick. So war das also: Eelie hatte es gewußt und hatte sein Leben freiwillig verwirkt, um Svens Leben zu retten und damit den Fortbestand der großen Suche nach dem Gral zu sichern. Eelie war für ihn gestorben.

Aber was hatte die Suche denn jetzt noch für einen Sinn? – Eelie und Wolf waren tot, Zirkonia hatte ihn in der Hand. Langsam stand er auf. “Zirkonia, du hast gewonnen”, sagte er mit leiser Stimme.

“Nein … hat sie nicht … aaah”, ertönte es plötzlich aus einer Ecke.

Sven stürmte vorwärts zu einem Geröllhaufen, aus dem er es weiss schimmern sah. “Wolf!” schrie er und räumte hastig die dicksten Brocken weg. “Wolf, du lebst!” Glücklich umarmte Sven ihn.

Langsam kam das weisse Tier auf die Beine. “Zirkonia hat noch nicht gewonnen!” Dann trat er hinter dem Felsen hervor, sodaß Zirkonia ihn sehen konnte.

Die Lichterscheinung begann zu flackern. “Ingolf!” kreischte sie, “wieso lebst du noch ?!” Das Licht wurde blasser.

“Solange ich und Eikthyrnir noch leben, Zirkonia, gehört Sven sich selber, und sonst keinem. – Und jetzt: verschwinde!”

“Eikthyrnir?” schrie Zirkonia angstvoll. “Wo ist er?”

“Dort”, sagte Wolf ganz ruhig, “schau zum Ausgang!”

Das Leuchten wurde schwächer, als Zirkonia die Erscheinung erblickte, die soeben am Höhlenausgang aufgetaucht war. Es war ein stattlicher, weißer Hirsch, der Zirkonia ruhig anschaute. Zirkonia erblasste und das Leuchten wurde unter dem Blick des Hirsches immer schwächer und schwächer, bis es schließlich ganz erlosch. Sven stand wie versteinert.

“Komm mit zum Ausgang, Sven”, sagte Wolf und stieß ihn mit der Schnauze an.

Aber Sven drehte sich um und ging noch mal zu dem Leichnam des kleinen Lichtalben. Dort kniete er sich nieder, nahm eine Hand des Elfenknaben in beide Hände und drückte sie an seine Brust. Dicke Tränen rannen über sein Gesicht.

“Danke Eelie”, schluchzte er leise. “Aber es hätte nicht sein brauchen. Du hättest dein Leben nicht hergeben müssen, nur damit ich gewinne. Was mache ich jetzt ohne dich? – Du hast mir soviel gegeben, soviel gelehrt und …”, er schluckte ein paarmal, “… ich habe dich immer ausgeschimpft, weil ich dachte, du wolltest mich als kleinen Jungen hinstellen. Ich war dumm und egoistisch. – Ich war es nicht wert, dein Freund zu sein. Aber du warst einer meiner besten und treuesten. – Warum merke ich es erst jetzt, wo du tot bist!” Schluchzend verbarg er sein Gesicht in den Armen. “Oh Eelie, bitte entschuldige mich für das, was ich dir angetan habe. — BITTE”.

Dann stand er auf und wischte sich schniefend die Tränen fort. “Und danke für alles, Eelie. Es war schön, dich zum Freund gehabt zu haben!”

Wolf kam an seine Seite. “Komm Sven, es wird Zeit.”

“Aber wir können ihn doch nicht so liegen lassen!”

“Er wird sich auflösen, wenn keiner mehr da ist. – Komm jetzt!”

Sven schaute ihn mit verweinten Augen an. “Ja Wolf. Vielleicht hast du recht.”

“Außerdem wartet dort unser neuer Begleiter auf uns.”

“Wer ist das?” fragte Sven erstaunt.

“Das ist der Hirsch Eikthyrnir. Er ist ein göttliches Tier und wird uns sicher über den Gjöll zum heiligen Schrein bringen.”

“Gjöll?”

“Ja. Der Gjöll ist der Grenzfluß zur Hel, der Unterwelt, an dessen Ausgang wir uns befinden.”

“Wir sind in der Unterwelt?” fragte Sven erstaunt.

“Ja. Ich habe es auch nicht gewußt. – Aber jetzt komm. Ich mag hier nicht mehr sein!”

Sven ging langsam auf das weiße Tier zu, welches sich willig von ihm besteigen ließ.

“Es ist nicht mehr weit zum heiligen Schrein”, sagte Wolf. “Ruhe dich bis dahin aus; denn wenn wir da sind, wirst du deinen gesamten Verstand gebrauchen müssen!” Dann schritt er voraus.

Sven folgte ihm auf dem Rücken des Hirsches, sich ein paarmal umschauend mit der Gewissheit, daß er hier seinen wirklich besten Freund zurück ließ.

DER GRAL – Kapitel 13

Lärad und Hrotti

Der Götterbaum war riesig. Lange stand Sven unter dem mächtigen Blätterdach und konnte es nicht fassen, daß er, ein kleiner dreizehn-jähriger Friesenjunge, dem Heiligtum der Götter, der Menschen, der Tiere, ja der ganzen Welt gegenüberstand.

Er umrundete den Baum eng am Stamm und zählte dabei seine Schritte. Staunend blieb er dabei stehen und kratzte sich am Hinterkopf. Hatte er sich verzählt? – Einhundertsechzig und ein halber Schritt! – Demnach müßte der Baum ja über fünfzig Meter dick sein!

“Nochmal zählen”, sagte er mehr zu sich selbst und setzte sich wieder in Bewegung, um gleich wie angewurzelt stehen zu bleiben. Auf dem Boden lagen welke Blätter.

“Ich dachte, Lärad kann nicht welk werden!” sagte er nach einer Pause zu Wolf, der ebenfalls erstaunt nach unten schaute, den Kopf senkte und schnüffelnd die Blätter untersuchte.

“Die sind tot”, meinte Wolf, als er die Untersuchung beendet hatte.

“Das sehe ich auch! – Aber wieso?”

“Das ist der Einfluß des Bösen, Sven!” meldete sich Eelie zu Wort.

Sven schüttelte ungläubig den Kopf. “Wieso? – Was kann das Böse dem Weltenbaum schon ausmachen?!”

“Oh, sehr viel”, erklärte Eelie. “Umso mehr Böses in die Welt kommt, desto mehr verwelkt der Baum. – Er ist genau das Gegenteil von Zirkonia: Umso mehr Gutes in die Welt kommt, desto mehr zerbröckelt die Festung. Bisher haben sich Gut und Böse immer die Waage gehalten und Zirkonia war genauso mächtig wie Lärad. Nur ist jetzt der Vorteil etwas auf Zirkonias Seite. — Aber es ist ja ein Kämpfer unterwegs!”

“Meinst du mich?”

“Ja.”

“Verstehe ich nicht. – Kämpfen bedeutet doch Kampf. Und Kampf bedeutet doch die Anwesenheit des Bösen. – So habe ich es jedenfalls gelernt. Und dann begreife ich nicht, wie man für das Gute kämpfen sollte.”

“Da muß ich dir widersprechen, Sven. Denn kämpfen kann man auf vielfältige Art und Weise, so wie es dir beliebt. Kämpfen heißt nicht immer, daß man dem anderen körperlichen Schaden zufügt, um über ihn zu siegen. Für etwas kämpfen bedeutet auch, sich für etwas einsetzen, sich für etwas stark machen. Kämpfen kann man mit den Mitteln des Bösen, so wie es die meisten Menschen leider tun. Und diese Mittel sind Haß, Streit und fürchterliche Kriege, um nur einige aufzuzählen.”

Eelie machte eine Pause und schaute Sven erwartungsvoll an.

“Aber es gibt auch Mittel und Wege”, meinte Sven daraufhin, “um für das Gute zu fechten. Das wolltest du doch damit sagen, oder?”

“Richtig, Sven. Und diese sind Herzlichkeit, Hilfsbereitschaft, Akzeptanz und Verständnis für den anderen und vor allem: die Liebe. – Für welches Mittel und für welchen Weg du dich entscheidest, Sven, liegt bei dir.”

Nachdenklich senkte Sven den Kopf. Immer sollte er die Entscheidung treffen. Immer wieder. Ob es wohl mal irgend eine Situation geben würde, wo es nicht auf seine Entscheidung ankam? – Hier war es zwar klar, daß er die Mittel des Guten ergreifen würde. Aber die Sache würde nicht immer so glimpflich ausgehen. Irgendwann würde bestimmt eine Situation eintreten, wo die Entscheidung schwerer fallen könnte. Und wenn er dann ein Mittel des Bösen einsetzen mußte?

Mit Grauen dachte er an diese Schrecklichkeit. Nein, er wollte lieber hoffen, daß er niemals in die Lage kam. Zögernd setzte er seine Baumumrundung fort.

Eelie hatte Sven, während er die ganze Zeit grübelte, beobachtet. Jetzt tat ihm dieser Junge leid, denn auf Sven lag eine ungeheure Last. Gerne hätte er ihm etwas von dieser Last abgenommen, aber es war leider nicht möglich. Er hatte als Lichtalbe keine Chance, in das Geschehen einzugreifen. Wohl konnte er Sven Hilfestellungen und Tips geben, und ihn in den Sachen belehren oder zumindest helfen, wo Sven unsicher oder unerfahren war. Aber mehr war nicht drin.

Wut stieg sogar in ihm auf, als er sah, wie Sven sich niedergeschlagen hinsetzte und traurig einen Grashalm zupfte. Er wußte, was in Sven vorging. Wie sollte er es jetzt anstellen, diesen Jungen wieder zu einem zwar träumerischen, aber ansonsten fröhlichen und zu Späßen aufgelegten Knaben werden zu lassen!? – Einem Sven, dem dieses Ganze wieder zu einem Abenteuer wurde, wie es einem dreizehn-jährigen Jungen normalerweise geht.

Und nicht zu einer lästigen Pflicht, so wie es jetzt im Moment aussah.

Lange grübelte Eelie hin und her, bis ihm die Erleuchtung plötzlich wie ein Hammerschlag traf: Lärad war die Lösung!

Denn Lärad hatte – wenn sein Elfengedächtnis ihn nicht im Stich ließ – ein kleines Problem. Vorausgesetzt, ein anderer hatte dieses Problem nicht in der Zwischenzeit beseitigt. – Es war zwar ein gefährliches Problem, aber es würde Sven fordern, und ihn dann wieder zu einem richtigen Abenteurer werden lassen, wenn … ja, wenn er der Richtige war.

Fieberhaft suchte Eelie den dicken Stamm Lärad’s ab und … stieß beinahe einen Freudenjauchzer aus. Da war es, tief in den Wurzeln des Götterbaumes versteckt.

“Sven, Sven! – Komm schnell her, ich habe was gefunden!”

Verblüfft schaute Sven auf.

“Ich bin hier, ungefähr fünf Schritte links von dir”, dirigierte Eelie ihn, weil er für Sven ja immer noch unsichtbar war.

“Was hast du gefunden?” Sven eilte zu der Stelle, die Eelie ihm angegeben hatte.

“Da, zwischen den Wurzeln.”

Sven erstarrte, als er es gold und silbern zwischen den Wurzeln schimmern sah. Zögernd streckte er seine Hand aus.

“Warte Sven”, hielt ihn Eelie zurück, “ich muß dir vorher noch etwas sagen.”

“Wieso? – Was ist damit?” Sven zog blitzschnell die Hand zurück, als hätte er eine schmerzhafte Berührung gemacht, und starrte in die Richtung, wo er Eelie vermutete.

“Nichts schlimmes”, beruhigte Eelie ihn. “Nur eine Erklärung zu dem, was dort zwischen den Wurzeln steckt: Es ist das Götterschwert Hrotti!”

Er machte eine Pause, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen und fuhr dann fort:

“Es ist ein Zauberschwert, Sven, welches seinem Träger Macht verleiht – aber nur einem von den Göttern erwählten Träger, denn nur ein solcher kann das Schwert ziehen. Es hat einen eigenen Willen. Es tut also nur das, was es selber will. Aber sei vorsichtig: Es gibt sich auch so, wie der Träger. Ist der Träger böse, kann auch Hrotti böse sein, und natürlich umgekehrt. – Ergreife es und du weißt, ob es die Götter weiterhin gut mit dir meinen!”

Eelie schwieg und betrachtete Sven, wie er so ungläubig dastand, sich dann mit einer plötzlichen Regung des Erkennens aufrichtete und zur Krone Lärad’s hochschaute. Dann, mit einem kurzen Ruck, bückte er sich und umfaßte den Knauf des Götterschwertes mit festem Griff. Eelie schaute entzückt auf das, was dann geschah:

Ganz langsam und ohne Anstrengung zog Sven das Schwert zwischen den Wurzeln hervor, als wenn es nur in Butter gesteckt hätte, hielt es lange bewundernd in der Hand, fuhr prüfend mit dem Daumen über die scharfe Schneide, ohne sich zu verletzen, und hob es dann langsam und bedächtig, die Arme dabei triumphierend ausgestreckt, über seinen Kopf senkrecht in die Höhe. Ein schwaches Glimmen drang aus dem Schwert, steigerte sich zu einem Leuchten, verbunden mit einem kaum fühlbaren Pulsieren, bis es schließlich in hellem Glanz erstrahlte, sodaß Sven geblendet die Augen schließen mußte. Dabei erklang eine jubilierende Stimme wie das Rauschen des Windes, verbunden mit dem Wispern von tausend Elfenstimmen:

.

“Götterfunke glühe auf, strahl wie tausend Lichter.

Das Menschenkind hat es vollbracht und wird des Bös’ Vernichter!”

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Sven trat bei diesen Worten erschrocken einen Schritt zurück und starrte abwechselnd das Schwert und den Götterbaum, aus dessen Krone die Stimme erklungen war, mit ungläubigen Augen an. “Wo bist du? – Ich sehe dich nicht.”

.

“Du stehst vor mir, ich bin Lärad, Gott Ing hat es mir gegeben.

Ich bin der Weltenbaum, durch den alles sprießt. – Ing und ich gaben dir das Leben!”

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“Ihr gabt mir das Leben?” fragte Sven empört. “Dann seid ihr ja auch für das verantwortlich, was jetzt mit mir geschieht!”

.

“Verantwortung hin und Verantwortung her.

Wenn wir alles gewähren ließen, wäre die Erde leer!”

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“Da verstehe ich irgend etwas nicht. Was meinst du damit? – Geht das denn schon länger?”

Sven zitterte am ganzen Körper vor Aufregung. Er hatte geahnt, daß er nicht der Erste war, der im Begriff stand, das Böse zu vernichten. Andere hatten es schon vor ihm versucht. Der Bischof vom Marienhof hatte mal von einem Mann gesprochen, der in einem fremden Land den Teufel besiegt hatte und dafür am Kreuz gestorben war. Svens großes Vorbild, Lif aus Midgard, hatte auch den Versuch gemacht, als die Götter ihn brauchten.

Doch was er jetzt in wispernden Stimmen von Lärad hörte, verschlug ihm fast den Atem. Das Götterschwert Hrotti fest umklammert lauschte er den Versen des Götterbaumes:

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“Es steht geschrieben in alten Legenden, die Nornen haben’s vor Zeiten gewebt,

als die Erde nicht war und auch nicht der Himmel: das Schicksal aller, was atmet und lebt.

Höre gut zu, Sven Menschenkind, was ich dir jetzt sag’,

und höre die Sage vom Göttergeschick. Ich erzähle, so gut ich’s vermag.

.

Einst wird kommen die Zeit – so hast du es vernommen -

da wird das Böse sich auftun, die schwarze Brut wird kommen.

Aber schon lange vorher, vor undenklicher Zeit,

ist das Böse entstanden in der Unendlichkeit.

.

Doch das Gute und Böse, Liebe und Haß,

gehören zusammen wie Feuer und Nass.

Und mit dem Bösen entstand in grauer Zeit

das Gute als Ausgleich in der Unendlichkeit.

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Gut und Böse verhalten sich wie eine Waage: mal hat Gut das Gewicht und mal das Böse.

Aber immer kommt das Gleichgewicht, mal im Frieden, mal im Krieg und mit Getöse.

.

Doch es gab auch Zeiten, die waren anders. Das Böse wurd’ zu mächtig, bedrohte das Gute.

Die Götter riefen Hilf’ herbei, meist von den Menschen, die dann gaben den Götter neuen Mute.

.

Das Böse kam in mancherlei Gestalt, du kennst sie zur Genüge:

Teufel nennt ihr sie, Ahriman, Surtur und Zirkonia. Jeder Name ist das Böse, keiner ist Lüge.

.

Lif und Lifthrasil, Gilgamesch und Christ, alle fochten mit dem Bösen, dem Dunkeln.

Doch das Böse ist unausrottbar und nicht zu vernichten. Sonst wär’ auch das Gute fort, hört man es munkeln.

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Das war’s, woran die Nornen nicht gedacht, als sie das Schicksal woben.

Und jetzt hat die Waage wieder Falschgewicht, Zirkonia dort und ich hier oben.

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Die Götter wissen nicht mehr aus noch ein, Zirkonia, die Falsche, sie jetzt bedroht,

und wenn die schwarze Brut bald siegt, ist nicht nur die Götterwelt in Not.

Die Erd’, die Menschen mit allen Wesen ist dann in groß’ Gefahr,

daß sie dem Bösen ganz erliegen. Wer hier nicht aufpaßt, ist ein Narr!

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Drum hab’n die Götter Göll ausgeschickt, ein Menschenkind zu suchen, das reist

und dann zum wiederholten Mal auf Erden das Böse in seine Schranken weist.

Es steht geschrieben, dieser Knabe wird erkannt an vielen Sachen:

Mit Hagal, Elf, dem Götterwolf und Hrotti wird besiegt der Drachen.

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Dann soll er suchen den heiligen Schrein und dort den Stein der Götter finden.

Gral ist der Name. Die Energie, mit Hagal und Hrotti das Böse zu binden!”

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Sven schwieg eine Weile, als der Götterbaum geendet hatte. Dann hob er das Schwert und schaute es andächtig an.

“Und jetzt soll ich mit diesem Schwert das Böse vernichten?”

.

“Hrotti ist nicht zur Vernichtung gedacht.

Für die Verteidigung wurd’ er dir in die Hand gegeben.

Drum hab’ für alles, was du tust, gut acht.

Tust du es nicht, gefährdest du dein Leben.”

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“Meinst du damit, daß es sich auch gegen mich kehren könnte?”

.

“Das Böse ist wie ein Bumerang in der Nacht:

du siehst sie nicht, die zurückschlagende Macht!”

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Sven seufzte und senkte den Kopf. Dann streichelte er Wolf über das weiße Fell, steckte das Götterschwert in seinen Gürtel und nahm Ratatosk auf den Arm. “Ist es noch weit bis zum heiligen Schrein?”

.

“Es ist fern oder nah, so wie du es siehst,

und es lauern auf dich noch viele Gefahren!

Zirkonia wird dich bekämpfen, sie ist ein Biest,

und du mußt dich wehren mit Haut und Haaren.

Aber ich rate dir, auch wenn dir nicht danach zumute:

Hrotti ist mächtig, benutze es nur für das Gute.

Den Weg zum Heiligtum kann ich dir sagen nicht, jeder hat seinen eigenen Weg zu gehen.

Geh’ deinen Weg, und wenn du es wirklich willst, wirst du ihn finden, du wirst schon sehen!”

.

Der Götterbaum schwieg. Sven wartete noch eine Weile und schaute Lärad schweigend und ehrfurchtsvoll an.

“Danke, Lärad”, sagte er dann und setzte sich festentschlossen in Bewegung, um die letzte, und gefährlichste, Etappe seiner Reise zu bewältigen.

DER GRAL – Kapitel 12

Die TagNachtGleiche

Mühsam humpelte Sven durch die rabenschwarze Finsternis. Er war jetzt schon wieder fast zwei Stunden unterwegs, und das rotglühende Auge der Festung Zirkonia war zu einem schwachen Glimmen geworden. Trotzdem schien es ihm, als würde er nicht von der Stelle kommen. Allerdings mußte er zugeben, daß es ihm vorkam, als würde sich die Gegend irgendwie verändern. Denn die Felsbrocken und die spitzen Steine, über die er anfangs bei fast jedem Schritt gestrauchelt war, wurden seltener und der Boden dadurch glatter und ebener. Außerdem ging es seit fast einer Stunde nur bergauf. Zwar fast nicht merklich, aber Sven spürte, daß er an Höhe gewann.

“Wie geht’s deinem Fuß?” fragte Wolf unvermittelt und schreckte Sven damit aus seinen Gedanken auf, die sich wieder um die Festung gedreht hatten.

“Es geht”, stöhnte er. “Aber ich glaube, er ist ganz aufgeschwollen.”

“Dann schau mal nach vorne.”

Sven blickte auf und hätte fast vor Freude aufgeschrien. Doch dann besann er sich wieder und seufzte leise. “Ach, sicher wieder eine von diesen komischen Sinnestäuschungen.”

“Nein Sven, das ist es nicht. Das Graue dort hinten ist Wirklichkeit.”

Svens Augen weiteten sich. Er schaute abwechselnd Wolf und die sich in der Ferne langsam auflösende Schwärze an. Dann entschlüpfte ihm ein Freudenjauchzer, der die finstere Stille durchbrach wie ein nach einem Fisch springender Delphin eine glatte Seeoberfläche. Dann machte er trotz seines kranken Fußes einen meterhohen Luftsprung.

“Die Sonne, Wolf. Da vorne ist die Sonne!”

“Beruhige dich, Sven. Es ist noch weit. – Außerdem ist dort das Tor der Erkenntnis.”

Das brachte Sven augenblicklich einen Dämpfer auf seinen Freudentaumel. “Warst du schon mal dort?” fragte er zögernd.

“Nein. – Aber ich weiß, daß dort auch der Urdsee ist. Dann wird dein Fuß geheilt werden.”

Verwundert blieb Sven stehen. “Sagtest du gerade: Urdsee?”

“Ja. Wieso?” fragte Wolf verblüfft.

“Du meinst: Wir – das heißt du, Ratatosk, Eelie und ich – kommen zum … Urdsee?”

“Ja”, bestätigte Wolf erneut. “Wieso erstaunt es dich so?”

“Ich dachte, der Urdsee wäre nur Legende!”

“Sven, ich glaube, du mußt noch viel lernen. Weißt du überhaupt, was eine Legende ist?” – Sven schüttelte verneinend den Kopf.

“Eine Legende”, erklärte Wolf, “ist eine vernebelte oder nicht bewiesene Darstellung einer geschichtlichen Wirklichkeit oder Begebenheit. Das heißt: den Urdsee haben zwar schon einige Leute gesehen, aber man glaubte ihnen nicht. Und so ist er eine Legende geworden.”

Staunend über Wolfs Wissen hatte Sven zugehört. Dann klopfte er ihm auf die Schulter. “Also, worauf warten wir noch? – Lassen wir die Legende Wirklichkeit werden!”

.

.

Das Grau kam näher, die Luft füllte sich langsam mit Geräuschen. Trotzdem dauerte es noch einen ganzen Tag, bis sich endlich die erste spärliche Vegetation zeigte. Sven erkannte einige Disteln, die sich mühsam zwischen die Felsspalten hindurch zwängten, und eine rötliche Farbe besaßen.

“Das liegt noch am Einfluß der Festung!” hatte Eelie auf die Frage geantwortet, warum die rote Farbe überall vorherrschte; denn auch die ersten Büsche waren rot. Blutrot, dachte Sven und schüttelte sich.

Dann, nach abermals etlichen Stunden – Sven meinte, schon tausend Jahre unterwegs zu sein – zeigte sich erstes Gras. Und dann ging es überraschend schnell.

Sven überquerte einen kleinen Hügel und schaute entzückt und mit freudestrahlendem Gesicht auf das kleine Tal, daß sich zu seinen Füßen auftat. Die schwarze, ekelhaft dunkle Finsternis war verschwunden, und Grün, richtiges lebendiges Grün erstreckte sich vor ihm. Grüne Pflanzen, grüne Bäume, grüne Büsche. Vögel flogen durch die Luft, Tiere rannten über das Feld und in den Wald hinein. Und das Allerschönste, was Sven Freudentränen in die Augen trieb: Über allem thronte eine Sonne, eine strahlend helle Sonne. Eine Sonne, wie sie nicht schöner hätte sein können.

Sven kniete sich nieder und strich mit der Hand vorsichtig über das zarte Grün des Grases zu seinen Füßen. Ratatosk sprang mit einem lauten “Tschuck-tschuck” im Gras umher und lockte damit Wolf heran, der, nach anfänglichem Zögern – vielleicht vor Ehrfurcht oder Staunen – sich übermütig auf den Rücken fallen ließ und einen Freudenjauchzer nach dem anderen ausstieß.

Sven sah seine Freunde lachend beim Spiel zu, dann stand er auf und humpelte mühselig den Hügel hinunter. Er mußte zu dem Wald, er mußte die Bäume anfassen. Richtige Bäume, denn er hatte nicht geglaubt, daß er sowas noch mal wieder sehen würde. Die Festung und das sie umgebene Land hatte ihn schon fast glauben lassen, es würde keine Helligkeit mehr geben.

Er blieb wieder stehen und schaute noch mal lächelnd über das liebliche kleine Tal. Es war eben und die Berghänge stiegen sanft nach allen Seiten an. Der kleine Wald lag so ziemlich in der Mitte, und um ihn herum waren bunte Wiesen mit einer Farbenpracht, die Sven nicht beschreiben durfte, wollte er dieser Herrlichkeit gerecht werden. Rechts war der Hügel unterbrochen von einem braunen Durchgang, der ziemlich breit sein mußte. An seiner Seite erkannte Sven einen kleinen Fluß, der, kurz bevor er den Wald erreichte, im Boden versickerte.

“Das ist Urd”, erklärte Wolf, der sich zu Sven gesellt hatte und ebenfalls die Schönheit der Landschaft bewunderte.

“Was ist Urd?” fragte Sven verunsichert.

“Der kleine Fluß da vorne, der an Lärad vorbeifließt.”

Svens Herz begann heftiger zu schlagen. Diesmal aber nicht vor Schrecken oder Angst, sondern vor Ehrfurcht. “Lärad?” fragte er ungläubig.

“Ja. – Siehst du denn nicht den braunen Stamm dort rechts?”

Sven wurde schwindelig, als er erkannte, daß das, was er für einen braunen Durchgang gehalten hatte, der Stamm des Weltenbaumes Lärad war. Sein Blick glitt an dem Stamm in die Höhe – bis zu den Wolken, wie es ihm schien. Dort erst bildeten sich die ersten Äste und wuchsen zu einem riesigen Blätterdach, welches – nach Svens Meinung – die ganze Welt umspannen mußte.

“Das … das ist … Lärad? … Der … göttliche Baum? fragte er zitternd.

“Ja Sven. – Nur ich wußte nicht, daß er sooo schön ist!”

Wolf hatte diesen Satz mit soviel Inbrunst ausgesprochen, daß es Sven richtig warm ums Herz wurde. Er umfaßte Wolf und drückte sich an ihn. Ratatosk sprang auf Wolfs Rücken, und auch er staunte über dieses Wunder. Trotzdem jagte es Sven einen kalten Schauer über den Rücken, als er darüber nachdachte, wie nah sich eigentlich der Götterbaum und die Festung Zirkonia waren.

“Ja weißt du, Sven”, erklärte Eelie, nachdem Sven ihm seine Gedanken mitgeteilt hatte, “Gut und Böse liegen manchmal so dicht zusammen, daß man es fast nicht auseinander halten kann und beides nahtlos ineinander übergeht.”

“Kommt jetzt”, sagte Wolf nach einer kleinen Pause. “Gehen wir in den Wald, zum Urdsee.”

Sven blickte ihn fragend an, sodaß Wolf gleich weiterfuhr: “Der Urd speist den See von unten, Sven. Dann fließt er in dünnen Rinnsalen über die ganze Welt und verbreitet das Gute.”

Sven lächelte und seufzte dabei. Was sollte er dazu sagen, diese Wunder waren einfach zuviel für ihn. Am besten war es, sich einfach damit abzufinden und nicht zu fragen, wieso und weshalb. Kapieren würde er es sowieso nicht. Also setzte er sich wieder in Bewegung und erreichte wenig später den Waldrand.

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.

Der Wald war dicht und bestand hauptsächlich aus Eichen, Buchen, Eschen, verschiedenen Strauchgehölzen mit und ohne Beeren und Kriechgewächsen aller Art. Blumen blühten in allen Farben an jeder Stelle, wo die Sonnenstrahlen das Blätterdach durchbrachen. Und wo sie es nicht konnten, da hatten sich einige Blumen die Äste gewaltiger Buchen ausgesucht, wo sie in den schillerndsten Farben dem Oberwald einen bunten Anstrich gaben.

Schweigend bahnte Sven sich einen Pfad durch den Dschungel, bis er an dessen Rand kam und staunend stehenblieb. Vor ihm erstreckte sich eine kreisrunde Lichtung, in deren Mitte sich der Urdsee ausbreitete. Auf seiner silberglänzenden Oberfläche spiegelte sich der bunte Wald in seiner ganzen Farbenpracht, sodaß Sven geblendet die Augen schloß und nicht mehr wußte, wo oben und wo unten war.

“Komm Sven”, flüsterte Wolf neben ihm. “Komm mit zum See und tauche deinen kranken Fuß hinein.”

Entgeistert schaute Sven ihn an. “Wozu?”

Wolf warf ihm einen vorwurfsvollen Blick von der Seite zu. “Bestimmt nicht, um deine Füße zu waschen!” brummte er und wandte sich in Richtung See. Sven und Ratatosk folgten ihm.

Am Ufer des Urdsee’s blieb Sven stehen und setzte sich erst nach Wolfs mehrmaliger Aufforderung nieder, um seinen Schuh auszuziehen. Jetzt erst sah und merkte er, wie krank sein Fuß war: Im Bein kurz oberhalb des Knöchels glänzte ein tiefes Loch – man sah noch ganz deutlich die Abdrücke des schrecklichen Wolfsgebisses – dessen Rand von verkrustetem Blut bedeckt war. Sein ganzer Fuß unterhalb des Knöchels war gelb und grün aufgeschwollen und hatte jetzt mehr die Form eines dicken Ochsenfrosches denn eines Fußes. Dann kam wieder der Schmerz. Sven biß die Zähne zusammen und wimmerte leise vor sich hin.

“Tauche den Fuß ins Wasser”, forderte Wolf ihn auf.

Sven tat es, ohne nachzudenken. Ein weiterer stechender Schmerz durchzuckte sein gesamtes Bein – dann breitete sich eine wohltuende Kälte aus, die seinen Fuß zu betäuben schien. Die Kälte nahm zu und begann, unangenehm zu werden, sodaß Sven seinen Fuß wieder aus dem Wasser nehmen wollte.

“Warte noch ein Weilchen”, meinte Wolf, dem dieses aufgefallen war. “Warte noch solange, wie ich bade.”

Damit sprang er mit einem großen Satz ins Wasser. Er schwamm einige Runden, krabbelte wieder ans Ufer und schüttelte sich, sodaß das Wasser nach allen Seiten spritzte.

“Oh, geht’s mir gut!” jauchzte er, während er sich auf den Rücken warf und im Gras hin- und herrollte.

Sven hatte das Gebarden seines tierischen Freundes staunend verfolgt. Auch jetzt starrte er Wolf ungläubig an, denn mit ihm war eine Veränderung geschehen. Nicht nur, daß sein Fell weißer geworden war, auch seine Wunden waren, sosehr Sven auch suchte, nirgends mehr zu entdecken.

“Schau’ dir deinen eigenen Fuß an”, sagte Wolf auf Svens Frage.

Sven zog seinen Fuß aus dem Wasser und hätte beinahe vor Verwunderung aufgeschrien: Sein Fuß war gesund, restlos geheilt. Sven fuhr mit den Fingerspitzen über die Stelle, wo vorher noch ein Loch gewesen war. Nichts. Keine Narbe, keine Rötung. Nichts, was darauf schließen ließ, daß hier mal eine Wunde gewesen war. Sein gesamter Fuß glänzte in einer gesunden, rötlichen Farbe.

“Was ist das?” fragte er ungläubig.

“Das Wasser des Urd ist heilungsfördernd”, erklärte Eelie. “Wenn einer mit reinem Gewissen hier seine kranken Glieder eintaucht oder badet, der wird geheilt.”

“Das hast du aber gut gelernt!” ertönte plötzlich eine Stimme.

Sven fuhr auf und schaute sich irritiert um. Jetzt erst wurde ihm bewußt, daß ihn vorher nur der Anblick des Sees gefesselt hatte; die kleine Höhle am Rande des Sees aber ganz von ihm übersehen worden war. Vor der Höhle saßen drei alte Frauen an Spinnrädern und arbeiteten geschäftig.

“Wer seid ihr?” fragte Sven, als er sich von seinem ersten Schreck erholt hatte.

“Wir sind die drei Nornen!” erklang wieder die Stimme.

Und obwohl sie aus der Richtung der drei alten Frauen kam, stellte Sven mit Erschrecken fest, daß keine der Nornen ihre Lippen bewegt hatten. Trotz seines Vorsatzes, sich über nichts mehr zu wundern, fing Sven plötzlich an zu zittern, als ihm der Sinn der Worte bewußt wurde.

“Die … drei … Nornen?” fragte er zögernd.

“Ja, ich bin Urd!”

“Mein Name ist Skuld!”

“Und mich nennt man Werdandi!”

Keine der drei Nornen hatte die Lippen bewegt, trotzdem hatte jede gesprochen. Sven schauderte.

“Ihr … seid doch diejenigen, die … das Schicksal der … Menschen … bestimmen”, stieß er stockend hervor.

“Bestimmen ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Wir spinnen am Schicksalsfaden und weben damit für jeden seinen Lebensschal.”

“Ist das nicht dasselbe?”

“Nein, denn bestimmen wird jeder Mensch und jedes andere Wesen für sich selbst. Wir weben nur die grobe Masche. Erst durch die Handlungsweise des Wesens selbst entsteht das endgültige Muster.”

“Heißt das denn, daß jeder Mensch sein Leben selbst bestimmt? – Nicht das Schicksal?”

“Richtig, Sven. Wir geben ihm nur das Grundmuster. Die endgültige und letzte Entscheidung trägt der Mensch ganz alleine!”

Sven zuckte zusammen. “Das war der Spruch meiner Großmutter.”

“Eine weise Frau.”

Sven zuckte erneut zusammen und drehte sich um. Hinter ihm stand die alte Göll. Sie war unhörbar herangetreten.

“Du?” fragte Sven ungläubig.

“Ja Sven, ich. Du weißt ja, ich bin die Dienerin der Nornen, die Ruferin …”

“… von Urd, Skuld und Werdandi”, staunte Sven.

“Richtig”, lächelte Göll. “Von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart. Oder: von Schuld, Schicksal und dem Sein und Tun. Je nachdem, wie du es auffaßt.”

“Aber ich sehe keinen Faden am Spinnrad.”

“Die Fäden anderer sind für dich auch nicht sichtbar, Sven. Denn jeder lebt sein eigenes Leben. Keiner hat in des anderen Leben Einblick.”

“Und wo ist mein eigener Faden?”

“Den trägst du im Moment bei dir. Du bist ein Schicksalsträger, Sven. Mit dir haben die Nornen nichts zu tun. Dein Leben bestimmen die Götter. Und du bestimmst das Leben der Menschen.”

Sven starrte die alte Walküre an. “Ich?”

Göll nickte. “Aber nur für eine bestimmte Zeit.” Sie streichelte Wolf über den Rücken. “Bis deine Aufgabe erledigt ist”, fügte sie hinzu, als Sven sie immer noch ungläubig anstarrte.

“Meine Aufgabe?” stieß Sven hervor. “Ich weiß langsam nicht mehr, was eigentlich meine Aufgabe ist. Zuerst hieß es, ich sollte nur den Gral im Nordland suchen. Jetzt habe ich schon Bekanntschaft mit dem Bösen gemacht, überall sagt man mir, ich müsse verschiedene Prüfungen bestehen und durch gefährliche Länder reisen, und jetzt sagst du mir, daß ich das Leben der Menschen bestimme!” Sven hatte sich mit jedem Wort in höhere Spannung geredet. Der letzte Satz kam richtig wütend aus ihm heraus: “Ich will aber nicht über andere bestimmen, erst recht nicht über deren Leben!”

“Deshalb bist du auch erwählt worden, Sven!”

Mit offenem Mund starrte Sven die alte Göll an. Dann setzte er sich ins Gras. “Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr.”

Göll lächelte wissend und setzte sich neben ihn. Zärtlich nahm sie Ratatosk auf ihren Schoß und streichelte ihn. “Es ist ganz einfach, Sven”, begann sie ihre Erklärung. “Es gibt verschiedene Menschen. Die einen sind mit sich selbst nicht zufrieden und wollen Macht und Gewalt über andere haben, um sich selbst zu bestätigen. Andere Menschen brauchen dieses garnicht, weil sie mit sich selbst einverstanden und schon zufrieden sind, wenn sie anderen helfen können. Die ersten bauen am Unheil der Welt mit, die zweiten sind ein Segen. Bei den ersten herrschen Angst, Gewalt, Haß, bei den zweiten Verständnis, Eintracht, Liebe. Die ersten wollen Krieg, die zweiten nur ein Leben in Frieden. – Verstehst du mich?”

Sven nickte. “Ich glaub schon.”

“Hätten wir also den Fehler gemacht, und einen Menschen der ersten Gattung gewählt, wäre unser Plan nie in Erfüllung gegangen.”

“Was ist euer Plan?”

“Ein Menschenleben in Frieden, Eintracht und Liebe!”

“Ein schöner Plan. – Aber bist du auch überzeugt, daß er in Erfüllung geht?”

“Ich hoffe es!”

“Du weißt es also nicht?”

“Wenn ich es wüßte, wäre es ein Plan des Schicksals, und wir hätten dich nicht erwählen brauchen, um am Schicksalsknoten mitzuknüpfen.”

“Was muß ich denn noch alles tun?”

“Deine Hauptaufgabe besteht darin, alles zu tun, damit die drei Nornen weiterspinnen können. Und nicht aufhören müssen, weil die Menschheit vom Bösen aufgesogen wird. Dazu gehört, den heiligen Gral zu suchen, um mit ihm den Kampf gegen die Festung Zirkonia aufzunehmen.”

“Aber wenn ich Zirkonia vernichte, dann bin ich doch selbst böse! – Das hat mir auch Zirkonia erklärt.”

“Es gibt immer zwei Wege, Sven. Egal, was du tust. Auch um etwas Gutes zu tun, gibt es zwei Möglichkeiten. Du kannst den direkten Weg der Liebe gehen, das ist der ehrlichste und sicherste. Oder du nimmst den Umweg über den Kampf. Hier besteht allerdings die Gefahr, daß das Böse von dir Besitz ergreift und in dir weiterlebt, obwohl du es bekämpfen wolltest. Das ist auch das, was Zirkonia von dir wollte!”

Göll machte eine Pause und schaute zu Boden. “Manchmal bleibt leider nur der zweite Weg”, seufzte sie dann, “und es gibt sehr wenige Wesen, die dem Bösen trotzen können.”

“Und ich kann es?” fragte Sven vorsichtig.

“Ja Sven. Zumindest hoffe ich, daß du diesen starken Willen und den Glauben an dich selbst besitzt.”

“Aber wieso soll ich Zirkonia denn vernichten? – Sie will ja nichts mehr von mir.”

“Oh Sven, täusche dich nicht!” Göll hob den Zeigefinger. “Das Böse hat viele Gesichter. Es kann sehr freundlich tun, und wenn du darauf reinfällst, bist du verloren.”

“Hat es etwas damit zu tun, daß sie auch die Form und ihr Aussehen verändern konnte? Und dann mal schrecklich und mal schön aussah?”

“Sehr richtig, Sven. Jedes Ding hat zwei oder mehr Seiten. Du mußt alles nur bei rechtem Licht betrachten!”

“Aber sie hat mich doch gehen lassen. – Also ist doch alles in Ordnung.”

“Ich sage nochmals: täusche dich nicht!” wiederholte Göll. “Zirkonia hat dich nur gehen lassen, weil du Hagal, die Rune des Schicksals, trägst. Und sie wird versuchen, dich im unbedachtem Moment zu bekämpfen. Das, was du neulich erlebt hast, war nur ein Kennenlernen.”

Sven riß seine Augen angstvoll auf. “Soll das heißen, daß sie mich demnächst angreifen wird?”

“Du mußt damit rechnen. – Aber du wirst gewappnet sein.”

“Was heißt das: ich werde gewappnet sein?”

“Du wirst wissen, was zu tun ist, wenn es soweit ist.”

“Aber warum kann ich es nicht jetzt schon erfahren?”

Göll lächelte bitter. “Weil es noch keiner weiß, Sven. Ich sagte doch: Diesen deinen Weg bestimmst du selbst!”

“Und …” Sven machte eine Pause und schaute Göll mit angstvollem Gesicht an.

“Und – was?” fragte Göll.

“… wenn ich den Kampf …” er zögerte “… verliere?”

“Dann Sven, hat das Böse den Kampf um die Menschheit gewonnen.”

Eine frostige Stille breitete sich aus. Wolfs Nackenhaare stellte sich auf. Sven, der Ratatosk gerade zwischen den Ohren gekrault hatte, meinte, sein Herz würde aussetzen, um mit einem lauten Knall schmerzhaft wieder einzusetzen. Ratatosk schmiegte sich angstvoll an Svens Bauch.

“Ich kann nicht”, hörte sich Sven selber sagen.

“Dazu ist es jetzt eigentlich zu spät”, wies ihm Göll zurecht. “Heute ist der Tag der Tagnachtgleiche. Der Tag, an dem Tag und Nacht eins werden. Wenn du heute aufgibst, dann ist es genauso, als hätte das Böse bereits den Kampf gewonnen.”

“Und was soll ich jetzt tun?”

“Das kann ich dir nicht sagen, Sven. Wenn du dem Bösen zur Macht verhelfen willst, dann brauchst du es nur hier und heute zu sagen. Die Entscheidung Sven, liegt bei dir!”

“Aber ich habe es doch schon tausendmal gesagt: Ich will dem Bösen nicht an die Macht verhelfen.” flehte Sven.

“Ich weiß. Nur – man kann es nicht oft genug sagen. Denn Zirkonia hat in dieser Beziehung ein schwaches Gedächtnis, auch wenn sie sonst nichts vergißt. Und sie weiß auch, daß du dich bereits entschieden hast. Trotzdem Sven, versucht sie es immer wieder, du wirst es noch merken.”

“Dann sage Zirkonia, sie soll mich nicht in Versuchung führen; denn jeder Versuch kann zum Bumerang werden”, brummte Sven ärgerlich. Dann schaute er Göll durchdringend an. “Und sage ihr außerdem, daß ich es noch gut mit ihr meine. Denn da ich sie sowieso vernichten werde”, er machte eine Pause und schaute Göll mit funkelnden Augen an, “wird jeder Versuch ihr Leiden nur verlängern!”

Damit drehte er sich um und stiefelte davon.

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Und von weit draußen, dort, wo die Sonne nie scheint und ein rotglühendes Auge in die schwarze Finsternis starrt, ertönte ein tiefes Grollen, und aus den Fluten des schwarzen Wassergrabens formte sich ein tiefschwarzes Wesen der Finsternis, breitete krächzend seine Flügel aus und stieg lautlos in die Luft.

DER GRAL – Kapitel 11

Festung Zirkonia

Der nächste Morgen erwachte genauso trübe, wie der letzte Abend gegangen war. Vor der Sonne trieben dunkle, graue Wolken, welche die Umgebung in gespenstisches Licht tauchte. Sven empfand Unbehagen. Als er seine große Suche begonnen hatte, wäre es ihm nicht mal im Traum eingefallen, daß sie so verlaufen würde. Trotz der schönen Seiten, die er bisher erlebt hatte: wie die Sache mit Birig, dem Zusammentreffen mit Wolf und dem kleinen Ratatosk, der noch friedlich in seinen Armen schlummerte.

Sven zuckte zusammen, als er wieder einen dumpfen Schmerz in seinem linken Fuß verspürte. Die ganze Nacht hatte er zwar gut geschlafen, aber er fragte sich nun: wie sollte es jetzt weitergehen? Er würde den Rest des Weges hinkend zurücklegen müssen. Die Frage, die daraus folgte, war: Wie lang war der Rest?

Alle konnten gut reden: seine Großmutter, die alte Göll, Klaus Störtebeker, Leub, und all die anderen. Sie brauchten die lange Reise nicht zu machen. Er mußte es aber! Von ihm wurde verlangt, daß er es schaffte. Sogar jetzt, wo er so schwer verletzt war, verlangte man es von ihm. Er mußte einfach!

Wer gab denen eigentlich das Recht, ihm zu sagen, was er zu tun hatte?

Hatten nicht auch schon alle mal gesagt, die letzte Entscheidung würde bei ihm liegen?

Also! – Warum entschied er sich nicht ganz einfach für den Abbruch der Reise? – Aus, vorbei! – Seine Entscheidung würde ganz einfach heißen: Es bleibt, wie es ist! – Basta!

Sven schreckte aus seinen Gedanken hoch, als Wolf sich regte. Was waren das gerade eben für Gedanken gewesen? Seine? – Das konnte nicht sein. Entsetzt schüttelte er Wolf wach. Mit einem herzhaften Knurren und Gähnen streckte das weiße Tier sich in die Länge.

“Guten Morgen, Sven.”

“Wolf, wo sind wir?” fragte Sven erregt. “Im Land der sich spiegelnden Schicksale?”

Wolf seufzte schwer. “Danke, daß du meinen Guten-Morgen-Gruß erwidert hast. – Nein, wir sind noch nicht da, aber an der Grenze.”

“Kann das Land mich jetzt schon beeinflussen?”

“Aber sicher! Wenn du nicht eines festen Glaubens an dich selbst bist!”

Sven schloß sekundenlang die Augen. “Dann hat es das vorhin versucht.”

“Wie bitte?” Wolf war mit einem Schlag munter. Ratatosk sprang mit einem lauten “Tschuck, tschuck” verschreckt zur Seite.

“Ja. Ich habe es ganz deutlich gespürt, daß meine Gedanken plötzlich anders wurden.”

“Dann müssen wir weiter, damit wir die Festung erreichen, bevor sie dich zur Umkehr zwingt!”

“Welche Festung?” Sven verschlang Wolf förmlich mit den Augen.

“Die Festung Zirkonia! – Wußtest du das nicht?”

Für einen Moment hörte Sven auf zu atmen. “Festung Zirkonia”, murmelte er dann. “Die Festung des Bösen!” Ihm war, als würde ihm ein spitzer Dolch in die Brust gestoßen. “Das war es, was Göll meinte.”

“Komm jetzt. Es eilt.”

Wolf war aufgesprungen und zerrte Sven auf die Beine. Mit einem Aufschrei sank Sven wieder zurück. Sein kaputter Fuß. Er hatte ihn fast vergessen. Jetzt machte sich der Schmerz umso deutlicher bemerkbar.

“Ich kann nicht”, jammerte er.

“Sven, beiß’ die Zähne zusammen und komm. Merkst du nicht, daß die Festung erreichen will, daß du umkehrst? Deshalb läßt sie dir die Schmerzen auch so heftig spüren.”

Sven schloß die Augen und kämpfte gegen das Gefühl an, aufgeben zu müssen. Dann stand er vorsichtig auf, unterdrückte ein neuerliches Aufstöhnen und stellte sich auf sein gesundes Bein.

“Na also”, meinte Wolf, “es geht. Jetzt komm.”

Sven griff nach Ratatosk, setzte ihn auf seine Schulter und folgte Wolf langsam.

********************

Das Land wurde karger und dunkler, der Boden steinig und hart. Kahle Felswände stiegen überall empor und rückten näher und immer näher. Schließlich schlängelte sich der Pfad eng und düster tief unten zwischen hohen, schwarzen Bergen vorwärts. Es war, als lauerten hinter jeder Biegung tausend Gefahren. Sicher empfand Ratatosk es auch so, denn er bebte am ganzen Körper und versteckte sich in Svens Schulterbeutel. Schmaler wurde der Pfad, die schwarzen Berge daneben wurden höher und das Dunkel verdichtete sich.

Ganz plötzlich hörten die Berge auf und sie kamen an eine enge Öffnung zwischen den Felswänden. Sven kam sie vor wie eine Pforte, eine Pforte zur Hölle. Denn dahinter lag eine Finsternis, schwärzer als alle Finsternisse und Dunkelheiten der Welt.

Wolf heulte auf. Es hörte sich grauenvoll an, denn es war das einzige Geräusch, was man hörte. Die Finsternis hinter der Pforte war stumm und schien auf Sven zu warten. Zu warten, daß er die Grenze überschritt.

“Das Land der sich spiegelnden Schicksale. Das Land der toten Seelen”, flüsterte Wolf. “Da irgendwo liegt sie, die Festung Zirkonia!”

Eine rauhe tausendfingrige Hand legte sich Sven auf den Rücken und kroch langsam höher. Im fröstelte. Aber er hatte keine Furcht mehr. Jetzt, wo er am Eingang zum Land der Festung stand und die tiefschwarze Finsternis erblickt hatte, spürte er keine Furcht mehr. Er fühlte sich mutiger, denn er wußte, er hatte eine Aufgabe zu erfüllen. Eine schwere Aufgabe, die in allen Prophezeiungen stand, und das Schicksal der Welt entschied. Er mußte weiter, denn es war auch sein Schicksal.

Liebevoll streichelte er Wolf über das Fell, nahm Hagal, die Rune des Schicksals, in die Hand und flüsterte: “Mein Schicksal ist bestimmt, Hagal. Aber bitte passe auf Wolf und meinem kleinen Ratatosk auf.”

Dann schritt er furchtlos durch die Pforte. Wolf folgte ihm.


.

Wie lange sie durch die endlose Dunkelheit liefen, wußte Sven nicht. Vielleicht nur kurze Zeit, vielleicht auch Stunden. Oder vergingen Jahre? Hundert, tausend? Sven war es, als wäre er aus einem Traum aufgewacht. Einem dieser bösen Träume, aus denen man mit einem Schrei erwacht und noch lange Zeit danach vom Entsetzen gepackt ist. Er wußte aber, dieses war kein Traum. Dieses war entsetzliche Wirklichkeit.

Plötzlich blieb er stehen. Er hatte nasse Füße bekommen. Er bückte sich und tastete den Boden ab, weil er nichts sah. Und er fühlte Wasser. Tiefschwarzes Wasser. Nie hatte er gedacht, daß Wasser so schwarz sein könnte. Wolf stieß ihn mit der Schnauze an. Er blickte auf …. der Schrei blieb ihm in der Kehle stecken.

Auf der anderen Seite des tiefen, schwarzen Wassergrabens, auf einer kleinen Anhöhe, lag eine große schwarze Burg. Ein einziges Fenster war erleuchtet. Es glich einem Auge. Einem Auge, welches Sven schon mal gesehen hatte. Ein rotglühendes Auge, daß in die schwarze Nacht hinausstarrte und Böses wollte.

Das war sie, die Festung Zirkonia, die Burg des Bösen.

Svens Herz raste, obwohl er sich vorgenommen hatte, mutig und furchtlos zu sein. Aber dieses Auge strahlte soviel Schrecken und Böses aus, daß Sven sich fragte, wie einer, der so klein war wie er, jemanden besiegen sollte, der so böse und gefährlich war, wie dieses Auge erkennen ließ.

“Komm”, sagte er und wunderte sich darüber, daß er den Mut gefunden hatte, dieses Wörtchen auszusprechen. Wolf wimmerte und schaute flehend zu ihm hoch.

“Du kannst hierbleiben”, sagte Sven. “Dann geh’ ich alleine.”

Wolf schüttelte den Kopf, wobei sich seine Nackenhaare aufstellten. Dann stieß er Sven freundschaftlich an und zeigte mit der Schnauze zur Festung. “Da ist der Eingang”, murmelte er, wobei seine Stimme zitterte.

Sven strich ihm wieder übers Fell. “Also gut.”

Sie überschritten den kleinen schmalen Steg, der über den schwarzen Burggraben führte, und standen wenig später an dem großen Eingangstor der schwarzen Burg. Ganz vorsichtig berührte Sven die schwarze Klinke und drückte sie langsam herunter. Knarrend und quietschend öffnete sich das Tor. Dahinter war es dunkel. Eine eiskalte Woge des Entsetzens schlug Sven entgegen, als er eintrat. Spinnweben klatschten in sein Gesicht, Ratten stoben quiekend nach allen Seiten davon. Er umfaßte Wolf und merkte, daß er zitterte.

“Komm Sven, tritt näher!” hörte er plötzlich eine tiefe Stimme, die von überall her zu kommen schien. Sie hallte von den Wänden und pflanzte sich in den Gängen fort. “Komm in mein Reich!” forderte die Stimme Sven auf. “Mein Reich, das auch schon sehr bald dein Zuhause sein wird!”

“NEIN!” hörte Sven sich unvermittelt selber schreien. “Nein! Nein! Nein!” wiederholte er, um sich Mut anzuschreien. “Wer bist du, daß du mir ein Zuhause anbietest!”

“Gefällt es dir nicht?” fragte die Stimme wieder. “Warte. Vielleicht ist dieses besser.”

Ein Blitz schoß durch den Raum. Sven schrie auf und schloß geblendet die Augen. Als er sie wieder öffnete, hatte er Mühe, sich an den Glanz zu gewöhnen, mit dem der Raum schlagartig gefüllt war. Ein roter Teppich breitete sich vor seinen Füßen aus und führte zu einer breiten goldenen Treppe. Rings um ihn herum brannten goldene Kronleuchter, Bilder in allen Größen hingen an den Wänden. Goldene Kerzenhalter standen an den Seiten und flankierten eine Reihe von goldumfaßten Spiegeln. Der ganze Raum war geschmückt mit Blumen und Büschen aller Art.

“Gefällt es dir besser?” hörte Sven wieder eine Stimme. Er erschrak. Auch die Stimme hatte sich verändert. Sie hörte sich an wie die Stimme einer jungen Frau. “Du mußt es mir schon sagen, wie du dein Zuhause gerne hättest. Oder möchtest du lieber so eine Burg wie die der tom Broks?” Wieder schoß ein Blitz durch den Raum, und wieder veränderte er sich.

“Na, ist mir die Nachbildung gut gelungen?” fragte die Stimme. Diesmal klang sie so wie die von Keno’s Vater.

“Hör auf! Hör auf!” schrie Sven und hielt sich die Ohren zu.

Wieder blitzte es auf, und Sven fand sich auf einer grünen Wiese mit Herbstblumen und strahlend blauem Himmel.

“Ich glaube, so können wir uns am besten unterhalten. Oder was meinst du?”

“Mach es wieder so dunkel wie vorher”, schrie Sven erbost. „Das paßt besser zu dir!”

“Wie du meinst.” Schlagartig wurde es wieder dunkel und der Geruch nach vermodertem Gestein machte sich wieder breit.

“Was willst du von mir? Und wo bist du? Laß dich sehen!” forderte Sven die Stimme auf. Und er spürte, daß mit jedem Wort, das er sprach, seine Furcht von ihm wich, und eine Sicherheit sich ausbreitete, die er als etwas ungeheuer beruhigendes empfand. Er faßte Wolf wieder um den Hals und starrte in die Dunkelheit.

“Du siehst mich doch!” sagte die Stimme erstaunt. “Ich bin Zirkonia, die Festung!”

Sven meinte, zu versteinern. Jetzt wurde ihm schlagartig bewußt, daß er eigentlich in der Falle saß.

“Und was ich von dir will?” fuhr die Festung fort. “Ich möchte dir ein Angebot machen.”

“Mir? – Ein Angebot?”

“Ja, dir. – Arbeite mit mir zusammen, Sven. Und wir beide sind die mächtigsten, die es auf Erden gibt. Zusammen sind wir unschlagbar.”

Sven verschlang es fast den Atem. Er war Gefangener der Festung, und diese machte ihm ein Angebot zur Zusammenarbeit.

“Arbeite mit mir zusammen, Sven. Und ich gebe dir alles, was du dir wünschst. Reichtum, Macht, ein Leben wie die Götter, alles.”

“Du willst …”

“DICH!” donnerte die Festung. “Dein Wort, daß du mir Treue schwörst, genügt mir. Und wir werden siegen, überall. Denn unserer vereinten Macht kann keiner widerstehen.”

“Macht?” fragte Sven ungläubig.

“Ich weiß, was du denkst”, fuhr die Festung ruhig fort. “Aber in dir schlummert Macht, du weißt es nur noch nicht. Ich werde dir zeigen, wie du die Macht in dir zum Leben erweckst.”

Sven schauderte. Er, ein Normanne mit friesischem Blut, sollte dem Bösen dienen, nur um an die Macht zu gelangen? Er sollte dem Bösen zur Seite stehen, ihm unterstützen, damit beide, das Böse und er, die Macht auf Erden hätten?

“Niemals!” rief er mit fester Stimme. “Lieber lasse ich mich von dir töten, als dir zu dienen!”

“Oh, ein Held”, staunte Zirkonia, “es gibt noch Helden auf der Welt, die sich töten lassen würden. – Aber wer spricht denn vom Töten? – Wenn ich es wollte, Sven, hätte ich es schon tausendmal gekonnt. Aber sei beruhigt, nichts liegt mir ferner, als dir ein Leid anzutun. Ich kann doch besser mit denen, die genauso mächtig sind wie ich, zusammenarbeiten.”

“So, wie du mit den anderen zusammenarbeitest, denen du ihre Seele genommen hast.”

“Ja weißt du, Sven”, meinte die Festung ironisch, “ich habe sie nur glücklich gemacht. Sie waren so unglücklich, weil der Orkan ihnen alles genommen hatte. Und da bin ich nur helfend eingesprungen.”

Irritiert schaute Sven um sich herum. Ihm störte es, daß er seinen Gesprächspartner nicht sah. “Aber du …”

“Man hat dir viel Schlechtes über mich erzählt, nicht wahr? Man hat dir erzählt, daß ich, Zirkonia, der Herrscher über das Böse bin, und meine Diener, die schwarze Brut, über die Weltmeere fahren lasse, um Angst und Schrecken zu verbreiten, nicht wahr? – Das hat man dir doch erzählt?!”

“Jjja …”, antwortete Sven zögernd.

“Weißt du auch, ob es wahr ist? Weißt du es ganz wirklich?”

Sven war total verwirrt. Irgendwie hatte die Festung schon recht. Aus Erzählungen und Berichten konnte man nichts allzu Verbindliches schließen. Aber irgendwo war da noch ein Haken an dem, was Zirkonia erklärte. Irgendwo. Und er mußte dieses ‘irgendwo‘ finden.

“Du weißt es nicht”, fuhr die Stimme fort, als Sven schwieg. “Aber ihr glaubt es, weil ihr mich fürchtet. Und ihr fürchtet mich, weil ihr mich nicht versteht. Und was ihr nicht versteht, fürchtet ihr. Und was ihr fürchtet, dem sagt ihr Schlechtes nach.”

“So, du meinst also”, fuhr Sven zornig auf, “du kannst mir weismachen, daß du in Wirklichkeit gut und gerecht bist?”

“Nein Sven, das werde ich sicher nicht können. Was ich wollte, ist dir klarzumachen, daß man die Dinge von beiden Seiten betrachten muß, um ein gerechtes Urteil abzugeben. Ich bin also nicht dein Feind. Ich möchte, daß du es weißt.”

“Ich glaube dir nicht!”

“Was glaubst du mir nicht? – Das ich nicht dein Feind bin? Warum sollte ich die, über die ich herrschen möchte, töten? – Geh zur roten Tür und öffne sie. Ich möchte dir etwas zeigen.”

Ein rotes Licht breitete sich im Raum aus. Es kam von einer dunklen Ecke, die jetzt allmählich die rote Farbe annahm. Sven stand zögernd auf und öffnete die Tür. Ein Stöhnen und Ächzen kam ihm entgegen.

“Steig die Treppe hinunter”, forderte die Festung ihn auf.

Langsam betrat Sven die Stufen, die in die Tiefe führten. Das Stöhnen wurde lauter und immer lauter. Dann war das Ende der Treppe erreicht, und Sven betrat eine Höhle. Was er dort sah, ließ ihn aufschreien.

Ein Skelett saß vor einer weiteren Tür mit einem Speer in der Hand.

“Öffne die Tür!” befahl die Festung.

Sven gehorchte widerwillig und schaute vorsichtig in eine weitere, tiefer gelegene Höhle. Was er sah, erfüllte ihn mit Schrecken: Die Höhle war voll von Menschen. Bettlern und Kranken. Ein abscheulicher Gestank schlug ihm entgegen.

“Was ist das?” Hastig schlug er die Tür wieder zu.

“Das sind Kranke, Todkranke”, erklärte die Festung. “Sie bringen sie zu mir, weil bei den Gesunden kein Platz mehr für sie ist.”

“Und warum liegt das Skelett vor dem Eingang?”

“Ist es nicht barmherziger, die Sterbenden von einem Toten bewachen zu lassen, statt von einem Lebenden?”

“Aber …” wollte Sven einwenden.

“Du siehst also”, unterbrach Zirkonia ihn, “ich will nichts böses von dir. Auch wenn es wahr ist, daß ich mein Reich und meinen Einfluß vergrößern möchte und du mir, wenn du nicht auf meiner Seite bist, gefährlich werden könntest.”

“Aha”, rief Sven, “jetzt hast du dich verraten. Wenn du einen Feind nicht besiegen kannst, dann befreunde dich mit ihm. Ist es das, was du vorhast?”

Die Festung schwieg.

“Ist es das, was du vorhattest, Zirkonia?” wiederholte Sven lauter. “Wolltest du, daß wir Freunde werden?”

“Freunde”, lächelte die Festung verächtlich. “Was ist das: Freundschaft? – Es ist nur ein leeres Wort. Ihr nennt jemand nur einen Freund, wenn ihr etwas von ihm wollt.”

“Wen meinst du mit: Ihr?”

“Du und die Menschen. Ihr seid genauso ein Teil von mir, wie ich ein Teil von euch bin. Keiner kann nur gut sein, genauso wie keiner nur böse sein kann. Ohne dem Bösen gäbe es kein Gutes auf der Welt, oder umgekehrt. Deshalb könnt ihr, oder du, mich nicht besiegen, weil ich ein Teil von euch bin. Du hattest dir vorgenommen, gegen mich zu kämpfen. Aber auch jemand, der so stark ist wie du Sven, kann nicht auf Dauer gegen sich selbst kämpfen.”

“Das ist ja garnicht wahr!” sagte Sven wütend.

“Was ist nicht wahr? – Das du gegen mich kämpfen wolltest?” donnerte die Festung zornig.

“Das … das ist alles ganz anders”, widersprach Sven, aber er merkte, daß er sich mit jedem Wort immer tiefer in das feingesponnene Netz Zirkonia’s verstrickte.

“Alles ganz anders?” wiederholte die Festung. “Wieso ist denn jetzt alles ganz anders? – Weil du zornig warst, als du die große Reise begannst? – Weil du das Abenteuer suchtest? – Weil es dir die Menschen einredeten? – Oder weil dir ganz einfach die Zeit fehlte, nachzudenken und dir zu überlegen, ob dein Handeln mit deiner sogenannten Überzeugung übereinstimmt?”

Sven schwieg.

“Ich will dir sagen, was es war”, fuhr die Festung mit siegessicherer Stimme, die Sven Grauen einflößte, fort. “Es war dein wahres Ich, dein Spiegelbild, welches für kurze Zeit Gewalt über dich hatte. Der Teil von dir, der ich bin. Der Teil, der in jedem Menschen steckt. Und der Teil, der am Ende siegen wird, ganz gleich, wie du dich dagegen wehrst. Das Gute wird immer verlieren.”

“Ich werde trotzdem dem Guten weiterdienen. Ganz gleich, was mit mir geschieht.”

“Große Worte Sven, und dumme dazu. Du sprichst von Gut und Böse, ohne im Grunde zu wissen, wovon du redest. Meinst du tatsächlich, das Leben hätte keinen Sinn mehr, wenn das Böse die Oberhand gewonnen hat? – Was sind Gut und Böse denn? – Es sind keine Dinge, die man anfassen kann. Es sind Grundsätze, Sven, Richtlinien, die dir helfen, dein Leben zu ordnen und Entscheidungen zu treffen, mehr nicht. Ohne Leben verliert auch das Gute seinen Sinn, ebenso wie das Böse.”

Zirkonia machte eine kurze Pause, dann fuhr sie fort. “Du wirst jetzt gleich hinausgehen, und dann hast du die Wahl.”

“Du willst mich gehen lassen?” fragte Sven ungläubig.

“Ja. Und dann liegt es an dir. Die letzte Entscheidung, Sven, triffst du. Sie liegt bei dir ganz allein!”

Sven erstarrte. Da war sie wieder, die Entscheidung. “Welche Entscheidung?” fragte er vorsichtig.

“Du hast ganz einfach die Wahl: Vernichtest du mich, dann gehörst du zu mir und dem Bösen, weil du das Böse selbst angewandt hast. Tust du es nicht, und trittst auch nicht an meine Seite, dann werde ich dich vernichten, und alle deine Freunde dazu. – Was du auch tust, Sven – es ist falsch!”

Sven schwieg. Zirkonia hatte recht, mochte er ihre Worte auch drehen und wenden, wie er wollte. Wie er sich auch entschied, es würde die falsche Entscheidung sein. – Er war in einen Teufelskreis geraten.

“Du lügst!” sagte er schließlich unsicher.

“Ich lüge niemals”, sagte die Festung. “Und jetzt geh!”

Knarrend öffnete sich das Tor. Schweigend stand Sven noch eine Weile, dann drehte er sich um und verließ nachdenklich und staunend die Festung. Wolf und Ratatosk, der sich auf Wolf’s Rücken gesetzt hatte, folgten ihm. Das Tor schloß mit einem lauten Knall.



Sven zuckte zusammen und eine Art Erstarrung fiel von ihm. Sein Herzschlag begann in seinen Ohren zu dröhnen, als ihm schlagartig bewußt wurde, daß er soeben aus einer Falle entlassen worden war. Nicht entkommen, sondern entlassen. Die Festung hatte ihn aus der eigens für ihn angelegten Falle, in der er schon sicher gesessen hatte, wieder entlassen.

Warum? – Sie hätte ihn vernichten können!

Sven brach der kalte Schweiß aus. Ihm wurde übel, er mußte sich setzen. Seine ganze Furcht, die er eigentlich schon vermißt hatte, kam jetzt mit einem Schlag. Er zitterte am ganzen Körper.

“Wolf … bitte … hilf mir. Mir ist … so schlecht.”

Wolf kam an seine Seite und Sven legte den Arm um ihn, dann schloß er die Augen und holte tief Luft. Es kam ihm alles wie ein Traum vor. Einem dieser schrecklichen Alpträume, aus dem man nicht erwachte, sondern der immer weiterging, sosehr man sich auch dagegen wehrte. Sein Kopf kam ihm mit einem Mal so schrecklich leer vor, und alle seine guten Vorsätze schienen fast wie weggeblasen zu sein.

Dieses Abenteuer war kein Abenteuer, wie er es sich immer erträumt hatte, und von denen an kalten Winterabenden immer am Kamin erzählt wurde. Keine Heldengeschichte, von den Großmüttern erzählt, wo jeder Junge mit fieberhaftem Kopf gebannt an den Lippen der Erzählerin hing und sich in Gedanken als großer strahlender Held sah. Kein Mythos aus uralter Zeit, von den Männern in lauen Sommernächten draußen auf den Viehweiden erzählt, die von Fahrten in ferne Länder, anderen Göttern, orientalischen Menschen und gewaltigen Tieren und Fischen handelten.

Dieses war nackte Wirklichkeit. Genauso wirklich wie das Tor der Festung des Bösen hinter ihm und das tiefschwarze Land ohne das geringste Anzeichen von Leben vor ihm. Wo sollte er jetzt hin, und was sollte er jetzt tun?

Hierbleiben konnte er nicht, und weitergehen hatte keinen Zweck. Denn das die Festung ihn nicht gehen lassen hatte aus reiner Großherzigkeit, das war klar. Zirkonia hatte gewußt, daß hier seine letzte Station war. Es war aus! Ganz einfach aus!

Sven raufte sich mit beiden Händen die Haare. Dabei spürte er einen feinen Windhauch um seine Finger ziehen. Erschrocken schaute er auf, als er eine feine und zarte Stimme hörte:

“Sven – bitte mache dir nicht so viele Gedanken.”

“Was willst du?” fragte er ärgerlich, als er die Stimme erkannte. “Ich dachte, du wärst schon wieder zuhause!”

“Komm erst einmal auf die andere Seite des Wassers, dann können wir uns unterhalten.”

Schweigend erhob Sven sich und überquerte vorsichtig den kleinen Steg. Auf der anderen Seite des Grabens blieb er mißmutig stehen, drehte sich dann um und setzte sich nach anfänglichem Zögern am Grabenrand nieder. Am Boden ertastete er einen kleinen Stein und warf ihn wütend in das tiefschwarze Wasser.

“Verdammt nochmal, wenn du immer noch da bist, warum hast du mir in der Festung nicht geholfen? – Ich dachte, du wärst ein Elf!”

“Ja Sven, das bin ich auch noch immer”, antwortete Eelie mit sanfter Stimme. “Aber zum einen ist meine Macht begrenzt, vor allem im Zentrum des Bösen …”

“Macht, Macht!” unterbrach Sven ihn mit zorniger Stimme. “Fängst du auch noch mit dieser Macht an?! Ich habe die Schnauze voll davon. Ich will keine Macht und ich will auch nicht, daß andere Macht haben, und sowieso …”

“… langsam Sven”, unterbrach diesmal Eelie ihn, aber mit einem Unterton, der ihn aufhorchen ließ. “Überlege, was du sagst. Denn Macht und Macht ist ein Unterschied. Es kommt auf den Träger an!”

“Ach komm, Eelie. Du meinst doch wohl nicht, daß du deine Macht nicht mißbrauchen würdest?”

“Oh Sven, wunderbar!” Die Stimme Eelie’s klang wie ein Jubeln. “Du lernst so wunderbar schnell.”

Sven faßte sich mit der flachen Hand an die Stirn. “Sag mal Eelie, geht’s dir gut?”

“Sven, du hast es vorhin selbst gesagt: Macht mißbrauchen. Überlege dir mal diese beiden Wörter!”

“Alles schön und gut. Aber dann erkläre mir bitte folgendes: Wenn das Böse die Macht hat und das Gute auch: Wer mißbraucht dann die Macht?”

Eelie schwieg.

“Da kannst du mir keine Antwort geben, wie? – Das soll sicher wieder ich entscheiden!”

“Richtig!”

Sven erstarrte und versuchte, seinen inzwischen liebgewordenen Kloß im Hals runter zu schlucken. Hatte Eelie gerade eben ‘richtig‘ gesagt? – So langsam platzte ihm der Kragen.

“Wie soll ich denn entscheiden, wer seine Macht mißbraucht, wenn ich garnicht weiß, wer im Recht ist?!”

“Oh Sven, du kommst der Wahrheit immer näher. Weiter so, und du löst das Rätsel noch.”

“Willst du dich über mich lustig machen?”

“Nein, ganz und garnicht. – Aber versuche, es nur mal von deinem Standpunkt aus zu sehen. Es mißbraucht doch nur derjenige seine Macht, der – von dir aus betrachtet – im Unrecht ist. – Oder?”

Sven schüttelte den Kopf. “Das verstehe ich nicht ganz.”

Eelie machte eine kurze Pause, um nachzudenken, wie es Sven schien. “Paß auf, Sven”, meinte er dann, “bist du ein guter Mensch, dann wirst du doch sagen, daß der Mensch, der Unrechtes tut und vielleicht sogar tötet, seine Macht mißbraucht.”

“Jjja”, stimmte Sven zögernd zu.

“Siehste. – Aber wärst du ein Mensch, der dem Bösen zugeneigt ist, dann sähe die Sache anders aus. Nämlich dann würde für dich der Mensch seine Macht mißbrauchen, der Gutes tut. Du würdest dann sagen: Dieser Mensch mißbraucht seine Macht, um anderen zu helfen, nicht dir!”

Sven überlegte, dann nickte er. “Da könntest du sogar sehr recht haben.”

“Dazu kommt dann auch noch eine weitere Tatsache”, fügte Eelie hinzu, “nämlich: daß der, der die Macht mißbraucht, meistens auch noch übertreibt, wodurch es natürlich noch mehr auffällt.”

Sven seufzte und nickte erneut. “Und was ist der zweite Grund, warum du mir nicht geholfen hast?”

“Ganz einfach, mein kleiner Held”, erklang die Stimme Eelie’s, und Sven meinte, ein Schmunzeln oder sogar ein verkniffenes Lachen darin zu hören. “Ein altes Sprichwort sagt: Hilfst du dir selbst, dann helfen dir auch die Götter. Und es gab keinen einzigen Zeitpunkt, wo du hilflos warst. Du brauchtest meine Hilfe nicht.”

“So! Ich brauchte deine Hilfe nicht, meinst du!” Sven wurde wieder wütend. “Ich hoffe, du hast wenigstens bemerkt, daß die Festung mich in eine Zwickmühle gelotst hat!”

“Oja, das habe ich bemerkt. Aber so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Aus jeder brenzligen Situation gibt es einen Ausweg.”

“Oh Eelie, das hast du aber toll gesagt”, stieß Sven zornig hervor. “Und wo ist dieser verflixte Ausgang aus diesem teuflischen Labyrinth?”

Der Lichtalbe schwieg.

“Na los, nun sag schon!” schrie Sven und seine Wut steigerte sich immer mehr. “Du weißt doch immer alles! Es ist ja alles nicht so schlimm, deiner Meinung nach. Wenn ihr alles besser wißt, dann holt doch ihr den Gral alleine! Rettet doch ihr die Menschen und die Welt. Ich für meinen Teil geh jetzt nach Hause!” Rot vor Wut stand er auf.

“Und das Böse wird dich vernichten!”

Dieser Satz, von Wolf ganz ruhig und bedächtig gesprochen, brachte Sven augenblicklich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Er zuckte sichtlich zusammen und ließ sich wieder auf die Uferböschung fallen. Dann stützte er die Ellbogen auf den Knien ab und begrub sein Gesicht mit beiden Händen. Und mit einem Mal konnte er nicht anders, er konnte es einfach nicht mehr zurückhalten: seine Augen füllten sich mit Tränen, als er an zuhause dachte, an seine Eltern, an Keno, und dann brach es aus ihm heraus. Wolf kam zu ihm und stieß ihn mit der Schnauze an, Ratatosk setzte sich zwischen Svens Beine und schmiegte sich an seinen Bauch.

“Sagt mir … bitte”, schluchzte er, “was … was soll … ich tun?”

“Es muß weitergehen, Sven”, sagte Eelie ernst.

“Das meine ich auch”, pflichtete ihm Wolf bei. “Du hast es schon so weit geschafft, dann schaffst du das andere auch noch.”

Sven schluckte die Tränen herunter und schaute auf. Dann nahm er Ratatosk in die Arme und streichelte Wolf über das schneeweiße Fell.

“Ich weiß aber nicht, ob ich es schaffe.”

“Du mußt, Sven”, sagte Eelie energisch. “Denke daran, was die alte Göll gesagt hat: Glaube an dich, Sven, und du wirst das Schicksal und den Weg meistern. Und ich sage dir dazu: Sven, habe einen starken Glauben an dich selbst, und du wirst die böse Macht besiegen!”

Schweigend starrte Sven noch eine Weile das kleine Eichhörnchen an, das treu auf seinen Knien saß und ihn fragend – und bittend, wie es Sven schien – anschaute. Dabei dachte er an den kleinen Graualbenjungen, seinen Freund Birig. Dieser Gedanke wirkte als Funke, und tief in seinem Inneren gab es plötzlich eine gewaltige Explosion: Sein Wille war wieder wie ein unbändiger Löwe erwacht.

“Eelie, was ist unser nächstes Ziel?”

“Was hast du jetzt vor?” fragte Eelie vorsichtig. “Sage es bitte laut und deutlich!”

Sven war zwar etwas erstaunt, sagte dann aber mit lauter und fester Stimme: “Zirkonia’s Macht mag vielleicht größer sein, Eelie. Aber meine ist besser. Und damit werde ich sie vernichten!”

Kaum hatte er den Satz zuende gesprochen, als von der Festung ein dumpfer Laut rüberhallte.

“Was war das?” fragte Sven erschrocken, und hörte dann das weise Lächeln Eelie’s:

“Das, Sven, war dein erster Sieg über die Festung!”

DER GRAL – Kapitel 10

Der weiße Wolf

Der Abschied von den Graualben war herzlich gewesen. Die Frau des Häuptlings hatte ihm noch gebratenes und geräuchertes Fleisch und allerlei andere gute Sachen eingepackt, dann hatte Tehler genau beschrieben, welchen Weg er einschlagen mußte. Kurz danach hatte er das Dorf verlassen und begann, die ersten Hügel zu erklimmen.

Der Weg durch die Berge war mühsam und hart. Dem einzigen, dem es nichts auszumachen schien, war Ratatosk. Das kleine Eichhörnchen hüpfte vor Sven her, dann sprang es auf seine Schulter, turnte auf seinem Kopf herum, machte von da einen gewaltigen Satz auf den nächsten Baum und hatte dann Mühe, mit Sven mitzuhalten, weil der einfach weiterlief. Es war manchmal sogar dermaßen lustig anzusehen, sodaß Sven vor Lachen stehenbleiben mußte und Ratatosk ihn dann mit zur Seite gelegtem Kopf anschaute, als ob er fragen wollte: “Nanu, lachst du über mich?” Dabei vergaß Sven total, daß er in eine Gegend kam, die Leub als das verruchte Land bezeichnet hatte.

Das es so war, erkannte Sven auch schon bald. Denn das Land schien irgendwie dunkler zu werden. Die Bäume wurden kahler, die Sträucher und Büsche verloren jegliche Farbe, und Sven schien es, als ob auch die Sonne grauer und grauer wurde. Je weiter sie sich von dem freundlichen Graualbenheim entfernten, desto unruhiger wurde auch Ratatosk. Manchmal verkroch er sich sogar in Sven’s Schulterbeutel und steckte nur seinen kleinen Kopf heraus.

Zuerst dachte Sven, daß Ratatosk die Trennung von Birig nicht verkraften könnte, dann aber spürte er, wie sich langsam aber sicher auch bei ihm ein ungutes Gefühl breit machte. Die Geräusche der Vögel und der anderen Tiere verstummten nach und nach. Sven fühlte sich beobachtet. Schatten tauchten rings um ihn herum auf. Die Bäume schienen wie abgestorben zu sein, Gras hatte er schon seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen.

Er kletterte über Felsbrocken, schürfte sich dabei mehrfach die Knöchel auf und kämpfte sich verbissen durch totes Gestrüpp. Dann blieb er schnaubend vor einem Abgrund stehen.

Die Felswand vor ihm fiel steil hunderte von Metern in die Tiefe und endete vielleicht irgendwo in einer dunklen Schlucht. Er umfaßte Ratatosk fester. Es war still, totenstill. Kein Geräusch ertönte, selbst der Wind hatte das Wehen aufgegeben. Eine dunkle Wolke schob sich vor die Sonne und tauchte alles um ihn herum in gespenstisches Licht. Trotzdem hatte Sven das Gefühl, von noch dunkleren Schatten umgeben zu sein.

Ihm fröstelte. War es das, was die Alben gemeint hatten? – Oder bildete er sich das ganze nur ein? Ratatosk befreite sich aus seiner Umarmung und kroch auf seine Schulter. Auch er zitterte. Sven wollte ihn zurück holen, doch — Ratatosk war nicht mehr da!

Erschreckt drehte Sven sich um. “Ratatosk! – Wo bist du?!”

Keine Antwort. Eine unheimliche Stille umgab ihn.

“Ratatosk, oh Ratatosk!” Er versuchte, über den Rand des Abgrundes zu blicken. Dunkle Schwärze kam ihm entgegen. Sven war verzweifelt. Wenn Ratatosk da hinunter gefallen wäre, dann durfte er Birig nie mehr gegenüber treten.

“Sven”, hörte er plötzlich eine Stimme und zuckte zusammen. “Keine Angst. Ich bin’s, Eelie.”

Eelie, der Lichtalbe. Plötzlich erinnerte Sven sich wieder an das, was Birig gesagt hatte. Eelie würde auf ihn aufpassen.

“Ich habe Ratatosk gefunden, Sven.”

“Wo ist er?” schrie Sven heraus.

“Er ist weiter hinten in großer Gefahr.”

“Ja, worauf wartest du noch? – Helfen wir ihm!”

“Warte, Sven…” Die weiteren Worte gingen in ein schauriges Heulen unter. Und dann hörte Sven ein schweres, schnelles Hecheln, begleitet von Lauten, mit denen schwere Pfoten über steinigen Untergrund huschten. Jetzt wußte er, was diese Geräusche zu bedeuten hatten, denn es waren Laute, die niemand, der sie jemals gehört hatte, wieder vergaß: Wölfe! Wölfe, die irgendwo in seiner Nähe umherschlichen. Der Schreck lähmte ihn nur für einen Augenblick. Dann dachte er wieder an Ratatosk und rannte weiter. Er stolperte und fiel der Länge nach in eine Mulde. Als er sich aufrichtete, stand er einem Wolf gegenüber.

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DER GRAL – Kapitel 9

Graualbenheim

Zwei Tage und zwei Nächte kämpfte Sven sich jetzt schon durch einen dicht wachsenden Dschungel. Und immer noch konnte er sich keinen Reim daraus machen, daß er zwar nach dem Abschied von Klaus Störtebeker in Richtung Norden gefahren war, sich jetzt aber in einer Gegend befand, wo es warm war, statt kalt. Wo die Bäume so dicht wuchsen, daß man fast nicht durchkommen konnte, statt Eisberge, die man überklettern mußte. Wo Blumen in allen Farben wuchsen, statt Schneefelder, wo man bis zu den Hüften versank. Auch am nächsten Morgen staunte er nicht schlecht, als die riesige weite Ebene vor ihm auftauchte.

Er war mit den Vögeln erwacht, hatte sich an den reichlich wachsenden Beeren satt gegessen und in dem kleinen Bach, der sich gemütlich durch den Dschungel wälzte, gebadet. Dann hatte er sein Päckchen wieder über die Schultern geworfen und war losmarschiert. Nach etwa fünf Minuten hatte der Wald sich plötzlich gelichtet und er war auf diese Ebene getreten. Das Gras hatte eine blaue Farbe, war kurz und sah aus, als würde es viel von der Sonne beschienen. Ab und zu erkannte man kleine Felsen und Erdwälle mit Sträuchern und Büschen. Aber ansonsten sah man fast bis zum Ende der Welt.

Ende der Welt? Sein Auftrag! Er mußte sich beeilen, wenn nicht das Ende der Welt hereinbrechen sollte, denn die schwarze Brut würde nicht untätig sein. Flugs nahm er Hagal, die Rune des Schicksals, in seine Hand und fragte nach der Richtung. Auf schon bekannte Art glühte die Rune bläulich auf und das Leuchten blieb am linken oberen Ende des großen X haften. Also Nordwesten, dachte Sven und schlug die Richtung ein.

Die Sonne kletterte langsam höher und warf ihre heißen Strahlen auf Sven. Schon jetzt wurde es unerträglich heiß, obwohl die Sonne noch nicht am höchsten Punkt ihrer Wanderung stand. Die Luft vor ihm begann zu flimmern. Er blieb stehen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Kleine Eidechsen flitzten vor seinen Füßen davon. Er mußte weiter, stehenbleiben durfte er nicht.

Er seufzte tief und setzte langsam, um keine Energie zu vergeuden, einen Fuß vor den anderen. Die Sonne brannte unbarmherzig auf ihn nieder. Weit vor ihm tauchte eine Luftspiegelung auf. Oder waren es tatsächlich Berge? Er schwitzte aus allen Poren. Wie würde es aussehen, wenn die Sonne direkt über ihn stand? Er zuckte zusammen und wünschte sich, daß dieser Gedanke ihm nie gekommen wäre. Denn wenn er sich in Panik hineindachte, würde es aus mit ihm sein. Er umfaßte das Amulett.

“Bitte Hagal, laß mich nicht im Stich, auch wenn es mein Schicksal sein sollte!”

Dann sah er nicht weit von sich entfernt den kleinen Felsen von vielleicht zwei Mannsgrößen. Langsam machte er sich daran, den schützenden Schatten zu erreichen. Dort angekommen, atmete er tief aus, ließ sich zurücksinken und lehnte den Kopf gegen den rauhen Felsen. Er war müde und seine Augen brannten. Der Wind trug grünlichen Staub heran. In der Luft lag ein durchdringender Geruch wie nach trockener Erde und heißem Fels, und die Sonne brannte wie ein glühender, weißer Ball vom wolkenlosen Himmel.

Die Luft war an diesem Morgen sonderbar klar, viel stiller und irgendwie durchsichtiger als sonst, sodaß der Blick weit nach Norden bis zu den Gipfeln der Berge und in öst- und westlicher Richtung viele Meilen weit ins Herz der blauen Steppe reichte. Es war heiß, selbst hier im Schatten des Felsens. Sven hatte Durst. Seine Lippen waren schon jetzt aufgesprungen und trocken. Der Staub, der mit dem Wind herüberwehte, war unter seine Kleidung und in sein Haar gekrochen und juckte unerträglich, sodaß er ständig gegen das Verlangen ankämpfen mußte, sich überall zu kratzen und zu reiben. Sein Wasservorrat war beinahe erschöpft, aber seine Kehle war noch immer trocken, und er erwischte sich dabei, wie er ganz in Gedanken zur Seite faßte und sich am Verschluß des Wasserschlauches zu schaffen machte. Dabei war es noch nicht einmal Mittag. Und wenn die Sonne höher stieg, würde es noch heißer werden.

Er hörte ein Rauschen, wie von einem Wasserfall. Es kam näher. Jetzt klang es fast wie ein Flügelrauschen. Ein gewaltiges Flügelrauschen. Es kam von hinten. Ein riesiger Schatten tauchte auf und bedeckte ihn. Unvermittelt hob er den Kopf und …… erstarrte. Über ihn schwebte ein Drache — ein richtiger Drache.

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DER GRAL – Kapitel 7

Beginn der großen Suche

Die Fahrt nach Hause kam Sven lang vor. Irgend etwas lag in der Luft, das spürte er. Und je näher sie der Küste kamen, desto mehr verstärkte sich das Gefühl. Baltrum – Norderney – Juist – Memmert – endlich kam die Südspitze der großen Insel Burchana (Anmerkung: heute Borkum) in Sicht. Svens Herz begann unruhig zu schlagen, als die ersten befestigten Ufer der Leybucht auftauchten. Eine schwere Hand legte sich auf seine Schultern. Er schaute auf. Klaus Störtebeker war leise an seine Seite getreten, sein Gesicht machte einen ernsten Eindruck. Sven brauchte ihn nicht zu fragen. Klaus dachte das Gleiche wie er.

“Da, die Burg”, murmelte Störtebeker und zeigte mit dem Kinn in die Richtung.

“Klaus… ich…habe Angst!” Sven schaute seinen großen Freund mit sorgenvollem Gesicht an.

Der Druck der Hand auf Svens Schulter verstärkte sich. “Ich auch, Sven. – Ich auch.”

“Käpt’n, wo sollen wir ankern?” schreckte die Stimme von Lucas Jannssen sie plötzlich aus ihren Gedanken.

Störtebeker zeigte zur Burg. “So nah wie möglich.”

Dann sahen sie, wie die Zugbrücke heruntergelassen wurde. Sven erkannte eine Person unter dem Torbogen: Keno. Das Herz schlug ihm fast bis zum Hals. Gedanken wirbelten durch seinen Kopf wie ein Schneegestöber, daß kein Ende nehmen wollte:

Keno war sein Freund. – Großmutter? – Was hat Großmutter mit Keno zu tun? – Der Gral. – Wo ist der Gral? – Sven, die Entscheidung. – Wieso ich? – Wieso freue ich mich nicht, daß ich Keno sehe? – Göll, die alte Göll. – Die Suche. – Wonach? ENTSCHEIDUNG – ENTSCHEIDUNG – ENTSCHEIDUNG – ENTSCHEIDUNG…

Sven preßte beide Hände an seine Ohren. ENTSCHEIDUNG – ENTSCHEIDUNG – DIE ENTSCHEIDUNG LIEGT BEI DIR!

Die Stimme hinter seiner Stirn hallte, als ob er seinen Kopf unter eine Glocke gesteckt hätte, und jemand hämmerte mit aller Macht der Welt mit einem riesengroßen Klöppel darauf. ENTSCHEIDUNG – ENTSCHEIDUNG – ENTSCHEIDUNG…

“Sven!!! – Was ist los?” Jemand schüttelte ihn. Er schlug die Augen auf. Keno stand vor ihm und blickte ihn angstvoll an. “Träumst du tatsächlich? – Am hellen Tag?”

“Oh Keno. Bin ich froh, daß du da bist!” Freudig umarmten sich die beiden Freunde.

“Ja, warum sollte ich nicht da sein?”

“Ich hatte gerade entsetzliche Gedanken.”

“Immer noch? – Ich dachte, es wäre besser geworden, wo du ein Weilchen auf See warst.”

Sven verzog die Mundwinkel, hielt Keno aber immer noch fest umklammert. “Leider nicht. Eher das Gegenteil.”

“Komm, geh’n wir erst einmal von Bord. Und dann erzählst du mir alles. Es kann gut tun, wenn man sich so einiges von der Seele redet.”

“Hm”, machte Sven und ließ Keno los. Dann lief er zu Klaus Störtebeker, um sich zu bedanken und zu fragen, wo er notfalls zu finden sei, wenn er ihn bräuchte. Dann bestiegen sie das Boot, mit dem Keno gekommen war und ruderten schweigsam zur Burg.

Die Burg schien verlassen. Wo sonst Mägde und Knechte ihre Arbeit verrichteten, fand sich jetzt eine Stille und Leere, die unheimlich schien. Ein Fenster im oberen Stockwerk wurde hastig geschlossen, als Sven in die Richtung blickte. Er blieb stehen.

“Du Keno, ist hier etwas passiert?” fragte er vorsichtig und blickte seinen Freund von der Seite an.

Keno zuckte mit den Schultern, schüttelte den Kopf und zog die Mundwinkel nach unten. “Nicht, das ich wüßte. Wir haben nur wieder Ärger mit Ede Wimmeken. Und da hat mein Vater kurzerhand alle zum Kriegsdienst eingeteilt.”

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Veröffentlicht in:  on 30. November 2009 at 17:09 Hinterlasse einen Kommentar
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