DER GRAL – Kapitel 3

Der Seelenverkauf

03-sunset

Am nächsten Morgen standen alle auf dem Friedhof und blickten über die endlos scheinende Wasserfläche. “Wir müssen Boote holen, vielleicht von der Burg,” sagte einer der Männer. Sie nickten stumm und fragten sich, wie dieses zu machen sei. Schwimmen konnte man nicht, dafür war das Wasser zu kalt. Außerdem waren sie entsetzlich müde. Sie hatten die restliche Nacht im Dom verbracht und dabei endlos lange diskutiert. Herausgekommen war trotzdem nichts. Jetzt hatte es aufgehört zu schneien und der Sturm hatte sich gelegt…..nur das Wasser war geblieben.

“Die Verbindung zum Meer muß sehr groß sein,” bemerkte Sven’s Vater plötzlich.

“Wie kommst du drauf?” fragte der neben ihn stehende.

“Ich habe so das Gefühl, als wenn das Wasser zurückgehen würde. – Ebbe!”

“Oder es geht ganz und gar zurück und das Land wird wieder trocken.”

“Schön wär’s!”

Schweigend standen die Männer herum, jeder hing seinen eigenen Gedanken und Vermutungen nach. Plötzlich kam Sven ein Gedanke. Er zupfte seinem Vater am Ärmel.

“Was ist denn, Sven?” sagte sein Vater ärgerlich, “ich bin am Nachdenken. Siehst du das denn nicht!?”

“Das habe ich auch getan,” wehrte Sven ab, “und darum habe ich an die Bretter gedacht.”

“Welche Bretter?”

“Die wir vorgestern gebracht haben. Du hast sie hinterm Dom abgeladen. Wir könnten daraus ein Floß bauen!”

Sein Vater starrte ihn an, lächelte dann plötzlich und strich seinem Sohn übers Haar. “Toller Gedanke, Sven. Ich glaube, aus meinem Träumer wird noch was. – Kommt Männer!”

Hastig schlossen sie sich Sven’s Vater an. Jetzt gab es wenigstens was zu tun. Besser, als nur die Wasserfläche anzustarren, die der blanke Hans – so wurde die Sturmflut genannt – ihnen beschert hatte.

Sven rannte den Männern hinterher und hörte stolz, wie sein Vater Befehle erteilte: “Rikus, wo sind Taue?” – “Moment, ich habe gestern noch welche gebraucht. Auf der anderen Seite der Mauer. Es ist jetzt aber alles unter Wasser!” – “Hole sie oder such’ woanders welche! – Folkert, auf dem Turm ist eine Säge, ich brauche sie. – Hannes, gib mir mal den Hammer, der da vorne liegt. – Oh ja, das Zweitwichtigste: die Frauen kümmern sich um das Essen. Im Keller des Bischofs müßte genug sein. Und du, Olaf, du kannst mal ein Maßband vom Bischof holen und…” fügte er dann verschmitzt hinzu, “bitte ihn vielleicht mal um ein Faß Rum. Denn der Junge könnte auch mal was springen lassen, wenn er schon nicht mithilft.” Alle lachten und machten sich sogleich an die Arbeit, sodaß sie schon nach kurzer Zeit ein großes, seetüchtiges Floß fertiggestellt hatten.

Sven konnte vor Aufregung kaum mehr ruhig stehen, er hüpfte von einem Fuß auf den anderen.

“Vater, darf ich mit? – Ich möchte zu Keno.”

Keno war der Sohn des Friesenhäuptlings Ocko tom Brok, dessen alte Burg, die Oldeborg, sie jetzt ansteuern wollten, und sein einziger Freund. Er mußte wissen, ob es ihm gut ging.

“Na gut. – Aber nur, wenn du uns hilfst, das Floß ins Wasser zu hieven.”

Gemeinsam hoben sie das schwere Floß über die Friedhofsmauer und ließen es ins Wasser fallen. Dann wurden zehn Männer ausgewählt, die mitfahren sollten. Der Rest blieb bei den Frauen und Kindern. Sven war stolz, daß er der elfte im Bunde war. Dann ging es Richtung Burg.

So wie sie erkennen konnten, hatte sich die Küstenform stark verändert. Die Leybucht, früher nur eine kleine Bucht an der Westseite der ostfriesischen Halbinsel, war größer geworden. Sie hatte bei ihrer Entstehung mehrere Dörfer, Siedlungen und Höfe vernichtet, und reichte jetzt direkt, an der Oldeborg vorbei, fünfzehn Kilometer tief ins Landesinnere bis an den Friedhof des Dorfes Marienhof. Hätte dieses Dorf nicht so hoch auf einer Warf gelegen, wäre auch Marienhof zur Gänze in den Fluten versunken.

Ohne Zwischenfälle erreichten sie die Burg der tom Broks. Schon von weitem sahen sie, daß die Zugbrücke herunter gelassen war und ein Boot mit drei Insassen auf sie zukam. Einer der drei stand plötzlich auf und winkte wie wild mit den Armen. Sven erkannte gleich, wer es war und fing auch an zu winken. Gleich als das Boot heran war, sprang Keno auf das Floß, sodaß dieses gefährlich anfing zu schaukeln, und fiel Sven in die Arme.

“Oh Sven, mein Freund.”

“Mensch Keno, bin ich froh, daß ich dich gesund sehe.”

“Und ich erst. Wo kommt ihr jetzt her?”

“Vom Mariendom.”

“Und der Hof?” Keno’s Augen wurden angstvoll größer.

Sven seufzte. “Alles weg.”

“Nein, das gibt’s doch nicht. – Und jetzt?”

“Jetzt wollen wir erst zu euch und Boote holen.”

“Wieviel sind denn noch im Dom?”

“Na, alle; außer uns natürlich.”

“Hm”, machte Keno, “dann würde ich sagen, ihr bleibt bei uns in der Burg.”

“Wie bitte? – Weißt du, wieviel wir sind?”

“Doch nicht alle”, winkte Keno ab, “Nur du und deine Familie.”

“Und die anderen?”

“Da wird sich auch was finden lassen. Mein Vater weiß sicher auch einen Rat.”

Mit diesen Worten hatten sie den Burggraben, der allerdings jetzt auch unter Wasser stand, erreicht und stießen ans Ufer, kurz unterhalb der Zugbrücke. Ocko, der Friesenhäuptling, stand unter dem Torbogen und blickte die Ankömmlinge mit einem strahlenden Gesicht entgegen.

“Oh Leute, bin ich froh, nach diesem Orkan noch Menschen zu sehen!”

“Aber Ocko”, entrüstete sich Sven’s Vater, “du weißt doch, Friesen sind unsterblich!”

Der Häuptling lachte. “Ja, ich weiß.” Dann wurde er wieder ernst. “Kommt jetzt Männer. Ich habe frischen Tee ansetzen lassen, als ich von dem Kommen eures Floßes hörte. Ich glaube, jetzt gibt es allerhand zu besprechen!”

******************************

Spät in der Nacht fuhren die Männer mit ihrem Floß und fünf Booten von der Burg wieder in Richtung Marienhof. Sven blieb die Nacht bei den tom Brok’s. Es hatte einiges an Überredungskunst gebraucht, um seinen Vater zu überzeugen. Denn er mußte Keno erst einmal sein ganzes Abenteuer erzählen. Vom Auftauchen des schwarzen Schiffes, seinen Kampf gegen den Orkan und dann sein Erwachen im Dom.

Es war fast Mitternacht, als sie endlich ins Bett gingen. Es waren nicht solche Schlafkojen oder Butzen, wie er es von zuhause kannte. Nein, die Häuptlingsfamilie hatte schon richtige Betten. Er kuschelte sich ein, wünschte Keno noch gute Nacht, und war Sekunden später eingeschlafen.

Es wurde aber ein sehr unruhiger Schlaf.

Mitten in der Nacht wachte Sven plötzlich mit einem Schrei auf. Er war schweißüberströmt und schaute unsicher, ja sogar angstvoll im Zimmer herum.

“Was ist?” – Keno war von dem Schrei aufgewacht und saß senkrecht im Bett. “Hast du geträumt?” Ja, er hatte geträumt. Aber worüber? “He, Sven!”

Sven zuckte zusammen. Keno hatte Licht gemacht und kam zu ihm ans Bett. “Was ist los mit dir? – Du mußt ja einen entsetzlichen Traum gehabt haben.” Sven starrte ihn nur an.

“Mensch Sven, sag’ doch was! – Geht’s dir nicht gut?”

“Doch”, Sven seufzte. “Nein,” berichtigte er dann. Er sah wieder Szenen des Traumes vor sich und schüttelte den Kopf. “Oh Keno, es war schrecklich!” Er fing an zu weinen.

Keno faßte ihn bei den Schultern und umarmte ihn. “Jetzt erzähl’ mal ganz langsam, was gewesen ist.”

Sven befreite sich und schluckte ein paarmal, um den Kloß im Hals loszuwerden. Aber der blieb, wie eine quersteckende Gräte von einem Hering. “Ich…ich habe das schwarze Schiff gesehen”, begann Sven leise, wobei er sich schüttelte, wie vom Grauen persönlich gepackt.

“Und?” hakte Keno nach, als Sven schwieg.

Sven holte tief Luft und versuchte einen zweiten Anlauf. “Es kam…”, er überlegte, “… ich weiß nicht. Aus dem Nichts? Ich weiß, es klingt blöd, aber es war auf einmal da.”

“Es klingt nicht blöd. Erzähl’ weiter. Was geschah dann?”

“Es legte im Dorf an…oh Keno, diese Augen!” Sven hielt sich angstvoll an Keno fest und weinte wieder. “Diese Augen… so … böse!!!”

Sie schwiegen beide. Keno dachte nach: Entweder war Sven überanstrengt nach allem, was er erlebt hatte, oder…? Ja, was oder!? Sven wurde zwar von allen anderen als Träumer hingestellt, aber er als sein Freund wußte es besser. Wenn Sven etwas sagte, dann hatte es irgendwie Hand und Fuß. Wenn er gerne am Strand lag und die Weite des Meeres betrachtete, dann war das kein Träumen. Nein, dann war es eher ein Bewundern der Natur. Aber dieses hier…

“Was hältst du jetzt von mir?” unterbrach Sven Keno’s Gedankengang.

“Was soll ich davon halten! – Es war ein Traum. Ein sehr böser Traum zwar, aber eben nur ein Traum. Aber bitte erzähle mir noch, was waren das für Augen? – Menschenaugen?”

“Nein!” entschied Sven ganz kräftig. “So können Menschenaugen nicht sein. – Sie schwebten über dem Schiff… in der Takelage…glühende Augen…böse Augen.” Er machte eine Pause und schaute betroffen zu Boden. Dann hob er ganz plötzlich wieder den Kopf und starrte Keno mit großen Augen an. “Du Keno…das war der Teufel!” stieß er hervor. “Ja, der Teufel. Nur der kann solche Augen haben.”

“Sven, überlege dir, was du sagst.”

“Das habe ich mir überlegt. – Der Teufel ist da und will uns holen!”

“Sven, hör’ auf! – Du darfst sowas nicht sagen!”

“Na schön. Aber etwas gutes bedeutet das nicht.”

“Soll ich bei dir bleiben heute Nacht?”

“Ja bitte.” Sven rückte zur Seite, sodaß Keno unter die Decke kriechen konnte. Dann löschte er die Kerze.

“Jetzt schlaf’ aber, Sven. Morgen reden wir noch mal drüber. Einverstanden?”

“Ja. Gute Nacht, Keno.”

“Gute Nacht, Sven. Schlaf’ gut.”

******************************

Als Sven am nächsten Morgen erwachte, war er allein. Auf dem Tisch lag ein Zettel, wo schön säuberlich aufgeschrieben stand:

“Lieber Sven. Tut mir leid, daß ich nicht da bin, wenn du aufwachst. Aber Vater meinte, ich sollte dich schlafen lassen nach alldem, was du durchgemacht hast. Ich mußte schnell zum Marienhof, um deinem Vater was zu bringen. Bin gegen Abend zurück.

Dein Freund Keno.”

Na gut, dachte Sven. Dann kann er mir später erzählen, wie es im Dorf aussieht. Und ich kümmere mich um die Pferde.

Kurzerhand zog er sich an, frühstückte, und ging in den Stall, um den Pferden frisches Heu vorzuwerfen. Dann holte er die Bürste und begann, Keno’s schwarzen Rappen zu striegeln. Während er die Bürste langsam über den prachtvollen Rücken des Hengstes gleiten ließ und das schwarze, seidenglatte Fell des Friesenpferdes bewunderte, kam ihm plötzlich ohne sein Zutun der Gedanke an eine alte Geschichte, die seine Großmutter ihm vor Jahren mal erzählt hatte. Es war eine Geschichte aus dem hohen Norden gewesen. Aus einer Welt mit Namen Midgard. Dort war plötzlich….. ein schwarzes Schiff erschienen, welches Fimbul, den ewigen Winter, ankündigte.

Sven schrie auf, der Hengst schaute ihn verblüfft an und fing an zu wiehern. “Nagelfar”, murmelte Sven und fing am ganzen Körper an zu zittern. ‘Kommt es zurück? – Und kommt dann der Fimbulwinter, die ewige Kälte? – Oder…ist er schon da?’

Mit einem neuerlichen Aufschrei warf Sven die Bürste in die Ecke und rannte ins Haus. Dort ließ er sich schluchzend in die Arme von Keno’s Mutter fallen und begann stammelnd die Geschichte zu erzählen.

“Ach was”, bestimmte Keno’s Mutter. “Was einmal passiert ist, wiederholt sich nicht. – Außerdem ist es nur eine alte Legende.”

“Und wenn es doch sein sollte?”

“Sven, du setzt dir selber Flausen in den Kopf. Nun hör’ auf damit!”

“Entschuldige bitte. Ich weiß selber nicht, was mit mir los ist. Meine Gedanken kreisen nur um das Schiff.”

“Ist auch schon klar”, mischte sich der Häuptling ein, der inzwischen die Stube betreten hatte. “Nach allem, was ihr durchgemacht und verloren habt! – Aber sei unbesorgt, so schnell ist das Brokmerland nicht kleinzukriegen. Wir werden es schaffen, wieder neu aufzubauen – mit vereinten Kräften. Das heißt, wenn du nicht vorher deine Kräfte an einem schwarzen Schiff aufreibst!” Er blickte Sven mit hochgezogenen Augenbrauen an.

Sven senkte beschämt den Kopf. “Ja, du hast recht. Ich werde mich zusammenreißen.”

“So ist es gut, mein Junge. Und jetzt geh’ wieder in den Stall zu den Pferden. Wenn du damit fertig bist, kannst du Butter karnen. – Und dann wird Keno auch sicher bald zurück sein.”

Sven lächelte ihn an. “Danke. – Danke für alles.” Dann drehte er sich um und verließ den Raum. Aber der Gedanke an Nagelfar ließ ihn nicht los.


******************************


Schon ziemlich früh am Nachmittag war Keno zurück. Sven hörte ihn schon in der Ferne schreien. Wie von Furien gehetzt sprang Keno vom Boot, stürzte auf Sven zu und fiel ihm weinend und ringend nach Luft um den Hals. Dann starrte er Sven mit großen Augen an.

“Du Sven”, stieß er keuchend hervor. “Sven, du hast recht gehabt… das mit dem Traum…das…das schwarze Schiff … es liegt … in Marienhof vor Anker!!!”

“Im Dorf vor Anker?” entfuhr es Sven.

“Ja – und die Leute benehmen sich plötzlich so ganz anders!”

“Wie – anders?!”

“Ich weiß nicht, so … abwesend. Wie Schlafwandler. – Und das Wichtigste: Sie … haben plötzlich Geld … Taschen voll!”

Sven schwieg betroffen und schaute zu Boden. Dann wendete er sich ab und trottete langsam zum Stall zurück. Keno lief ihm hinterher, faßte ihn bei der Schulter und drehte ihn um. Dabei sah er, daß Sven Tränen in den Augen hatte.

“Sven, was denkst du?”

“Was ich denke?” fragte Sven aufgebracht. “Kannst du dir das nicht vorstellen? – Sie haben ihre Seelen an den Teufel verkauft! – Das ist das, was ich denke!”

“Bitte Sven, zieh’ keine voreiligen Schlüsse.”

“Nein?” schrie Sven seinen Freund an. “Und warum warst du so aufgedreht, als du gerade eben hier ankamst?”

Keno schwieg und senkte den Blick. Sven hatte schon recht, denn er hatte ja das Gleiche gespürt. Dann sah er wieder auf.

“Du Sven. – Da ist noch was. – Deine Eltern …”

“… was ist mit meinen Eltern?” unterbrach Sven ihn.

“Deine Eltern …. haben auch Geld!”

Veröffentlicht in:  on 10. November 2009 at 13:22 Kommentare (1)

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Ein Kommentar Leave a comment.

  1. Gott wird die strafen, die heidnische Götter anbeten. Ihrer wird die Hölle sein, die ihre Seelen verkaufen.

    Und Gott sprach: “Denn ich bin dein Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!”

    Und ihr werdet leiden müssen und verdarben, wenn ihr nicht ablaßt von eurem tun.

    Gott läßt sich seiner nicht verspotten. Ihr werdet ernten, was ihr gesät habt.

    Trüget euch nicht in Sicherheit, denn das Ende ist nahe.


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