DER GRAL – Kapitel 2

Der Sturm bricht los

der_sturm_bricht_losMitten in der Nacht wurde er wach. Es war ein Brausen und Tosen, wie er es noch nie gehört hatte. Er klappte die Türen seiner Butze auf und schaute ins Zimmer. So, wie es aussah, war er der Einzige, der noch nicht am Fenster stand. Seine Mutter drehte sich ganz kurz nach ihm um, um aber gleich wieder das Geschehen draußen zu verfolgen. Aber dieser kurze Augenblick hatte schon genügt, um etwas in ihren Augen zu erkennen, was nach Angst aussah. Dann hörte er auch das leise, verhaltene Schluchzen seiner Schwester.

Das Brausen wurde heftiger. Regentropfen, so groß wie Hände, klatschten ans Fenster, es blitzte und donnerte unaufhörlich.

“Packt eure Sachen!” sagte sein Vater plötzlich.

“Wieso denn?” fragte Sven, wobei ihm im gleichen Moment bewußt wurde, daß seine Frage unnötig gewesen war. Der Ton in Vaters Aufforderung war eindeutig gewesen. Sven’s Herz begann plötzlich heftiger zu schlagen.

“Wir müssen ins Dorf”, sagte sein Vater beherrscht ruhig. “Der Marienhof liegt höher.”

Das war’s. – Sven schluckte, sein Brustkorb schien sich plötzlich schmerzhaft zusammen zu ziehen. Wenn sein Vater schon sowas vorhatte, dann würde es schlimm werden. Die Flut würde kommen und alles vernichten.

“Los, macht schon”, herrschte sein Vater sie an. In aller Eile wurden die wichtigsten Sachen zusammen gesucht. Minuten später standen alle vollbeladen vor der Tür. “Wir suchen uns Schutz im Mariendom. – Und jetzt raus und lauft, was ihr könnt!” – Er riß die Tür auf und sie rannten los, gepackt von einer heftigen Sturmboe.

Gerade, als sie das Hofgelände verlassen hatten, wurde es ganz plötzlich windstill. Es fing an zu schneien. Sven drehte sich um. Was er dort sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren: Eine riesige Flutwelle, mindestens fünf Häuser hoch, rollte auf die Küste zu. Eine entsetzlich hohe Wand aus Wasser. Sven schrie auf. Das Schneetreiben wurde dichter, das Rauschen lauter und lauter und lauter.


Dann kam der Sturm, es knallte ihn zu Boden. Sven keuchte und versuchte, aufzustehen. Der Schnee war jetzt so dicht geworden, daß er keinen Meter weit sehen konnte. Er schrie: “Vater, Mutter!” aber sein Schrei ging im Getöse unter. Die Welt schien plötzlich nur noch aus kochenden, weißen Schwaden und dem immer lauter und drohender werdenden Brüllen des Orkans und Rauschen des Wassers zu bestehen.

Plötzlich fühlte er ein schwaches, dann kraftvoller werdendes Beben unter seinen Füßen. Er drehte sich um, obwohl er wußte, daß er nichts erkennen würde. Doch er ahnte es auch so: es war diese riesige Welle gewesen, die gegen den Deich gerollt war, und sich wahrscheinlich mit Urgewalt über ihn hinweg gestürzt hatte. Wenn der Deich brechen würde, dann war er verloren.

Der Wald, schoß es ihm in den Sinn. Zwischen ihrem Hof und dem Dorf erstreckte sich ein kleiner Wald. Wenn er ihn erreichte, würde er dem Sturm nicht ganz so schutzlos ausgeliefert sein. Dann hörte er wieder ein Rauschen, die nächste Welle schien zu kommen. Im gleichen Moment raste auch der Sturm heran, und obwohl es nur wenige Schritte bis zum Wald waren, wurde es ein Wettrennen mit dem Orkan, der entschlossen schien, ihn zu verschlingen.

Der Sturm war heran, als er den Waldrand beinahe erreicht hatte. Die Welt schien sich plötzlich zu drehen und umzukippen. Sven wankte und fiel der Länge nach in den Schnee. Er versuchte, wieder aufzustehen, aber der Sturm packte ihn erneut und schleuderte ihn mit noch größerer Gewalt zu Boden. Er stieß mit dem Gesicht gegen einen harten Gegenstand, schrie auf vor Schmerz, fühlte warmes Blut über die Stirn laufen, und kroch weiter, den rechten Arm schützend vors Gesicht haltend.

Dann ließ das Schneetreiben etwas nach, sodaß Sven erkennen konnte, daß der Waldrand mit seinem Unterholz und Gestrüpp nur wenige Schritte entfernt war. Er kroch weiter. Als wenn er ihm eine Chance geben wollte, ließ auch der Sturm etwas nach. Sven stand auf und rannte los, da schlug der Orkan ein zweites Mal zu.

Er hatte gedacht, daß es nicht schlimmer werden könnte, aber er hatte sich getäuscht. Als wenn das Ende der Welt gekommen wäre, fiel der Orkan mit einem Brüllen über ihn her und drückte ihn dermaßen in den Schnee, daß er meinte, ersticken zu müssen.

Um ihn herum war alles nur noch weiss. Die eisige Kälte lähmte seine Finger. Er sah den Wald vor sich auf- und abhüpfen, als würde die Erde beben. Vielleicht tat sie das auch, vielleicht hatte die zweite Welle das Ufer erreicht. Die dritte würde ihn erreichen und verschlingen. Mit verzweifelter Kraft stemmte Sven sich hoch, fiel abermals auf die Knie, schlug sich dabei die Hände auf, versuchte es nochmals und kam schwankend auf die Füße.

Das Heulen des Orkans steigerte sich zu einem irrsinnigen Kreischen. Sven fühlte sich gepackt und in die Höhe gehoben. Er drehte sich in der Luft, und plötzlich sah er den Wald auf sich zurasen, versuchte noch, die Arme schützend vor das Gesicht zu reissen…..

Der Aufprall auf den Baum ließ ihn zu Boden stürzen. Sterne führten einen irren Tanz vor seinen Augen auf. Er fühlte, wie die warme Hand der Bewußtlosigkeit sich nach ihm ausstreckte. Der Sturm heulte mit ungeminderter Kraft weiter. Der Schnee, die eisige Kälte und die Eiskristalle stachen wie spitze Messer in seine Haut. Er fror jämmerlich und war entsetzlich müde. Am liebsten würde er den Sturm jetzt Sturm sein lassen und schlafen.

Plötzlich wußte er aber, wenn er diesem Gedanken nachgab, würde es ihn in wenigen Augenblicken umbringen. Er würde erfrieren, bevor der Sturm zu Ende war.

Dieser neue Gedanke gab ihm noch einmal Auftrieb. Zitternd erhob er sich auf Hände und Füße, unterdrückte ein Stöhnen, als die Dornen sein Gesicht zerkratzten und kroch tiefer in den kleinen Wald hinein. Das Unterholz war kahl und der Sturm erreichte ihn auch hier, aber er wußte, daß es nicht mehr weit war bis zum ersten Haus des Dorfes.

Blind vor Angst und Schmerz kroch er weiter. Seine Hände waren schon nach wenigen Augenblicken aufgeschürft, und auch seine Stirn blutete wieder. Aber gerade dieser Schmerz gab ihm die nötige Kraft, durchzuhalten und dem Sturm zu trotzen.

Bäume schienen wie Riesen vor ihm aufzutauchen, und ihre tiefhängenden und vom Sturm rumpeitschenden Äste schlugen auf seinen Körper ein, griffen wie tausend Finger in sein Haar und versuchten, ihn vollends von den Füßen zu reißen. Aber Sven kroch weiter, dachte an nichts anderes als daran, das nächste Haus zu erreichen, egal wie. Der Sturm würde ihn nicht besiegen. Er, Sven, war der Stärkere. Er würde so lange weiterkriechen, so lange eine Hand vor die andere, und ein Knie vor das andere setzen, bis er das Ziel erreicht hatte.

“Ich bin nicht der Träumer. Und du bist nicht der Sturm, der mich besiegt!!!” schrie Sven heraus, um sich neuen Mut zu geben. Aber als wenn es eine Antwort darauf sein sollte, brüllte der Sturm erneut auf, ein Kreischen ertönte, wie das Fallen eines Baumes. Sven sah hoch…..und rollte sich blitzschnell zur Seite, als ein Baum auf ihn herabstürzte. Der Orkan faßte in die entstandene Lücke und drückte Sven wieder zu Boden. Er raffte sich wieder auf. Er mußte fort hier, fort von diesem fürchterlichen Sturm, er einzig und allein zu dem Zweck heraufgezogen zu sein schien, um ihn zu töten.

Plötzlich erblickte er etwas rotes vor sich, das brodelnde weiße Inferno riß für einen Augenblick vor ihm auf. Er sah drei Gestalten – schwankend – kämpfend – er schrie “Vater, Vater”…..dann griff seine Hand ins Leere.

Er versuchte noch, mit den Händen Halt zu finden, aber seine Finger waren steif vor Kälte. Er fiel, fühlte noch einen dumpfen Schmerz beim Aufprall und verlor endgültig die Besinnung.


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Er war nicht lange bewußtlos gewesen; denn als er erwachte, tobte der Orkan immer noch, allerdings gedämpfter. Er schlug die Augen vorsichtig auf, und erblickte im ersten Moment….. nichts!

Ein dünner Schmerz, hervorgerufen durch die plötzliche Helligkeit, durchzuckte seinen Kopf. Er versuchte, die Arme zu bewegen, aber es gelang ihm nicht. ‘Was ist los mit mir’, dachte er. Unangenehmes Angstgefühl stieg wieder in ihm hoch. Dann versuchte er nochmals, jetzt vorsichtiger, die Augen zu öffnen.

Was er sah, ließ ihn innerlich jubeln: er war in Sicherheit. Über ihn wölbten sich die marmorfarbenen Stützpfeiler des Doms vom Marienhof. Dann hörte er auch die Stimmen. Er wollte rufen, aber nur ein Krächzen kam über seine Lippen.

“Dein Sohn ist munter”, hörte er zu seiner Erleichterung eine Stimme rufen. Seine Eltern waren also hier. Dann hörte er auch schon sehr bekannte Schritte näher kommen. “Sven, mein Sohn.” Seine Mutter beugte sich über ihn.

“Wieso kann ich mich nicht bewegen?”

“Weil du noch festgezurrt bist, Sven. Als wir dich aus dem Dorfgraben fischten, hast du um dich geschlagen. Darum haben wir dich festgebunden.”

So war das also gewesen. Seine Eltern hatten ihn also doch gesehen, bevor er in den Graben gefallen war. “Ich habe den Graben nicht gesehen”, beteuerte Sven.

“Konntest du auch nicht. Er war zugeschneit. Und jetzt komm, steh’ auf.” Seine Mutter löste die Fesseln und Sven setzte sich mit einem Schwung auf. Aber das hätte er lieber nicht tun sollen. Vor seinen Augen verschmolzen die Konturen des Dominneren plötzlich zu einer grauen Masse und Sterne funkelten in allen nur erdenklichen Farben. Schnell schloß er die Augen wieder und ließ sich mit einem riesengroßen Seufzer zurückfallen. Dabei griff er sich mit der Hand an die Stirn und fühlte hartes, verschorftes Blut. Hastig zog er die Hand wieder zurück, unterdrückte ein neuerliches Stöhnen und öffnete nochmals die Augen. Seine Mutter stand immer noch neben ihm und sah ihn sorgenvoll an.

“Bleib’ lieber noch einen Augenblick liegen, Sven. Gleich geht’s dir besser. Ich hole dir was zu trinken.”

Sie verschwand aus seinem Blickfeld, sodaß er sich jetzt etwas genauer umsehen konnte. So wie es schien, waren alle Bewohner des Dorfes und Umgebung im Dom versammelt. Jetzt merkte er auch, wie groß der Dom eigentlich war. Oft war er noch nicht hier drin gewesen, obwohl er es schon mehrfach vorgehabt hatte. Aber die Arbeit auf dem Hof hatte ihn immer zu sehr in Anspruch genommen, und in der wenigen Freizeit, die übrig blieb, war er dann lieber am Strand gewesen, bei seinen Netzen und Reusen. Ehrfurchtsvoll bestaunte er den riesigen Altar mit seinen wundervollen Bildern und verfolgte mit den Augen die himmelsstürmenden Pfeiler, die das mächtige Gewölbe bildeten. Lange verweilte sein Blick in der unerreichbaren Höhe, die für ihn fast die Unendlichkeit bedeutete.

Es war schon komisch mit seinen Leuten. Auf der einen Seite stand hier ein riesiger Dom, der größte im ganzen normannischen Reich, hier wurde nur ein Gott verehrt und angebetet. Auf der anderen Seite aber waren da die alten Heiligtümer, die Thingstätten und die heiligen Schreine, wo verschiedene Götter wie Fosite, Ing, Odin, Baldur, Thor und wie sie alle hießen, das Sagen hatten. Was jetzt richtig war, und wer und wo die richtigen Götter waren, das konnte ihm keiner erzählen. Und er hatte so das Gefühl, daß er dieses wohl selber rausfinden mußte.

Sein Vater hatte mal auf seine Frage geantwortet: “Glaube an den, Sven, wo du meinst, das er dir hilft!”. – Auch ein Hüter des Upstalsboom in Aurich hatte vor längerer Zeit mal gesagt: “Glaube an das Gute, Sven. Dann ist es egal, welchen Namen es hat!” Das alles hatte nur noch seine Meinung bestätigt, daß er selber die letzte Entscheidung haben würde.

Letzte Entscheidung? Was war eigentlich die letzte Entscheidung?!

Seine Großmutter hatte, kurz bevor sie gestorben war, immer nur von der letzten Entscheidung gesprochen: “Sven, die letzte Entscheidung liegt bei dir!” hatte sie gesagt. Und dann hatte sein Vater immer unwirsch mit dem Kopf geschüttelt und ihn von seiner Großmutter fortgezogen, bevor er weitere Fragen stellen konnte. Irgendwo lag da doch ein Geheimnis, welches er nicht erfahren durfte!

Auch die Geschichte mit dem schwarzen Schiff barg bestimmt ein großes Geheimnis, sonst hätten seine Eltern nicht so heimlich getan. Irgendwie kam es ihm auch so vor, als wenn alle Welt ihn vor irgendwas abschirmen wollte. Er mußte rausfinden, was hier vorging.

“Geht’s dir jetzt besser?” Seine Mutter stand wieder neben ihm und hielt ihm einen Becher Wasser hin. Hastig griff er danach, setzte sich ganz langsam und vorsichtig auf, und trank den Becher gierig in großen Schlucken leer. Dann sah er sich um. Tatsächlich, der Dom war voller Menschen und Tiere. Die Stimmen waren jetzt auch deutlicher zu hören, denn der Sturm hatte nachgelassen.

Plötzlich hörte er einen lauten Schrei, als die schwere Eichentür des Doms geöffnet wurde. Die Stimmen wurden lauter, um dann zu einem Brüllen anzuschwellen, dazwischen hörte er vereinzelt Leute laut weinen. Seine Mutter sah entsetzt zum Eingang und versuchte dann, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Irgendwas war los da vorne, irgendwas hatte die Leute in Angst und Schrecken versetzt. Dann sah er, wie seine Mutter die Arme hoch riß, laut “Nein” schrie – und zusammenbrach. Hastig stand er auf, wischte sich mit der Hand über die Augen, als ein erneuter Schwächeanfall drohte, und rannte zum Eingang. Die Tür stand einen Spalt offen und er lugte vorsichtig hinaus. Sein Herz tat einen schmerzhaften Sprung, als er erkannte, was sich hier abgespielt hatte:

Vom Domeingang bis zur unteren Friedhofsmauer war der Weg tief verschneit. Und hinter der Mauer war…..Wasser. Wo vorher noch Land gewesen war, war jetzt nur noch Wasser. Wasser, soweit er sehen konnte.

Seine Gedanken wirbelten durcheinander. Der Deich war gebrochen. – Aber…so weit? Wo war ihr Hof? Alles unter Wasser? Nein, das durfte nicht sein, das war unmöglich!

Er drehte sich um, wischte sich mit der Hand die Tränen fort, und rannte zu seiner Mutter, die schon wieder aufgestanden war. “Mutter, was bedeutet das? – Was ist los?”

Er fühlte eine schwere Hand auf seinen Schultern. Er drehte sich um und blickte in das ernste Gesicht seines Vaters.

“Sven, hör’ mir mal zu! – Du hast gesehen, was draußen passiert ist!” – Seine Stimme kam stockend und leise. Sven nickte.

“Ich glaube,” fuhr sein Vater fort, wobei sich seine Augen mit Tränen füllten, “wir müssen jetzt sehr tapfer sein. Wir haben heute nacht unser gesamtes Hab und Gut verloren!”

Veröffentlicht in:  on 8. November 2009 at 08:56 Hinterlasse einen Kommentar

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