Schiff der schwarzen Brut
Mit wehenden Haaren stand er am Strand und starrte auf das offene Meer hinaus, wo einzelne Wellen schon eine enorme Höhe erreicht hatten. Sorgenvoll blickte er nach oben. Heute nacht würde es Sturm geben. Seine Mutter hatte schon vor zwei Tagen darauf aufmerksam gemacht; denn ihr Hühnerauge war ein zuverlässiger Wetterprophet. “Sven”, hatte sie gesagt, “Sven, sieh zu, daß du an dem Tag alle deine Netze drinnen hast, sonst findest du nur noch ein paar Fäden und Taue wieder”. Und heute war der Tag!
Seufzend bückte er sich und zog die Netze hoch. Ein einzelner Hering hatte sich darin verfangen. Er schüttelte ihn zurück ins Wasser. Er brauchte ihn nicht, denn sein Vater war Fischer auf hoher See, und von daher gab es immer genug Fisch. Er sammelte die Muscheln und das eingefangene Treibgut auf und steckte alles in seinen Beutel. Heute war nicht viel dabei, auch an den letzten Tagen war die Ausbeute an Treibgut gering gewesen. Es gab schon mal bessere Zeiten. Einmal hatte sich ein morscher Beutel mit glanzlosen Münzen gefunden; die Barschaft eines Ertrunkenen oder das Opfer einer Schiffsbesatzung an die Dämonen der See. Einen solchen Reichtum boten die Netze heute nicht.
Das Haar des Jungen war von einem solch hellen Blond, das man meinte, die Sonnenstrahlen hätten sich darin verfangen und leuchteten jetzt von seinem Kopf. Er war ein hübscher Junge; sagten die Leute jedenfalls immer, wenn sie ihn mit seiner Mutter begegneten, obwohl sie ihm sonst aus dem Weg gingen. Sein Gesicht war trotz seiner dreizehn Jahre schon vom Wind und Wetter des Nordens gekennzeichnet. Ein stolzes Gesicht, mit einer Narbe auf der linken Wange, die er sich voriges Jahr bei einem Kampf mit einem Seeaal zugezogen hatte. Natürlich hatte er den Aal besiegt, aber er war beim Untertauchen an einen spitzen Felsen gestoßen, der ihm diesen schönen Riß, fast wie eine Trophäe, beschert hatte. Seitdem hatten sich die Leute noch weniger mit ihm beschäftigt, und waren ihm noch mehr aus dem Weg gegangen. Auch Freunde hatte er fast nicht, und er wurde »Sven, der Träumer« genannt.
“Sven”, hörte er die Stimme seiner Schwester rufen. “Sven, wo bist du?”
“Hier”, rief er zurück, “ich komme gleich.”
Er raffte die Netze zusammen und wollte sich gerade umdrehen, als er am Horizont, genau zwischen den Inseln, die der Küste vorlagerten, etwas gewahr wurde, was ihm höchst sonderbar erschien und ihm fast den Atem raubte: Der Wind blies noch von Westen; bald würde er auf Nord drehen und dann die Küste voll treffen. Und weit draußen sah er ein Schiff. Daran war aber absolut nichts merkwürdiges, Schiffe gab’s ja genug. Merkwürdig war nur, wie das Schiff fuhr, denn es fuhr…
nicht mit dem Wind.
Die Segel wurden, entgegen der Natur, in westlicher Richtung aufgebläht, und das Schiff fuhr nach Westen – in den Wind hinein. Und das mit solch großer Geschwindigkeit, daß Sven ein paarmal die Augen zusammenkniff, um sicher zu sein, daß er nicht wirklich träumte. Innerhalb von höchstens fünf Sekunden, so mutmaßte er, hatte das Schiff, welches schwarz war wie die Pest, den ganzen Horizont von Osten nach Westen befahren, und der Wind blies von Westen. Dann war es so plötzlich verschwunden, wie es aufgetaucht war.
“Was ist jetzt, kommst du mit, oder willst du weiterträumen?” Er schrak zusammen, als plötzlich seine Schwester neben ihm stand.
“Hast du das gesehen?” fragte er sie.
“Was gesehen?”
“Na, das schwarze Schiff dort hinten.”
“Da ist kein Schiff. – Du träumst wieder am hellen Tag!” Die Stimme seiner Schwester, sie war fünf Jahre älter als er, klang spöttisch. Ja, so war sie immer. Schon, als er noch klein gewesen war, hatte sie ihn immer gehänselt. Dabei war es eigentlich kein richtiges Träumen. Träumen tut man nur nachts, wenn man tief schläft. Aber er – er war hellwach, wenn seine Tagträume, so nannte er sie, kamen. Und außerdem: was wußte sie schon von dem Meer, einem Meer, welches er liebte. Hier saß er am liebsten und schaute hinaus, sah Schiffe vorbeifahren, Scharen von Möwen hinter sich herziehend, sah die Wellen ans Ufer rauschen und immer neue Formen in den weißen Sand malend, sah die Wolken vorbei ziehen in immer neuen Figuren, die mal wie ein Schiff, dann wie ein Gebirge, aber auch mal wie ein Gesicht oder ein Tier aussahen. Nein, das kannte sie nicht, und würde es wohl auch nie kennenlernen. Seufzend nahm er seinen Beutel hoch, warf ihn über die Schulter und folgte seiner Schwester, die schon weit vorausgelaufen war.
“Na, da seid ihr ja endlich!” hörten sie eine tiefe Stimme von rechts, als sie in das Innere des kleinen Hofes traten. Er bestand eigentlich nur aus drei Gebäuden: einer Scheune, in der Heu, Kartoffeln, Rüben und auch die Ackergeräte lagerten, dem Tierhaus und natürlich dem Haupt- und Wohnhaus. Das Wohnhaus war das einzige, welches aus richtigem gebrannten Ton bestand, während die Scheune aus Holz und das Tierhaus aus Lehm gebaut waren. Und an eben diesem Tierhaus stand sein Vater und blickte die Ankömmlinge stirnrunzelnd an.
Sven zuckte merklich zusammen, als er sah, wie sein Vater die Fäuste in die Hüften gestemmt hatte. Jeder Zoll ein Friese, genau wie er mit blonden, wilden Haaren und tiefblauen Augen, aus denen die Kühle und Strenge des Nordens jetzt allerdings ganz besonders hervortraten. Dazu einen muskulösen Oberkörper, dem man die schwere Arbeit als Bauer und Fischer ansah und erahnen ließ, daß er bereit war, die friesische Freiheit mit allen Mitteln zu verteidigen und zu bewahren.
“Wo wart ihr solange?!” erklang die tiefe Stimme wieder, die durch den Vollbart in keiner Weise geschmälert wurde. Sven kam sie so vor wie das Grollen eines Sturmwindes, der in orkangepeinigter Nacht über dem Meer zu hören war.
“Er war wieder am Strand und hat geträumt!” meinte seine Schwester wie selbstverständlich und zuckte mit den Schultern.
Ja, das war wieder typisch für sie. Keine Gelegenheit wurde von ihr ausgelassen, um sich wichtig zu tun, sich aufzuspielen als die Einzige, die mit der Wahrheit vertraut war. Dabei war es nochmal garnicht die Wahrheit. Er hatte nicht geträumt. Aber für sie war es natürlich wieder ein Träumen gewesen. Genauso wie neulich, als er die Schafe hütete. Irgend etwas war einem Schaf ins Fell geflogen und es blökte fürchterlich. Gerade als er dabei gewesen war, das Fell zu untersuchen, war seine Schwester gekommen. Prompt hatte sie natürlich behauptet, Sven würde träumen und dabei die einzelnen Haare der Schafe zählen. – So ein Blödsinn!
Manchmal fragte er sich, wer hier eigentlich der Träumer war. Das Schlimmste bei ihr aber war dieses ewige Aufspielen müssen; zu Mutter oder Vater rennen mit den Worten “Du, ich weiß’ was!” Im Normalfall hatte er nichts dagegen. Wenn es sie zufrieden stellte und es nicht um seine Person ging. Aber wehe, wenn es um ihn ging, dann konnte er wütend werden. Mehr als einmal hatte er sie deswegen verdroschen. Natürlich gab’s dann anschließend wieder ein paar handfeste Zuneigungsbeweise von seinem Vater, was ihn tagelang nicht mehr sitzen ließ. Aber das nahm er dann auch in Kauf. Irgendwann würde auch seine Schwester merken, daß sie ihn aus ihrem Spiel rauslassen mußte.
Und hier ging es wieder um seine Person. Und jetzt war sie schon wieder zu weit gegangen.
“Was?” ertönte wieder die Stimme seines Vaters, diesmal aber entschieden kräftiger, welches zur Folge hatte, daß Sven wieder um ein paar Zentimeter schrumpfte. “Geträumt? – Unser Herr Sohn liegt wieder einmal faul am Strand und träumt? Ich rackere mich hier ab, damit ich für den großen Sturm alles fest zurre, – und unser Herr Sohn träumt???”
Oh, wenn sein Vater schon unser Herr Sohn sagte, dann war es wirklich schlimm. Er sah schon eine große, kräftige Hand auf sich zukommen und wünschte sich, der richtige Sturm würde jetzt losbrechen. Dann wäre sein Vater mit anderen Dingen beschäftigt, als sich um das alberne Geschwätz seiner Schwester zu kümmern.
Aber es sah nicht so aus, als ob der Sturm sich seiner erbarmen würde. Der Vatersturm, der wurde kräftiger.
“Meinst du etwa, ich tue es alles nur für mich? – Meinst du das? – Damit du wieder in den Tag hineinträumen kannst? He, antworte mir gefälligst!”
Sven starrte ihn an. “Nnein…ich meine…ja”, stammelte er. “Aber ich…”
“Was – aber du?” unterbrach sein Vater barsch. “Was hast du dir denn jetzt wieder erträumt? – Eine Zauberinsel? Einen verwunschenen Seestern? – Oder hast du wieder Gesichter in den Wolken gesehen?!”
“Er glaubt, daß er ein schwarzes Schiff gesehen hat”, meldete sich seine Schwester wieder.
Oh dieses Weib; konnte sie nicht einmal ihr verfluchtes Maul halten? Mußte sie denn bei jeder Gelegenheit, die sich bot, ihre Lästerklappe aufreißen? Sven ballte die Fäuste und atmete tief ein.
“Stimmt das?” fuhr sein Vater ihn an.
“Jjja”, antwortete Sven zögernd. Es nutzte nichts, jetzt mußte er die ganze Wahrheit erzählen. ‘Aber warte Weib, das zahle ich dir heim’.
“Aber es ist die Wahrheit!” beteuerte Sven. “Ich habe nicht geträumt. Es war ein schwarzes Schiff, eine Dreimastkogge, und es fuhr gegen den Wind – und so schnell, daß ich garnicht dagegen gucken konnte!” – So, das war’s. Jetzt war es raus und jetzt sollte eben kommen, was kommen wollte. Jetzt war ihm auch alles egal.
Aber es kam nichts. Entgegen seinen Erwartungen blieb sein Vater erstaunlich ruhig und starrte ihn nur an. “Was sagst du da? – Ein schwarzer Dreimaster? – Gegen den Wind? – Heute?”
“Jjja!”
“Bist du ganz sicher, Sven?” Oho, er sagte wieder Sven zu ihm. Sollte er vielleicht etwas Wichtiges gesehen haben? – Sven nickte. Sein Vater kam zu ihm und legte die Hände auf seine Schultern. “Pass auf, mein Sohn. Überlege dir bitte ganz genau, was du gesehen hast. Ich habe nämlich das komische Gefühl, daß ich dir diesmal glauben muß; auch wenn es mir schwerfällt, nach den vielen Traumgeschichten.” Sven wollte noch etwas sagen, aber sein Vater winkte ab: “Du kannst uns alles ganz genau erzählen, wenn wir zuhause sind. Und jetzt kommt, ihr Beiden, es gibt Essen.”
Er schob Sven vor sich her in Richtung Wohnhaus. Nur mit Mühe konnte Sven sich befreien, um seine Netze und seine magere Ausbeute in der Scheune abzulegen. Dann folgte er den beiden ins Haus.
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Es bestand eigentlich nur aus zwei größeren Räumen. Dem Wohnraum, wo der große wuchtige Herd aus gebranntem Ton, zwei Schränke und Tisch und Stühle standen, und dem Schlafraum mit ebenfalls zwei Schränken und den Butzen mit den Kästen für Kartoffeln darunter. Seine Mutter, eine stattliche Frau mit ebenfalls langen, blonden Haaren und einem immer lächelndem Gesicht, hatte bereits den Tisch gedeckt. Der Geruch von Pellkartoffeln stieg ihm in die Nase, gleichzeitig war da noch ein anderer: ein Senfgeruch. Sven strahlte, sein Lieblingsessen: Eingemachter Hering mit Stippe. Er hob den Deckel des großen Tontopfes und sah hinein. Tatsächlich, da lagen sie schön säuberlich übereinander geschichtet. Sven nahm einen tiefen Atemzug, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und merkte im gleichen Moment, daß er beobachtet wurde.
Freut mich”, sagte seine Mutter, “daß mein Herr Sohn wenigstens zum Essen nach Hause kommt!”
Schon wieder dieses mein Herr Sohn. Diesmal aber half sein Vater ihm aus der Klemme. “Lass’ gut sein, Frau”, sagte er, “Sven hat uns was Wichtiges zu erzählen.”
Sven warf ihm einen dankbaren Blick zu. Gleichzeitig machte sich aber ein beklemmendes Angstgefühl in ihm breit. Was bedeutete der plötzliche Stimmungswechsel seines Vaters? Wieso glaubte er ihm plötzlich? Und was war so Wichtiges dran an dem, was er gesehen hatte?
“Na gut”, sagte seine Mutter, “dann setz’ dich hin und erzähle!”
Sven kam der Aufforderung nach und fing an zu berichten. Es war nicht viel, denn das ganze hatte ja nur Sekunden gedauert. Trotzdem stellten seine Eltern immer wieder Fragen. Und etwas Ungewöhnliches fiel ihm auf: Es schien zwar, daß sie ihm diesmal glaubten, aber alles irgendwie nicht wahrhaben wollten. Sie spürten zwar, daß Sven die Wahrheit sprach, aber sie konnten dieses, aus welchem Grund auch immer, nicht akzeptieren. Sie tauschten manchmal unverständliche Blicke miteinander, mal zustimmend, mal schreckhaft und auch abweisend.
Schließlich – Sven wollte gerade fragen, was denn eigentlich los wäre mit dem Schiff – sagte sein Vater: “Gut, jetzt hat Sven uns alles erzählt, dann laßt uns essen. Ich bin hungrig. Und du Sven, gehst morgen früh mit deiner Schwester zur Ing-Esche und hängst Opfer auf! – Hast du verstanden?”
Sven nickte. Schweigend setzten sie sich an den Tisch.
Und draußen auf See braute sich das schlimmste Unwetter zusammen, welches die Frieslande je gesehen hatten.
[...] Siehe: http://belletristik.wordpress.com/2009/11/06/der-gral-kapitel-1/ [...]